Spur der Keime (9): Famoser Schmuck aus finsterer Zeit

Erfurt.  Der jüdische Erfurter Schatz kündet einst vom Pestpogrom anno 1349.

Als kostbares Zeugnis gotischer Goldschmiedekunst gilt der jüdische Hochzeitsring, den Archäologen 1998 aus einem Erdtresor unter einem Haus in der Erfurter Altstadt bargen. Nur zwei weitere solcher Ringe sind weltweit bekannt.

Als kostbares Zeugnis gotischer Goldschmiedekunst gilt der jüdische Hochzeitsring, den Archäologen 1998 aus einem Erdtresor unter einem Haus in der Erfurter Altstadt bargen. Nur zwei weitere solcher Ringe sind weltweit bekannt.

Foto: Jens-Ulrich Koch / ddp

Was für ein Schatz, welch herrliche Kleinodien des Mittelalters! Da gehen schier jedem Betrachter die Augen über: Kannen, Becher und anderes Geschirr, Schmuckstücke wie Broschen, Gewandapplikationen und – als Höhepunkt – ein güldener jüdischer Hochzeitsring. Dazu 3141 silberne Münzen und 14 Barren. Bis zum 21. März 1349 nannte Kalman von Wiehe sich deren Eigner; kein Adliger – das „von“ verweist auf die Herkunft – sondern ein Bankier und Geldhändler in Erfurt.

Dann überwölben Trauer und Bitternis die Augenlust. Denn Kalman und seine Familie wurden während eines Pestpogroms erschlagen. Maria Stürzebecher, Kuratorin in der Alten Synagoge, erzählt die gesicherten Fakten. „Stereotype gibt es bei Pogromen eigentlich nicht“, sagt sie, „sie verliefen in jeder Stadt anders.“ Nur der Mechanismus, Minderheiten oder vermeintlich Fremde für unerklärliches Unheil zu beschuldigen, ist immer derselbe. Bis heute.

Es war weiß Gott nicht das einzige Pogrom, schon 1221 gab es – nicht in Erfurt allein – eine Judenverfolgung. Bloß wissen wir darüber wenig. Von dem schwärzesten Märztag der Erfurter Stadtgeschichte anno 1349 hingegen, einem Schabbat, zeugen Verhörprotokolle: Eine Verschwörer-Gruppe aus einigen Ratsmitgliedern sowie zu Wohlstand aufgestiegenen Zunftleuten wollte die Macht der etablierten Patrizier brechen. Um das zu verstehen, muss man sich die starre Ständeordnung jener Zeit vergegenwärtigen.

Die kleine jüdische Gemeinde stand unter der Obhut des Erzbistums und zahlte eine Schutzsteuer dafür; der Bischof wiederum hatte diese an den Stadtrat verpachtet. Für eine Stadtrevolte stiftete die drohende Pest also willkommenen Anlass. „Die Pogromwelle lief dem Pestzug von Süden her voraus“, weiß Stürzebecher. „Die Seuche erreichte Erfurt erst 1350. Aber die Angst davor war real.“

Man wusste ja damals nichts von den medizinische Ursachen der Epidemie; zudem zeitigte das Pogrom mit dem Initial, die Andersgläubigen mit ihren fremden, teils diskreten Schriften und Bräuchen der Brunnenvergiftung zu zeihen, ökonomische Nebeneffekte: Mit einem Schlag war man seiner Geldschulden ledig, die Häuser der Juden wurden geplündert. Lichterloh brannte ihr Viertel, die Männer wurden in der Synagoge, ihre Familien in den Häusern erschlagen. Zwar hätte der Stadtrat „seine“ Juden schützen müssen; doch keine Hand regte sich, bis es vorbei war.

Schon 1354 zog wieder jüdisches Leben in Erfurt ein; die Kompetenzen und weltläufigen Netzwerke dieser Wenigen waren der christlichen Mehrheitsgesellschaft ja nützlich. – Den Schatz Kalmans von Wiehe entdeckten Archäologen 1998 bei Bauarbeiten in der Michaelisstraße 43; heute wird er im Museum Alte Synagoge ausgestellt. „Sein Schatz war gewiss nicht der größte in Erfurt“, sagt Stürzebecher. „Sondern nur der am besten versteckte.“ Die Barren und Münzen hatte er als Notgroschen im Erdtresor im Keller verborgen.

Kalmans Familie muss, als sie die Pogrom-Gefahr nahen spürte, weitere Wertgegenstände eilends versteckt haben. An manchem Gewandschmuck entdeckten die Restauratoren noch alte Nähfäden.