Puccini-Oper „La Rondine“ in Meiningen: Verruchtes Irgendwann

Meiningen.  Puccinis unsterbliche Melodien verzaubern die Besucher im Meininger Staatstheater.

"La Rondine" im Staatstheater Meiningen.

"La Rondine" im Staatstheater Meiningen.

Foto: Marie Liebig / Staatstheater Meiningen

Trifft die Hautevolee auf die Halbwelt, wird es schlüpfrig, zumal im Paris des zweiten Kaiserreichs. Diese Ansicht vertritt zumindest Bruno Berger-Gorski in seiner Inszenierung von Giacomo Puccinis lyrischer Komödie „La Rondine“, die jetzt im Meininger Staatstheater Premiere feierte. Zur Verdeutlichung transferierte er die Handlung in ein verruchtes Irgendwann im 20. Jahrhundert, mit viel nackter Männer- und Frauenhaut nebst feurigen Küssen auf offener Bühne.

Während Regie und Kostümbildnerin Françoise Raybaud das Libretto von Giuseppe Adami dergestalt geheimnislos modernisierten, zog sich Bühnenbildner Helge Ullmann mit ineinander verschachtelten, mit Gaze bespannten Bühnenprospekten in einen zeitlosen Raum des Ungefähren zurück. Dieser Raum ließ sich mühelos vom Salon des reichen Bankiers Rambaldo in den Pariser Tanzpalast „Bal Bullier“ und im dritten Akt schließlich in ein Sommerhaus an der Côte d’Azur verwandeln, und war bei der Premiere in Meiningen vor allem von einem erfüllt: der Musik.

Puccinis unsterbliche Melodien stiegen durch die kammermusikalische Finesse der Meiniger Hofkapelle ganz ergreifend im gülden-seidenen Zuschauerraum des neoklassizistischen Theaterbaus empor. Der Erste Meininger Gastdirigent Leo McFall zelebrierte die Partitur und ihre entzückenden Arien wie „Chi il bel sogno di Doretta“ mit viel Liebe zum Detail – und konnte sich dabei auf eine erstklassige Sängerbesetzung verlassen.

Romanze in knappem Negligéund Sandaletten

Als wäre ihr die anspruchsvolle Rolle der Kurtisane Magda auf den Leib komponiert, sang Elif Aytekin mit leicht rauchigem, dunkel erblühendem Sopran und eindrucksvollen Spitzentönen von der Vergeblichkeit ihrer Liebe zu Ruggero.

Ihn hatte sie im Salon ihres Versorgers Rambaldo (mit sonorem Bassbariton: Tomasz Wija) kennengelernt, sich im Takte von Puccinis Walzern im „Bal Bullier“ verliebt und zu einer Flucht an die französische Riviera verleiten lassen. Doch die Romanze in knappem Negligé und Sandaletten endete jäh mit Ruggeros Traum einer Familiengründung. Alex Kim gab mit leuchtend-anrührendem Tenor glaubwürdig den enttäuschten Liebhaber: „Non lasciarmi solo!“ Dennoch flatterte Magda als „La Rondine“ – die Schwalbe – mit gebrochenem Herzen zurück in ihren goldenen Pariser Käfig.

Mit viel Spielfreude überzeugte auch das Buffo- und Soubretten-Paar Robert Bartneck – mit schmeichelndem Tenor als Dichter Prunier – und Sopranistin Regine Sturm als Magdas kokettes Dienstmädchen Lisette. Prunier dominierte den ersten Akt mit seinem Gesang am Stutzflügel, der im Schlussbild höchst dramatisch in Flammen aufging und in einer Plexiglas-Variante auch die zentrale Requisite der Nachtclubszene im zweiten Akt bildete. Im „Bal Bullier“ verkörperten der bestens von Manuel Bethe einstudierte Chor und Extrachor sowie die Statisterie des Meininger Theaters in morbid wirkenden, schwarz-weißen Kostümen die Pariser Demi-monde. Doch eine unübersichtliche Personenregie verklumpte die Tanzgesellschaft im Hintergrund, überragt von halbnackten Go-go-Kellnern, die sich von adeligen Liebhaberinnen Sprühsahne auf dem Bauchnabel gefallen ließen. Inwiefern zudem alkoholische Exzesse und Body Painting als Kulisse für die zart sprossende Liebe von Magda und Ruggero dienlich sind, bleibt das Geheimnis der Regie.

Immerhin sorgte das Ballettensemble des Landestheaters Eisenach in der luftigen Choreografie von Andris Plucis für etwas Niveau im Nachtclub. Unterm Strich blieb am Ende Magdas Versprechen „Meine Seele ist bei dir alle Zeit“ als schwacher Trost für Ruggero, während Puccinis viel zu selten aufgeführte lyrische Komödie in einem melancholischen Violinsolo verklang. Für diese traumhafte Musik lohnt die Fahrt nach Meiningen allemal.

Die nächsten Vorstellungen von „La Rondine“: am Mittwoch, 4. Dezember, 19.30 Uhr, im Großen Haus des Meininger Staatstheaters, am Freitag, 20. Dezember, um 19.30 Uhr, und am Sonntag, 12. Januar 2020, um 15 Uhr

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