Turbostaat beginnen Tour in Jena - „Wir sind den Leuten lange genug auf den Sack gegangen“

Jena.  Ein Interview mit Sänger Jan Windmeier über Außenseiter, kryptische Texte und den Charme von Kassetten.

Turbostaat sind Bassist Tobert Knopp, Schlagzeuger Peter Carstens, Sänger Jan Windmeier, Gitarrist Rollo Santos und Gitarrist Marten Ebsen (von links).

Turbostaat sind Bassist Tobert Knopp, Schlagzeuger Peter Carstens, Sänger Jan Windmeier, Gitarrist Rollo Santos und Gitarrist Marten Ebsen (von links).

Foto: Andreas Hornoff

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Uthlande heißt das neue Album von Turbostaat. Platz 6 in den Albumcharts bedeutet den bislang größten Erfolg für die Punkrocker aus Flensburg. Am Donnerstag beginnen Turbostaat ihre Tour „Rattenlinie Nord“ in Jena. Wir haben vorab mit Sänger Jan Windmeier gesprochen.

Was bedeutet Alleinsein für dich?

Alleinsein kann in den richtigen Momenten sehr schön und erfrischend sein. Ich reise zum Beispiel sehr häufig allein und habe dabei viel über mich und andere Menschen gelernt. Ich laufe auch gern allein durch Städte und kann so Eindrücke sammeln, die in Gesellschaft häufig verloren gehen. Dann gibt es aber auch Momente, in denen Alleinsein schwierig und traurig ist. Wenn es einem gerade nicht gut geht, man mit jemandem quatschen will, aber einfach keiner da ist.

Alleinsein ist ein zentrales Thema eures neuen Albums.

Das würde ich nicht sagen. Es geht vielmehr um unsere Vergangenheit, spielt dort, wo wir aufgewachsen sind. Als Punker hatte man das Gefühl, nicht Teil dieser Gesellschaft zu sein.

Also geht es mehr um Abgrenzung?

Ja, um die Rebellion, die man gegen die Welt geführt hat. Ich bin mit Marten, unserem Gitarristen, in einem Dorf aufgewachsen. Und man sah es uns schon an, dass wir mit der normalen Gesellschaft nicht unbedingt etwas zu tun haben wollten. Wir fühlten uns wohl in unserer Subkultur und das war nun einmal der Punkrock.

Auf eurem neuen Album geht es häufig um Außenseiter. Warum?

Sie zeigen Alternativen auf, legen oft den Finger in die Wunden der Gesellschaft. Regen dazu an, nachzudenken, ob man das so machen muss, wie es immer gemacht wird. Ob man einfach einen anderen Weg gehen könnte, der für einen gerade sinniger erscheint. Ich hätte niemals in einer Punkrockband das machen können, was ich jetzt tue, wenn ich dem gefolgt wäre, was die Leute als den normalen Weg empfinden.

Typisch für euch sind die kryptischen Texte. Ist das eigentlich ein bewusstes Stilmittel?

Wir kichern nicht, wenn wir Texte schreiben und sagen: Jetzt werden die aber wieder darüber nachdenken, was die da aussagen wollen. Es ist halt die Art und Weise, wie wir texten. Mir persönlich gefällt es aber sehr gut, wenn die Leute anfangen, sich darüber Gedanken zu machen. Denn das bedeutet, man beschäftigt sich mit einer Geschichte.

Liegen eure Hörer mit ihren Interpretationen immer richtig?

Die können auch mal völlig daran vorbeidenken. Aber wenn sie in dem Moment mit ihrer Interpretation etwas verbinden können, ist das doch viel wichtiger als das, was wir mit den Zeilen eigentlich meinen. Ich würde dann auch nicht sagen: Nö, darum geht es doch überhaupt nicht. Denn damit würde ich den Leuten etwas rauben.

Versteht ihr denn immer, was ihr da singt?

Marten schreibt ja viele unserer Texte. Wir sind zusammen aufgewachsen, spielen seitdem wir 13 sind, zusammen in einer Band. Mir fällt es nicht schwer, seine Texte zu verstehen. Aber manchmal frage ich ihn auch, denn durch die Intonation könnte man die Texte auch völlig falsch deuten.

Ein Song mit einer klaren Aussage ist „Rattenlinie Nord“. War es an der Zeit für eine geradlinige Botschaft?

Wir haben nicht gesagt: Wir schreiben jetzt ein Lied, dass nicht so kryptisch ist wie die anderen. Es ist so geworden, wie es geworden ist. Den Begriff Rattenlinie können viele Menschen zuordnen, zudem leben wir in einer Zeit, in der die AfD sehr stark ist. Ich denke, die Leute können sich deshalb mit dem Song identifizieren und haben das Gefühl, dass er geradliniger ist als andere Lieder von uns.

Viele sagen, ihr hättet eine klar norddeutsche Identität.

Die Themen, die wir erzählen, finden überall statt. Wir sind halt im Norden groß geworden, natürlich kommen da mal das Wasser und die Sturmflut vor. Wir erzählen die Geschichten so, wie wir sie erlebt haben. Wären wir woanders aufgewachsen, zum Beispiel im Thüringer Wald, würden wir andere Symboliken benutzen.

Euer aktuelles Album ist das erfolgreichste in 20 Jahren Bandgeschichte.

Wir sind den Leuten einfach lange genug auf den Sack gegangen. Um ehrlich zu sein, wären wir mit den Verkaufszahlen, die wir jetzt haben, vor 15 Jahren nicht auf Platz 6 der Albumcharts gelandet. Aber es ist schön zu sehen, dass das unnachgiebige Touren etwas gebracht hat, die Leute unsere Platte kaufen und nicht nur streamen. Es ist auch schön zu sehen, dass viele Leute es gut finden, was wir machen und wofür Turbostaat steht.

Euer Album gibt es auch auf Kassette zu kaufen. Wie kam es dazu?

Unsere erste Demo, mit der wir uns bei Konzertläden beworben haben, haben wir als Kassette mit der Post verschickt. Die Kassette war ein großer Teil unserer Punkrockkultur, wir haben Tapes überspielt und uns gegenseitig gegeben. Deshalb fanden wir das jetzt passend. Ich habe tatsächlich vor kurzem auch jemanden getroffen, der unser Album auf Kassette im Auto hört.

Euren Tourauftakt spielt ihr nun in Jena. Zufall oder eine bewusste Entscheidung?

Wir haben Hammerbock auf Jena, denn Jena war immer gut zu uns, ein Highlight auf unseren Konzertreisen. Hätte es nicht im Tourplan gestanden, hätten wir unseren Booker gefragt, was das soll. Wir haben nicht gesagt: Hey, lass uns in Jena starten. Denn da spielen ja viele Dinge in die Planung. Als wir aber gesehen haben, dass dort die Tour startet, war das für uns alle ein gutes Gefühl.

Turbostaat, „Rattenlinie Nord“, Kassablanca Jena, Donnerstag, 13. Februar, 21 Uhr

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