Thüringer Festival unterm Feigenbaum

Erfurt.  Die 28. Tage jüdisch-israelische Kultur bieten im November 100 Konzerte, Lesungen, Vorträge, Theater- und Kinoabende in 16 Städten und Orten an.

Manuela Weichenrieder und Martin Verborg vom Quartett „The Sephardics“ aus Nordrhein-Westfalen, das auf dem Rudolstadt-Festival 2019 den „Ruth“-Förderpreis  erhielt. es gastiert am 3. November  im Café Wagner in Jena, in Kooperation mit der Jazzmeile Thüringen.

Manuela Weichenrieder und Martin Verborg vom Quartett „The Sephardics“ aus Nordrhein-Westfalen, das auf dem Rudolstadt-Festival 2019 den „Ruth“-Förderpreis erhielt. es gastiert am 3. November im Café Wagner in Jena, in Kooperation mit der Jazzmeile Thüringen.

Foto: Kurt Rade / The Sephardics

Motti, 25 Jahre alt, sah noch nie eine nackte Frau. Aber wozu haben wir Internet?! Dort gibt der Student das jiddische Suchwort ein: „naket froj“. Und er stößt erstmal nur auf „seltsame Kunst“.

Ob Thomas Meyer aus Zürich diese zugespitzte Szene vorträgt, wenn er am 10. und 11. November mit seiner inzwischen auch verfilmten Romansatire „Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse“ in Erfurt und Mühlhausen auftritt, wird man sehen. Jedenfalls aber fasst sie sehr schön die Thüringer Tage jüdisch-israelischer Kultur zusammen. Sie präsentieren mehr als zwei Novemberwochen lang „Jüdische Lebenswelten“, die sich ja zwischen nackten Wahrheiten und Kunst, Klischees, Missverständnissen und Aufklärung bewegen.

Mordechai „Motti“ Wolkenbruch wuchs, der Mutter sei Dank und Fluch, als orthodoxer Jude in Zürich auf; bei Verwandten in Tel Aviv geht es viel liberaler und offener zu. Dann aber verliebt er sich in eine Schickse: eine Nichtjüdin also. Motti legt gleichsam sein Feigenblatt ab.

Programmchefin Aline Bauerfeind: „Fruchtig, frech, offen!“

Und die jüdisch-israelischen Kulturtage wollen sowieso kein Feigenblatt sein, sondern „fruchtig, frech, offen!“ So die neue Programmchefin, Aline Bauerfeind. Sie übernahm von Vorgänger Michael Dißmeier das Prinzip, das Festival mit einer Frucht von liturgischer Bedeutung zu bewerben. Nach Granatäpfeln und Zitronatzitronen leuchten nun Feigen auf Plakaten und Programmen. Erstmals sieht man auch das Fruchtfleisch.

Das Symbol mag an den „Schwerter zu Pflugscharen“-Propheten Micha erinnern: „Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken.“ Dass sich die Weissagung erfüllt, rückt nicht allein nach antisemitischen Attentaten und Anschlägen in Halle, Hanau oder Hamburg allerdings wieder in die Ferne.

Ohnehin bedeutet öffentliches jüdisches Leben hierzulande noch heute eine Leerstelle, die wir uns einst ins eigene Fleisch schnitten und nun mühsam zu schließen versuchen. „Ich bin stolz“, erklärt Bodo Ramelow (Linke) zwar fürs Programmbuch, „als Ministerpräsident des Freistaates Thüringen zu sehen, dass jüdisches Leben in Thüringen feste Wurzeln geschlagen hat!“ Dabei spielt es aber im öffentlichen Alltag eigentlich kaum eine Rolle und ereignet sich eher bescheiden: hinter Türen einer 850 Mitglieder zählenden Landesgemeinde, die man allerdings durchschreiten könnte.

