Spur der Keime (8): Heilloses Lachen

Greiz.  Galgenhumor impft uns gegen die Angst vor dem Tod.

Die Karikatur der Mannheimer Zeichnerin Petra Kaster zählt zum reichen Bestand des Satiricums Greiz.

Die Karikatur der Mannheimer Zeichnerin Petra Kaster zählt zum reichen Bestand des Satiricums Greiz.

Foto: Petra Kaster / Staatliche Bücher- und Kupferstichsammlung Greiz

Humor hilft in allen Lebenslagen; diesen Anspruch löst das Satiricum Greiz, mit 15.000 Blättern eine der größeren Einrichtungen seiner Art, allemal ein. 1975 als nationale Karikaturensammlung der DDR gegründet, beherbergt es neben diesen papierenen Zeugen der Zeitgeschichte auch zahllose historische Zeichnungen und Grafiken von Altmeistern wie Chodowiecki, Hogarth, Gillray oder Daumier.

Explizite Seuchendarstellungen finden sich darunter keine. Offenbar eignet sich ein drastisches epidemisches Geschehen nicht für Sarkasmus oder Schwarzen Humor; da wahren selbst Karikaturisten die Grenze zur Pietät. Doch zückt Direktorin Eva-Maria von Máriássy spontan ein Blatt der Mannheimer Zeichnerin Petra Kaster, das den Sensenmann aufs Korn nimmt.

„Lachen, das uns unwillkürlich überkommt, ist eine echte, unverstellte Gefühlsregung“, betont die Kunsthistorikerin. „Also ist es immer erlaubt.“ Zwar räumt sie ein, dass der Tod in der Welt der Satire eher einen Nischenplatz einnehme, „sobald er jedoch als Täter auftritt, als antiquiert-betulicher Sensenmann, lacht man gern.“ Witz und Spott helfen, uns leichter mit Unausweichlichem, zeitlebens Verdrängtem abzufinden. Oder, wie Karl Valentin formulierte: „Alle Menschen müssen sterben. Wahrscheinlich auch ich.“

Sogar heilloses Gelächter signalisiert Lebensfreude; die Zwerchfellstimulation gilt als eine Form von Katharsis und besitzt therapeutische Funktion. Zugleich macht es das Ableben – unter Ausblendung konkreter Umstände – alltäglicher, also vertrauter. Bezeichnungen wie Freund Hein, Gevatter Tod oder die personifizierte Darstellung als Sensenmann – des Landarbeiters, der bei der Mahd keine Unterschiede zwischen den Halmen macht – zielen ebenfalls auf diese Wirkung hin.

Petra Kaster, die ehedem „aus Notwehr gegen Schulzwänge und Lateinkoma“ ihre satirische Leidenschaft entdeckte, in Essen und Boston ausgebildet wurde und heute als Karikaturistin wie als Animationsfilmerin namhaft ist, hatte ursprünglich aber gar nicht den Sensenmann im Visier. Sondern sie schuf, wie Máriássy erzählt, das nämliche Blatt zur Triennale 2009: Damals galt es, „800 Jahre Greiz. Im Dschungel der Kleinstadt“ zu feiern. Ergo geht es gegen den klassischen, in seinen piefigen Konventionen befangenen Kleinbürger: wie er die lieben Nachbarn observiert und deren (Fehl-)Verhalten durch Nachrede ahndet. Der Perspektivwechsel bezieht nun den Schnitter in diese Kritik ein.

Freilich hätte Máriássy auch aus ihrem reichen Fundus an Totentänzen aus fünf Jahrhunderten auswählen können. Dieses kulturhistorisch alte Format entbehrt jedoch der satirisch-heiteren Zuspitzung – und das Lachen als Impfung gegen die Angst vor dem Ende haben wir doch in Zeiten der Krise verdient!

Aber Vorsicht, zügelloser Humor birgt auch Gefahren! So soll der Renaissance-Dichter Pietro Aretino, bevor seine Schriften posthum auf den päpstlichen Index kamen, sich 1556 totgelacht haben. Der Legende nach fiel er infolge eines derben Witzes vom Stuhl: Genickbruch.