Rademanns Räderwerk: Konzerte in Mühlhausen und Weimar beschließen die Bach-Wochen

Mühlhausen/Weimar.  Zwei fulminante Konzerte in Mühlhausen und Weimar schließen die verkürzten Thüringer Bachwochen ab.

Hans-Christoph Rademann (Mitte) und die Gaechinger Cantorey setzten den Bachwochen in Mühlhausen ein Glanzlicht auf.

Hans-Christoph Rademann (Mitte) und die Gaechinger Cantorey setzten den Bachwochen in Mühlhausen ein Glanzlicht auf.

Foto: Wolfgang Hirsch

Mit einem Corona-Malheur, doch ebenso mit wunderbar erbaulichen Konzertstunden sind die herbstlich verdichteten Thüringer Bachwochen der Ausgabe 2020 zu Ende gegangen. Weil ein Mitglied des Prager Collegiums 1704 positiv auf das Virus getestet worden war, mussten die Tschechen noch am planmäßigen Abreisetag ihr Gastspiel in Arnstadt absagen. Immerhin blieb dies die einzige Unbill binnen des auf zehn Veranstaltungstage geschrumpften Festivals. Künstlerisch indes behauptete es seine herausragende Position im hiesigen Kultur-Kalender.

Trotz Mundschutz war dem Geschäftsführer Christoph Drescher der Verdruss anzusehen, als er das Konzert der Prager kurzfristig absagen musste. „Es hat schon eine gewisse Symbolkraft, wenn das Virus kein Magnificat zum Abschluss zulässt“, sagte er unserer Zeitung. Dennoch gibt sich Drescher zufrieden. Schließlich fanden 13 von 14 Konzerten problemfrei statt, und die Auslastungsquote erreichte die üblichen 90 Prozent. Allerdings zählten sie wegen diszipliniert eingehaltener Beschränkungen nur 1600 Besucher. Durchaus haben sich auch einige Touristen aus dem In- und benachbarten Ausland ihre „Bach-Dosis“ abgeholt, „aber bis amerikanische Bach-Fans wieder nach Europa kommen, wird es noch dauern“, fürchtet der Festival-Macher.

Die Cantorey auf Pilgerfahrt zu Bachs Orten

Wir erinnern uns: Die Bachwochen waren im Frühjahr das erste kulturelle Opfer der Viruskrise. Nach der Totalabsage zu Ostern gab es ein sommerliches Intermezzo und nun den ersehnten, kompakten Trost. Der Kunst tat das Virus keinerlei Abbruch, man passte sich an. So programmierte Hans-Christoph Rademann für seine Gaechinger Cantorey frühe Bach-Kantaten und kam in kleiner Besetzung in die imposante Divi-Blasii-Kirche nach Mühlhausen, deren Akustik seit je wegen ihres Nachhalls als heikel gilt.

„Aus der Tiefen rufe ich, Herr, zu dir“, „Christ lag in Todesbanden“ und „Nach dir, Herr, verlanget mich“ stammen allesamt aus dem Umfeld der kurzen Mühlhäuser Amtszeit Johann Sebastian Bachs; nach einem verheerenden Stadtbrand 1707 konnte die freie Reichsstadt sich den jungen Musik-Star nicht mehr leisten. Auch diese Wunden hat die Zeit nun geheilt: Das Vorzeige-Ensemble aus Schwaben musizierte in einer stupenden Qualität, wie sie der spätere Thomaskantor seinerzeit nie erlebt haben dürfte.

Die ungemein plastische Dramaturgie des Dirigenten formten der solistisch besetzte Chor und das kleine Instrumentalensemble mit Inbrunst zu wohlig-volumigem Sound; die famose Dynamik der Sänger, das federnde Bass-Fundament und die sehrende Musizierkunst im Originalklang-Gewand griffen wie Räderwerke in eins. Gleichwohl hatte das nichts von Mechanik, all diese Präzision bleibt menschengemacht - liebevoll mitfühlend in extremer Ausnahmesituation.

Beispielhaft für seine Kollegen sei Benedikt Kristjansson genannt: Wenn er den Tod Jesu als (Menschheits-)Erlösung feiert, tragen Anmut und Demut - nicht heldische Hybris - den Sieg davon. All das zeugte Herzensgüte und Wärme ins kühle Kirchenschiff, und als Rademann den euphorischen Schlussapplaus spontan unterbrach, um zu versichern: „Wir kommen wieder!“ - da wusste man, hier ist Freundschaft entstanden...

Ein junger Franzose brilliert in Weimar

Nichts anderes wünscht man sich für den jungen David Kadouch. Der hierzulande kaum bekannte Franzose brillierte anderntags, zur Sonntagsmatinee auf Weimars Schloss Belvedere, mit seiner verblüffenden, höchst variablen Anschlagskultur am Klavier: Die heitere Besinnlichkeit in einer Bearbeitung der Bachschen Jagdkantate BWV 208, die romantischen Gefühlseruptionen Clara Schumanns in den Variationen über ein Thema ihres Gemahls, dann der ungewohnt kraftvolle Gestus in drei Chopin-Nocturnes rissen das kundige Zuhörer-Völkchen zu morgendlicher Begeisterung hin. Höhepunkt waren Liszts schwerblütige, von der inneren Haltung der Auflehnung, nicht Schicksalsergebenheit redende Veränderungen über „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen“.

Und dies soll auch für die Thüringer Bachwochen gelten. Das Programm fürs Frühjahr 2021 hat Christoph Drescher schon parat, will den Vorverkauf jedoch - in der Vorahnung, dass es doch anders kommt - erst im Februar starten. Möge ihn die Genugtuung dieses aktuellen Erfolgs mit Unverdrießbarkeit wappnen!

www.thueringer-bachwochen.de