„Jüdische Kultur funktioniert eigentlich auch ganz ohne Juden“

Zugleich finden hier jährlich drei jüdisch grundierte Festivals statt: neben den Kulturtagen der Yiddish Summer und die Achava-Festspiele. Das sei „gewissermaßen eine paradoxe Situation“, erklärte vor einem Jahr Jascha Nemtsov im TV-Kulturtalk unserer Zeitung. Der Weimarer Professor für die Geschichte der jüdischen Musik stellte, das Publikum betreffend, provokant-ironisch fest: „Jüdische Kultur funktioniert eigentlich auch ganz ohne Juden, vielleicht sogar noch besser.“

Nemtsov wird die Kulturtage am 2. November offiziell eröffnen. In der Erfurter Michaeliskirche spielt er Klavierwerke jüdischer Komponisten, die Zeitgenossen des Dichters Paul Celan waren, der Ende November 100 Jahre alt würde; Blanche Kommerell trägt aus Celans Lyrik, Prosa und Briefen vor.

Die Kulturtage, die bis 15. November insgesamt rund 100 Konzerte, Vorträge, Lesungen, Ausstellungen, Theater- und Kinoaufführungen in sechzehn Städten und Ortschaften umfassen, beginnen allerdings schon vorher, unter anderem mit zwei Ausstellungseröffnungen: In der Alten Synagoge beschreiben Kunstschätze nicht nur aus Erfurt selbst ab 28. Oktober die „Jüdische Hochzeit im Mittelalter“. Und einen Tag später findet im Kulturzentrum der Landesgemeinde eine Vernissage für Lutz Balzers Fotoschau über Synagogen in Osteuropa statt.

Jüdische Künstler sind selbstredend am Festival beteiligt, solche aus Israel hingegen nur insofern, als sie inzwischen in Deutschland leben. Israel hat soeben erst einen zweiten, einmonatigen Corona-Lockdown einigermaßen gelockert; an Ausreisen ist dort aber gerade nicht zu denken.

Aus Berlin kommt stattdessen etwa das deutsch-israelische Trio Gurgulitza am 1. November nach Erfurt; die Sängerinnen entdecken alte südosteuropäische Weisen neu. Ebenfalls von dort reist wiederholt Shlomit Tripp mit ihrem jüdischen Puppentheater „Bubales“ an: Ihre Stand-Up-Comedy „Politisch koscher“ zeigt sie am 4. November in Jena. Einen Tag zuvor tritt dort das Quartett „The Sephardics“ aus Nordrhein-Westfalen auf, das auf dem Rudolstadt-Festival 2019 den „Ruth“-Förderpreis erhielt.

In Rudolstadt und Mühlhausen gastiert am 2. und 3. November das Theaterstück „Das Kind von Noah“ aus Köln, nach dem Roman von Éric-Emmanuel Schmitt. In Sondershausen spielen Patrick Farrell (Akkordeon) und Giuseppe Sciarratta (Klarinette) am 30. Oktober ihren Klezmer-Abend, die Leipziger Rabbinerin Esther Jonas-Märtin spricht dort am 3. November über „Juden in der DDR“ (und wiederholt den Vortrag am 11. November in Weimar). Der Leipziger Synagogalchor singt am 10. November in Altenburg.

Traditioneller Abschluss mitLanger Nacht des Klezmer

Schon traditionell enden die Kulturtage offiziell am 14. November mit der Langen Nacht des Klezmer in Erfurt: diesmal für maximal 180 Zuhörer in der Thomaskirche. Überhaupt bestimmen die Corona-Auflagen die Festivalorganisation deutlich. Doch Thüringens Staatskanzlei, die das Programm mit 50.000 Euro fördert, gab frühzeitig die Parole aus: Die Kulturtage sollen stattfinden. Immerhin befinden wir uns gerade im am jüdischen Kalender orientierten Themenjahr „900 Jahre jüdisches Leben in Thüringen“.

Programm unter www.juedische-kulturtage-thueringen.de