Stiftungsdirektor von Buchenwald spricht über seine Pläne für Thüringer Gedenkstätten

Weimar.  Im öffentlichen Gespräch gab der neue Direktor der Gedenkstätten Buchenwald bei Weimar und Mittelbau-Dora Auskunft über seine Pläne.

Jens-Christian Wagner hat in Thüringen die Nachfolge von Volkhard Knigge als Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora angetreten. Zum 1. Oktober wechselt er zudem an die Universität Jena.

Jens-Christian Wagner hat in Thüringen die Nachfolge von Volkhard Knigge als Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora angetreten. Zum 1. Oktober wechselt er zudem an die Universität Jena.

Foto: Swen Pförtner / dpa

Jens-Christian Wagner ist in Thüringen kein Unbekannter. Von 2001 bis 2013 leitete er die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora bei Nordhausen, bevor er als Leiter der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten auf die andere Seite des Harzes wechselte. Für öffentliche Aufmerksamkeit sorgte er dort auch durch die streitbare Verteidigung eines historisch verantwortungsvollen Gedenkens gegen Angriffe der extremen Rechten. So ließ er in Niedersachsen AfD-Vertreter wegen Volksverhetzung anklagen und eine Gesetzesänderung durchsetzen, die verhindert, dass die AfD einen Sitz im Stiftungsrat erhält.

Nun ist Jens-Christian Wagner nach Thüringen zurückgekehrt. Vor kurzem trat er hier die Nachfolge von Volkhard Knigge als Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora an. Verbunden ist das Amt mit einer Geschichtsprofessur in Jena. Einer der ersten Schritte Wagners in seiner neuen Funktion war das Festhalten am Hausverbot für AfD-Vertreter.

Erstmals öffentlich vorgestellt hat sich der 54-Jährige jetzt einem coronabedingt kleinen Publikum in der Gedenkstätte Topf & Söhne in Erfurt. Im Gespräch mit dem Radiojournalisten Henry Bernhard sprach er über Werdegang, Pläne und Ansichten zur Zukunft der Erinnerung. Dabei räumte er ein, er sehe den Begriff der Erinnerung inzwischen kritisch. Da immer weniger Zeitzeugen lebten, könne sich niemand mehr wirklich an die Zeit erinnern. Gedenkstätten dürften keine Orte reiner Beglaubigung oder emotionaler Überwältigung sein. Wagner plädierte statt dessen für aufgeklärte und kluge Wissensvermittlung, die es Menschen jedes Alters ermögliche, eigene Urteile aus der Geschichte für die Gegenwart zu fällen. Von Zwangsverpflichtungen junger Leute zum Besuch von KZ-Gedenkstätten halte er nichts. Statt vieler kurzer wünsche er sich weniger, aber bewusste und längere Aufenthalte, bei denen die Besucher auch selbst aktiv werden können.

Im Gespräch würdigte der neue Stiftungschef die Leistungen, die Mitarbeiter in den heftig geführten Deutungskämpfen der 1990er-Jahre bei der Neukonzeption der Gedenkstätten erbracht hätten. Inzwischen bedürften die Ausstellungen aber wieder der Erneuerung. So hätten insbesondere die Ausstellung zum sowjetischen Speziallager und zur DDR-Zeit auf dem Ettersberg ihre Mindesthaltbarkeitsgrenze deutlich überschritten. Übernommen hat Wagner von seinem Vorgänger die Verantwortung für die Präsentation zur NS-Zwangsarbeit, die 2021 ins Weimarer Gauforum einziehen soll. Letztere verband der neue Mann an der Stiftungsspitze auch mit einem Bekenntnis zur engen Verbindung von Buchenwald und Weimar, an der er festhalten will.

Pläne hat Jens-Christian Wagner zudem in Sachen Digitalisierung. Vor allem junge Leute bezögen Informationen elektronisch, dort müsse man ansetzen und verfälschenden Ansichten etwas entgegensetzen. So habe die Stiftung jetzt erstmals einen Twitter-Kanal. Angebote etwa von virtuell simulierter Authentizität müssten aber kritisch überprüft werden. Einem Projekt der Spielberg-Foundation, das Holocaust-Überlebende als befragbare Avatare virtuell am Leben hält, stehe er skeptisch gegenüber. „Um mir wirklich ein Urteil zu bilden, muss ich es mir aber erst anschauen“, sagte Wagner.