Akten aus der NS-Zeit im einstigen Erfurter Gesundheitsamt entdeckt

Erfurt  Diagnose von Alkoholismus und „angeborenem Schwachsinn“. Erkenntnisse über die Stadtverwaltung im Dritten Reich

Kistenweise warten die Akten aus der NS-Zeit darauf, von Stadtarchivdirektorin Antje Bauer Foto: Martin Moll

Kistenweise warten die Akten aus der NS-Zeit darauf, von Stadtarchivdirektorin Antje Bauer Foto: Martin Moll

Foto: zgt

Akten aus der Zeit des Nationalsozialismus sind im ehemaligen Gebäude des Erfurter Gesundheitsamtes in der Turniergasse entdeckt worden. Vergangenen Monat stießen Bauarbeiter auf einen zugemauerten Raum in einem Zwischengeschoss, der gefüllt war mit verstaubten Aktenordnern und modrigen Papierstapeln.

Gestern stellten Antje Bauer, Direktorin des Stadtarchivs, und Annegret Schüle, Kuratorin des Erinnerungsortes Topf & Söhne, den Fund vor. "Im Gesundheitsamt standen in den Dreißigerjahren unter anderem die Säuglingspflege, die Mütterbetreuung und die Registrierung von Tuberkulosekranken auf der Tagesordnung", sagt Antje Bauer. Doch um die Jahreswende 1933/34 wurde auch die Abteilung für "Erb- und Rassenpflege" eingerichtet. Und in den Unterlagen ab dem 1. Januar 1934 finden sich gehäuft Nachweise für die Anwendung des "Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses". Dieses sah unter anderem die Möglichkeit zur Zwangssterilisation vor.

Wer heiraten wollte, brauchte ab 1935 ein "Ehetauglichkeitszeugnis" des Gesundheitsamtes. Er musste zum Amtsarzt, wurde untersucht, getestet und gegebenenfalls kategorisiert. "Es ging um die erbbiologische Erfassung der Stadtbevölkerung", sagt Annegret Schüle. "Mit dem Ziel, den ‚Volkskörper‘ zu reinigen und krankhafte Erbanlagen auszumerzen." Auch Alkoholiker, Prostituierte und erkrankte Menschen wurden bisweilen ins Gesundheitsamt bestellt. Persönliche Daten von etwa 2300 Erfurterinnen und Erfurtern vermuten die Archivare in den Akten. Farbige Registerreiter weisen auf die damals zugeordneten Krankheiten hin. Weiß steht für "angeborenen Schwachsinn", Gelb für Schizophrenie, Blau für "Zirkuläres Irresein", Grün für Fallsucht, Weiß für "erblichen Veitstanz". Auch Alkoholismus, Blind- und Taubheit wurden vermerkt. Datenschutz und Privatsphäre seien dabei nicht nur vernachlässigt, sondern gezielt verletzt worden.

Vom Aktenfund erhofft sich Annegret Schüle vom Erinnerungsort Topf & Söhne neue historische Erkenntnisse zum Handeln der Stadtverwaltung im Dritten Reich – und zum Leidensweg der Erfurter, die Opfer des nationalsozialistischen Ausgrenzungs- und Vernichtungsprogramms wurden.

Nachdem Bauarbeiter die Dokumente im einstigen Gesundheitsamt zwischen Allerheiligenstraße und Pergamentergasse entdeckt hatten, wurden sie mit Unterstützung des Bauherrn ins Stadtarchiv gebracht. Dort werden sie auf ihren historischen Wert hin überprüft und archivarisch erschlossen.

Anschließend stehen sie für die Forschung bereit. Denkbar ist, dass Studenten mit den Akten arbeiten und diese auswerten können. Kontakt zum Lehrstuhl für Neuere und Zeitgeschichte an der Universität Erfurt wurde ebenso aufgenom-men wie zur Thüringer Lan-deszentrale für politische Bil-dung – bezüglich möglicher Projekte.

Die nationalsozialistische "Rassenpflege" führte schließlich in der "Euthanasie"-Aktion zum Massenmord an Kranken und Menschen mit Behinderung. "In Erfurt wissen wir darüber bislang nur wenig", sagt Annegret Schüle. Das Studium der verstaubten Aktenberge könnte Aufklärung bringen.

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