ZEITGEIST: Daumendrücken in Cannes für Sandra Hüller

Am Theaterhaus Jena, wo sie von 1999 bis 2001 ihr erstes Engagement hatte, fiel Sandra Hüller nicht sonderlich auf – weder im negativen, noch im positiven Sinne –, aber gerade durch dieses Nicht-Auffallen ist sie mir im Gedächtnis geblieben: blasses Gesicht, stark geschminkter Mund und ein Blick, irgendwo zwischen Neugier, Skepsis und Neurose. Als ich sie das erste Mal auf der Bühne sah – ich glaube, es war in Büchners „Woyzeck“ –, dachte ich sofort: Das ist ein Filmgesicht!

Sandra Hüller als Ines und Peter Simonischek als Winfried/Toni in einer Szene des Films „Toni Erdmann“. Das Filmfestival Cannes schickt mit dem Film seit Jahren wieder einen deutschen Beitrag ins Rennen um die Goldene Palme. Foto: Komplizen Film

Sandra Hüller als Ines und Peter Simonischek als Winfried/Toni in einer Szene des Films „Toni Erdmann“. Das Filmfestival Cannes schickt mit dem Film seit Jahren wieder einen deutschen Beitrag ins Rennen um die Goldene Palme. Foto: Komplizen Film

Foto: zgt

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Am Theaterhaus Jena, wo sie von 1999 bis 2001 ihr erstes Engagement hatte, fiel Sandra Hüller nicht sonderlich auf – weder im negativen, noch im positiven Sinne –, aber gerade durch dieses Nicht-Auffallen ist sie mir im Gedächtnis geblieben: blasses Gesicht, stark geschminkter Mund und ein Blick, irgendwo zwischen Neugier, Skepsis und Neurose. Als ich sie das erste Mal auf der Bühne sah – ich glaube, es war in Büchners „Woyzeck“ –, dachte ich sofort: Das ist ein Filmgesicht!

Claudia Bauer hatte die damals 21-Jährige in die Saale-Stadt geholt und unter anderem in Marius von Mayenburgs „Feuergesicht“ und Gorkis „Nachtasyl“ besetzt. In letzterem Stück spielte Hüller eine Hure, die die meiste Zeit bis zur Nase im Schlafsack steckte und immer, wenn sie im kurzen roten Röckchen zur Arbeit schritt, einen Luftballon an der Leine führte.

Und an noch etwas erinnere ich mich: Beim Jubiläum „20 Jahre Theaterhaus Jena“ 2010 war Sandra Hüller zusammen mit Rainald Grebe sozusagen Stargast. Grebe trank und sang nichts. Hüller hatte wohl etwas getrunken, als sie zu vorgerückter Stunde auf die Bühne sprang und aus dem Stegreif zu singen anhob. Etwas von Brecht, wenn ich mich recht entsinne. Es war umwerfend, denn sie hat eine eindringliche, leicht angeraute Stimme.

Es gibt Schauspieler, die vor der Kamera oder vorm Mikrofon regelrecht aufblühen. Zu ihnen würde ich die in Suhl geborene Sandra Hüller zählen, ohne ihre Theaterarbeit geringzuschätzen. Immerhin wurde sie 2013 zu Deutschlands Schauspielerin des Jahres gewählt. Von Jena ging sie ans Schauspielhaus Leipzig und von dort weiter nach Basel, wo sie bis 2006 zum Ensemble gehörte.

Doch erst vor der Kamera konnte die junge Künstlerin ihre frappierende Eigenwilligkeit voll entfalten. Für ihre Rolle als eine an Epilepsie erkrankte Frau in dem Exorzismus-Drama „Requiem“ von Hans-Christian Schmid erhielt Hüller einen Silbernen Bären als beste weibliche Darstellerin. 2008 wirkte sie in Max Färberböcks Verfilmung von „Anonyma – Eine Frau in Berlin“ mit, und ein Jahr später war sie in Ina Weisses „Der Architekt“ neben Matthias Schweighöfer, Sophie Rois und Josef Bierbichler zu erleben. Für ihren Auftritt in Jan Schomburgs „Über uns das All“ wurde Hüller für den Deutschen Filmpreis nominiert.

Nun also spielt Sandra Hüller die weibliche Hauptrolle in Maren Ades Tragikomödie „Toni Erdmann“, die wir noch nicht kennen. Der deutsche Wettbewerbsbeitrag liegt beim Filmfestival Cannes aussichtsreich im Rennen, was aber noch nichts besagen muss. Ganz gleich, wie es ausgeht, Hüller ist mir schon deshalb sympathisch, weil sie als Schausspielerin keine Klischees erfüllt. Sie spielt gern zurückgezogene, störrische, rätselhafte Frauen weitab vom Mainstream. Schönheit, sagte sie einmal, langweile doch nur. Drücken wir der Thüringerin und Ex-Jenaerin beherzt die Daumen!

f.quilitzsch@tlz.de

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.