„Thüringen first“ bei Unesco-Bewerbung

Schnepfenthal  Der Kulturhistoriker Frank Lindner sieht die Residenzlandschaft im Freistaat auf der Welterbe-Liste. Dazu haben wir mit ihm gesprochen.

Der Innenhof von Schloss Friedenstein

Der Innenhof von Schloss Friedenstein

Foto: Wolfgang Möller

Die außer Landes angestrengte Großstiftung und der Schlösserstreit sind überstanden. Die Thüringer können wieder selbstständig über ihr Kulturgut befinden. Und sie erhalten eine eigene finanzielle Unterstützung vom Bund. Thüringen ist nunmehr frei für eine für das Land wichtigere, weitreichendere und angemessenere Idee.

Das Anfang September in Bad Liebenstein durchgeführte Symposion „Thüringer Residenzlandschaft – Vom Kleinstaaterbe zum Welterbe“ hatte ja längst die Initialzündung für ein etwaiges thüringisches Schlösser-Weltkulturerbe gelegt und dessen Beantragung als unbedingt geboten erklärt.

Doch auch hier sind Hürden zu beachten, von der Frage nach dem immateriellen Erbe bis hin zur Zugehörigkeit von Residenzen aus unterschiedlichen Bundesländern. Kulturhistoriker Frank Lindner aus Schnepfenthal erklärt unter anderem, was es bei der Unesco-Bewerbung zu beachten gilt.

Thüringens Residenzlandschaft ist die dichteste Europas. Steht deren Achtsamkeit nunmehr vor neuen Perspektiven?

Thüringen in seiner Jahrhunderte-Entwicklung lediglich als „Flickenteppich“ abzutun, genügt heute nicht mehr. Unter den 16 Bundesländern wartet Thüringen nicht nur mit der längsten Kulturgeschichte auf, seine fürstlichen Kleinstaaten verkörpern faktisch ein wichtiges deutsches Stück föderal geschehener Geschichte. Hier entstanden liberale Verfassungen wie nirgendwo anders in Deutschland. Das thüringische Weißensee ist bereits 1446 die Geburtsstätte der ersten Landesverfassung, mithin der Vorläufer des deutschen Parlamentarismus. Das Gothaer Nachparlament (1849), das Erfurter Unionsparlament (1850) die Gothaer Einführung der bis 1918 fortschrittlichsten Verfassung (1852), die Begründung der deutschen Republik in Weimar (1919) zeigen Thüringen als historische Folie der deutschen Demokratie. Schließlich hat der in wechselseitiger Abhängigkeit von den Residenzen geführte Wettbewerb moderne Kulturgeschichte par excellenze erbracht.

Welche Formalien hätte ein solcher Weltkulturerbe-Antrag zu berücksichtigen?

Ein solcher Antrag wäre auf formale Unesco-Regularien festgelegt. Diese fragen nach dem materiell-vorzeigbaren und erhaltenswerten Kulturerbe, nicht nach Geistes-, Brauchtums- und Dokumenten-Kulturerbe, dafür hält die Unesco andere Formate bereit. Das heißt, die so einmalig reiche Geisteskultur Thüringens, oft eng verbunden mit der Kultur der Thüringer Residenzen, kann bei der Weltkulturerbe-Beantragung keine primäre Rolle spielen, wiewohl die großen geistesgeschichtlichen Errungenschaften ein tüchtiges Zeugnis der einzigartigen Thüringer Kultur ausmachen. Zu denken wäre etwa an die Weimarer Residenz mit Eisenach und Jena. Hier wird die politisch-kulturelle Kleinteiligkeit Thüringens durch die Weltläufigkeit ihrer Ideen quasi aufgehoben. Stichwort Luther und die neue Weltreligion. Stichwort J. S. Bach und die Weltmusik. Stichwort Goethe und die Weltliteratur. Stichworte Fichte, Krause, Hegel, Eucken, Frege, Nietzsche und die Weltphilosophie. Stichwort Gropius und die Weltarchitektur.

Sehen Sie diese Weltläufigkeit der Ideen auch in der Gothaischen Residenz?

Die Residenzstadt Gotha ist im 19. Jahrhundert die wohl markanteste Wissenschaftsstadt Deutschlands. Sie steht nicht nur für annähernd 20 Begründungen neuer Einzelwissenschaften und eine stattliche Reihe neuer wissenschaftlicher Institutionen, sondern auch für eine Zeitschriftenliteratur, die ihresgleichen sucht: die erste Fachzeitschrift für Physik (1781), die erste Fachzeitschrift für Pädagogik (1800), die erste astronomische Zeitschrift der Welt, die erste numismatische Zeitung der Welt (1804), die erste ornithologische Zeitung der Welt (1854) und die erste geografische Zeitschrift der Welt (1855).

Was wäre besonders angeraten?

Dass das Thüringen-Welterbe-Projekt nicht als das eines einzelnen Landes erfasst und ausgestattet, sondern als durchaus nationales begriffen wird. Dass das Projekt in seiner Größe und Bedeutung nicht allein mit haushälterischen Blicken angesehen wird; thüringische, deutsche und europäische Geschichte sind zu befragen und zu bedeuten. Dass andere Lebensadern thüringisch-deutscher Hochkultur nicht hinten runter fallen. Dass möglichst Gerechtigkeit bei der Ausgabe von Finanzmitteln angestrebt wird, etwa hinsichtlich der Sanierung des Bayreuther Festspielhauses – die Wagner-Festspiele wurden einst von den Philharmonikern aus dem thüringischen Meiningen aus der Taufe gehoben – und der thüringischen Schlösser-Reihe, die möglichst in den Rang von Weltkulturerbe kommen soll.

Was wäre in Gotha überdies zu bedenken?

Ob etwa die Nebenresidenz-Schlösser als dem öffentlichen Raum „Friedenstein“ zugehörig oder nicht zugehörig, selbstständig oder gar nicht betrachtet werden sollten. Das Renaissance-Schloss Ehrenstein glänzt durch seine Schönheit, das Schloss Friedrichsthal durch seinen Ordonanz/Orangerie-Garten als Perspektive zwischen zwei Schlössern, das Barock-Schloss Friedrichswerth durch seine erhaltene bauliche Authentizität, das Schloss Reinhardsbrunn durch seinen natürlichen und historischen Standort. Dass hier der universelle Kopf Ernst des Frommen still und leise das protestantische Rom verankert und sich selbst als dessen Oberhaupt erhofft hatte, dem müsste die Forschung freilich noch den spekulativen Ansatz nehmen. Schließlich wäre das historische „Coburg/Gotha“ zu befragen, ob es in den Weltkulturerbe-Antrag einbezogen werden sollte. Aus meiner Sicht: Sehr wohl! Auch wenn nicht mehr zusammenwachsen durfte, was lange zusammengehörte.