Spur der Keime (7): Balsam für die Seele

Rudolstadt.  Seuchen haben uns tiefe Spuren ins kulturelle Gedächtnis graviert. Wir forschen danach diesmal auf der Heidecksburg in Rudolstadt.

Die Heidecksburg in Rudolstadt.

Die Heidecksburg in Rudolstadt.

Foto: Thomas Spanier

Als Profession Jesu Christi nennt die Bibel das Zimmermannshandwerk; des Weiteren mag man ihn als Fischer, Prediger und Wunderheiler bezeichnen, schließlich als Salvator Mundi, als Erlöser der Welt. Der pharmazeutischen Zunft indes wird er nie zugerechnet.

Umso mehr überrascht ein edler Wandteppich auf der Heidecksburg Rudolstadt, der „Christus als Apotheker“ darstellt. „Das Motiv“, bestätigt Direktor Lutz Unbehaun, „gibt es in der spätmittelalterlichen Kunst nicht. Erst mit der protestantischen Frömmigkeit wird es beliebt.“ Unbehaun zieht Vergleiche zu einem Nürnberger Tafelbild aus dem frühen 17. Jahrhundert und erinnert daran, dass damals die Pharmazie an Bedeutung gewann.

Das korrespondiert mit dem Phänomen der „Buckelapotheker“, die in den Tälern rund um die Schwarzburg Kräuter sammelten und ihre Extrakte bis ins Rheinland und nach Flandern handelten. Den umgekehrten Weg ging der Teppichwirker Seger Bombeck, der, wohl in Brüssel ausgebildet, Werkstätten in Leipzig und Weimar betrieb. Seine Nachfolger stellten aus feinster Wolle den Gobelin her.

Experten datieren ihn in die Zeit zwischen 1590 und 1630; da wird auch der Pestzug der 1580er-Jahre noch im Bewusstsein gewesen sein. „Das große Vorbild waren die flämischen Gobelins, die sehr, sehr teuer waren“, weiß Unbehaun. Also gaben die Schwarzburger Fürsten das kostbare Gewirk in Weimar in Auftrag – für ihren Stammsitz, die Schwarzburg. Dort zierte der Teppich bis 1926 die Schlosskirche; danach verliert sich seine Spur.

Erst kürzlich wurde er in den Beständen der Klassik-Stiftung wiederentdeckt und als Dauerleihgabe nach Rudolstadt überstellt. So weit, so gut. Was aber will das heilpraktische Bildmotiv uns verraten? Aus medizinischer Sicht lernen wir, dass man in der Frühneuzeit jeglicher geistlich-metaphysischen Labung der Seele ebenbürtigen Rang zu allen materiellen, der Physis dienenden Arzneien beimaß, weil, wie Unbehaun schildert, „nicht nur der Körper, sondern auch die Seele genesen muss“. So greift der heilige Apotheker auf dem Gobelin zwar mit der Rechten in die Kreuzwurzel-Schale, während seine Linke die Apothekerwaage als Sinnbild des richtigen Maßes hält. Die Gefäße auf seinem Rezepturtisch indes enthalten „Geduld, Hoffnung, Glaube, Libe, Barmherzigkeit, Bestendigkeit, Hufae, Fride“ – lauter sittliche Werte, die einen Christenmenschen in seinem inneren Gleichgewicht stärken sollen.

Dazu die beiden auf Jesaja (55,1) und das Matthäus-Evangelium (11, 28) verweisenden Inschriften, die besagen, dass dieser Balsam „ohn Gelt und umbsonst“ an jeden „Mieseligen“ – also Fieberkranken – ausgereicht werde. Und diese Anschauung, dass dem gläubigen Christen nicht als Lohn seiner Taten oder für Ablassbriefe, sondern als Gnade die Erlösung zuteil werde, ist zutiefst lutheranisch. Ebenso wie das Verhältnis zu Gott, das laut dem Reformator keiner kirchlichen Vermittler bedürfe; es ist halt so direkt und persönlich wie die Betreuung eines Patienten beim Apotheker.

Mag sein, vielleicht half in alter Zeit die Betrachtung eines solchen Gobelins sogar psychosomatisch …