Tondokumente von KZ-Überlebenden: Der feine Draht zur Erinnerung

Hanno Müller
| Lesedauer: 3 Minuten
Der amerikanische Sozialpsychologe David P. Boder (Bildmitte, mit Studenten) sprach 1946 mit Überlebenden der Konzentrationslager und zeichnete die Gespräche mit einem Wire Recorder auf Tonspulen aus feinem magnetischem Draht auf.

Der amerikanische Sozialpsychologe David P. Boder (Bildmitte, mit Studenten) sprach 1946 mit Überlebenden der Konzentrationslager und zeichnete die Gespräche mit einem Wire Recorder auf Tonspulen aus feinem magnetischem Draht auf.

Foto: IIT Chicago, Paul V. Galvin Library.

Weimar/Jena.  Die Gedenkstätte Buchenwald und die Uni Jena machen Stimmen von Überlebenden hörbar.

Wie klingen Überlebende kurz nach der Befreiung aus einem KZ der Nazis? Worüber sprechen sie, was wissen sie über die Lager, woran erinnern sie sich? Die frühesten Tondokumente dazu sind die Aufzeichnungen des Amerikaner David P. Boder. Im Sommer 1946 interviewte der Sozialpsychologe mehr als 100 Displaced Persons (DPs) in ganz Europa.

Lange vor den Zeitzeugen-Befragungen eines Steven Spielberg bilden die Aufnahmen die weltweit erste Sammlung von Audio-Interviews mit Überlebenden der Shoah, sagt Axel Doßmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Geschichte in Medien und Öffentlichkeit an der Universität Jena.

„Boder sprach mit den entwurzelten Menschen in Frankreich, Italien, der Schweiz und in der amerikanisch besetzten Zone Deutschlands. Zu hören sind die Stimmen von Jungen und Alten, Frauen und Männern, Kommunisten und Religiösen, Zionisten und Nicht-Zionisten. Alle waren der NS-Verfolgung entkommen und nach ihrer Befreiung auf der Suche nach einer Zukunft“, so der Historiker.

Langfristiges Ziel ist eine Auswahl von 30 Audio-Interviews

Bereits im Sommersemester 2015 hatte Doßmann ein Seminar zu „Fragen – Antworten – Fragen. Interviews und Tonaufnahmen mit DPs im Jahr 1946“ an der Uni Jena angeboten. Studenten und Forschende haben inzwischen ein Projekt zur Auswertung der seit dem Tod Boders 1961 lange Zeit in Vergessenheit geratenen Gespräche gestartet. Lehrstuhlinhaber ist der Direktor der Stiftung Buchenwald und Mittelbau Dora, Jens-Christian Wagner. Auf der Internetseite der Gedenkstätte liberation.buchenwald.de sind seit gestern sechs Gespräche zum Nachhören und Nachlesen verfügbar. Aufgenommen hatte der Amerikaner seine Befragungen mit einem sogenannten Wire Recorder auf hauchdünnem magnetischem Draht.

Bei der Aufarbeitung kooperiere man mit dem Chicagoer Archiv „Voices of the Holocaust“, sagt Doßmann. Langfristiges Ziel sei eine Auswahl von etwa 30 Audio-Interviews, die wissenschaftlich ediert und neu übersetzt und mit interdisziplinären Kommentaren für die historisch-politische Bildung erschlossen werden.

Authentische Ton-Überlieferungen

Im Unterschied zur Lektüre der schriftlichen, oft stark verarbeiteten Protokolle von Gesprächen böten die nun verfügbaren authentischen Ton-Überlieferungen Boders die Möglichkeit, sowohl den Fragen des Interviewers als auch den Überlebenden unmittelbar zuzuhören. Anliegen von Boder sei es gewesen, die Öffentlichkeit aus der Perspektive von Augenzeugen über die Verbrechen aufzuklären und dabei zu helfen, die strikte Einwanderungspolitik der USA zu liberalisieren.

Die Veröffentlichung ist Teil des Gedenkens an den 76. Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager. Wieder verhinderte die Pandemie Präsenzveranstaltungen. Statt dessen finden sich digitale Angebote auf dem Portal liberation.buchenwald.de, darunter der Blog #otd1945 über tägliche Ereignisse im Jahr der Befreiung, Interviews mit Überlebenden sowie Veranstaltungshinweise. So wird am 4. Mai ein Film zu vier Überlebenden als Streamingangebot gezeigt, anschließend diskutieren der Schriftsteller Ivan Ivanji, der Filmemacher Siegfried Ressel und der Ex-Gedenkstättenchef und Historiker Volkhard Knigge miteinander.