Thüringer Theaterpreis für „Face me“

Erfurt.  Das multimediale Solo des Tanztheaters Erfurt überzeugt auch beim „Avant Art Festival“. Dieses konnte am Wochenende leider nur online stattfinden.

Tabea Wittulsky in „Face me“ von Ester Ambrosino, Michael Krause und Dirk Rauscher. Die Aufführung ist eine Koproduktion des Tanztheaters Erfurt, mit dem DNT Weimar und dem Theaters Erfurt.

Tabea Wittulsky in „Face me“ von Ester Ambrosino, Michael Krause und Dirk Rauscher. Die Aufführung ist eine Koproduktion des Tanztheaters Erfurt, mit dem DNT Weimar und dem Theaters Erfurt.

Foto: Candy Welz / DNT Weimar

Daran führte wohl kein Weg vorbei: Die Jury „Avant Art Festivals“ hat der multimedialen Aufführung „Face me“ zum Finale am Sonntagabend den Thüringer Theaterpreis zugesprochen. Das bedeutet pekuniär 1500 Euro fürs Tanztheater Erfurt. Und es bedeutet anzuerkennen, dass diese Produktion längst nicht nur innerhalb „der freien professionellen und nichtprofessionellen Theaterszene in Thüringen“ herausragt, deren Plattform dieses Festival ist. Es bedeutet zudem, dass der Thüringer Theaterverband als Veranstalter gewillt sein muss, immer wieder Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Aber das geht ja durchaus.

Tanztheater Erfurt sorgt für Gesamtkunstwerk mit Effektgewitter

„Face me“ war die einzige professionelle Produktion unter fünf Nominierten, die die Jury aus achtzehn Bewerbungen auswählte. Beim vierten Festival waren es 2018 derer zwei, darunter ebenfalls eine des Tanztheaters Erfurt („Konsequenzen“). Der Preis ging aber an Gothas nichtprofessionelles „Theater der Stadt“, fürs Demokratiespiel „Antrag abgelehnt! Die Würde des Menschen ist unfassbar“.

„Professionell“ ist hier eben keine Kategorie der Qualität, sondern der Arbeitsweise und Ressourcen. Berufstheater hier, Amateurtheater dort. Das „Gesamtkunstwerk aus Tanz, Licht, Raum und Musik“, das die Jury jetzt würdigte, verdankt sich indes auch professioneller Ressourcen und Infrastruktur der Staats- und Stadttheater Weimars und Erfurts. Vom Förderprogramm „Tanzpakt Stadt-Land-Bund“ unterstützt, verbindet sie mit dem freien Tanztheater ein mehrjähriges und mehrstufiges Projekt.

Die Staatskapelle Weimar etwa war an jenem Doppelabend beteiligt, für dessen zweiten Teil Ester Ambrosino Strawinskys Frühlingsopfer choreographierte. Im ersten, „Face me“, einem Solo mit und im Videomapping, arbeitete sie laut Jury „eine spürbare Geschichte aus dem Effektgewitter“ heraus. Es ist die eines Menschleins (Tabea Wittulsky oder Javier Ferrer Machin) auf einer Bühne, die zur Benutzeroberfläche wird. Es ist dort zugleich Schöpfer und Geschöpf im virtuellen Raum, mit dem eigenen überlebensgroßen Avatar als Partner und Gegner.

Derart das Digitale ins analoge Theater zu holen, inhaltlich und formal, ist wegweisend. So, wie das Festival jetzt „zum ersten Mal digital“ stattfinden musste, gewiss nicht. Es nahm am Wochenende, vom Virus erzwungen, den Notausgang ins Internet, der als Königsweg eine Sackgasse wäre.

Man sieht fünf Theateraufzeichnungen unterschiedlicher, jedenfalls eher dokumentarischer Qualität, anhand derer auch über die Preisvergabe zu befinden war: Videos mal mit, mal ohne Publikum, mal nur in der Totalen, mal aus mehreren Perspektiven. Theater braucht aber den direkten, unmittelbaren Kontakt zum Publikum, sonst ist es keines. Insofern wollen wir den diesjährigen Festivalslogan, „Alles eine Frage der Anpassung“, mal nicht zu ernst nehmen.

„Theater in Bewegung“: Förderpreis für Greizer Theaterherbst

Die interessante Ibsen-Paraphrase auf den Lügenkönig, Prahlhans und Tagträumer Peer Gynt, den sich sieben Spieler unter lauter Glühlampen im „Stellwerk Weimar“ aneigneten, funktioniert im Internet leider kaum. Die Begeisterung des Publikums in der Erfurter „Schotte“, wo sich Anne Nathers Drei-Personen-Dramödie „Im Wald ist man nicht verabredet“ ereignet, überträgt sich selten.

Nicht nur einen Eindruck, sondern auch Ausdruck vermitteln konnte eher schon „Vergangenheit als Zukunft“ aus dem Achteckhaus Sonderhausen, Tänzer und Musiker aus Nordhausen und Bochum intuitive moderne Straßentänze (Urban Dance) mit Bachs Cello-Suiten konfrontieren.

Professionell sind alle diese Produktionen hinsichtlich ihrer berufsmäßigen Spielleiter, die an Spielern keine Ästhetiken ausprobieren, sondern sie mit ihnen auf Augenhöhe entdecken. Das gilt auch fürs „Café Oriental“, eine musikalische Schauspielreise von Aleppo nach Europa an der Bürgerbühne Meiningen.

Den diesmal einem „Theater in Bewegung“ zugedachten 1000-Euro-Förderpreis erkannte die Jury bereits im September dem Greizer Theaterherbst zu. Ohne eigene Spielstätte, erschließe er sich Räume, für die man zeitgenössisch-experimentelle Inszenierungen entwickle. Neben der Vogtlandhalle waren das zuletzt der Schlossgarten, die Stadtkirche, die Alte Papierfabrik und die Alte Getreidewirtschaft. Auch ein Tunnel wurde schon bespielt. Das Internet zum Glück nicht.

Alle Festivalvideos noch diese Woche unter http://avant-art-festival.blogspot.com/