Spur der Keime (4): Goethes seltsamer Pestheiliger

Weimar.  Wie der Dichterfürst allen Gedanken an Tod und Krankheit entfloh.

Das Altarbild in der Rochuskapelle zu Bingen malte Louise Seidler nach einer Skizze Goethes. Der kolorierte Kupferstich von Carl August Schwerdgeburth und Johann Heinrich Meyer – unsere Abbildung – erinnert daran.  

Das Altarbild in der Rochuskapelle zu Bingen malte Louise Seidler nach einer Skizze Goethes. Der kolorierte Kupferstich von Carl August Schwerdgeburth und Johann Heinrich Meyer – unsere Abbildung – erinnert daran.  

Foto: Klassik Stiftung Weimar

Den Tod konnte Goethe, so formulierte es Rüdiger Safranski als sein Biograf trefflich, auf den Tod nicht ausstehen. Und mit Krankheit und Seuchen hielt er es ebenso. Zudem stand der Weimarer Klassiker allem Kirchlichen, zumal der katholischen Prägung, keineswegs nahe; dem Arkadier frommte vielmehr die Verehrung für die Götter Griechenlands. Dennoch stiftete er anno 1816 die Idee und einiges Geld für ein Altarbild: für die Rochuskapelle zu Bingen – just einem Pestheiligen zu Ehren.

Professor Hermann Mildenberger, Leiter der Graphischen Sammlungen der Klassik Stiftung Weimar, zieht zum Beleg aus seinen unerschöpflichen Depots einen kolorierten Kupferstich für Goethes „Ueber Kunst und Alterthum“ hervor. Die ursprüngliche Skizze des universell begabten Dichters, nach der Louise Seidler das Andachtsbild dann malte, konnte erst vor kurzem identifiziert werden. Und nun, mit aller Behutsamkeit, öffnet Mildenberger uns Sehenden für die zutiefst ironisierende Auffassung des Themas die Augen. Sinnbildhaft steht es für Goethens Eskapismus vorm leiblichen Übel in dieser Welt.

In der christlichen Ikonographie, so erklärt der Experte, trägt St. Rochus überm Knie eine schwärende Pestwunde. Stets wird er in armseligem Gewand und mit Pilgerstab dargestellt; ein großer Hund leckt ihm, um den Schmerz zu lindern, die Wunde und labt ihn mit Brot. All das ist der Biografie des mittelalterlichen Rochus von Montpellier, der als Franziskaner nach Rom pilgerte und sich als Heiler selbst mit der Pest infizierte, entlehnt.

Ganz anders kommt aber der Rochus in goethischer Umdeutung daher. „Wenn man’s nicht weiß, muss man sich sehr anstrengen, ihn zu erkennen“, sagt Mildenberger. – Hier macht der Heilige einen properen und vitalen Eindruck; dass er Geschmeide und Goldstücke an Kinder schenkt, interpretiert man eher als barmherzige Geste, als dass man die Tat mit dem Armutsgelübde des Ordens in Zusammenhang brächte. Dazu ein liebliches Schoßhündchen als Wegbegleiter und im Hintergrund ein von Orangenbäumen gezierter Palast, der auf idyllische Verhältnisse schließen lässt.

Also eher ein junger Galan, der zur Kavaliersreise aufbricht? Äußerstenfalls stellen wir uns Seume so beim „Spaziergang nach Syrakus“ vor. Mildenberger erklärt noch die Rahmenumstände: Goethe kannte die Kapelle von Besuchen bei den befreundeten Brentanos recht gut, und ihnen zuliebe, womöglich auch eingedenk eigener Erfahrungen in den Franzosenkriegen, welche die alte Kapelle ruiniert hatten, setzte er sich für deren Sanierung ein.

Mit gebührender Süffisanz zitiert der Professor aus einem Brief Goethes an Sulpiz Boisserée dessen Resümee zum Altarbild: „Es ist wunderlich entstanden. Die Skizze ist von mir, der Carton von Hofr. Meyer und eine zarte liebe Künstlerinn hat es ausgeführt. Sie werden es schwerlich dem Rochusberge in Ihre Sammlung entwenden. Es sey aber an seinem Platze wirksam und so ist es recht und gut.“ – Dies heute wie seinerzeit, im Jahr 1816.

Goethehaus und Goethe-Nationalmuseum

  • Typus: Literatur-Museum
  • Träger: Klassik Stiftung Weimar
  • Schwerpunkte: Präsentation und Erforschung von Leben und Werk Goethes; Dauerausstellung „Lebensfluten. Tatensturm“
  • Gegründet: 1885
  • Besucher/Jahr: ca. 146.000
  • Öffnungszeiten: vorübergehend geschlossen
  • Web: www.klassik-stiftung.de