Meuselbach. Verein des Monats Stimmungslieder, Märsche, Rock ‚n‘ Roll: Das Thüringer Schalmeienorchester Meuselbach ist eine lustige Truppe mit einem breiten Repertoire

Nachdem es 1928 gegründet wurde, spielte das Thüringer Schalmeienorchester Meuselbach für die Kommunistische Partei und die Sozialdemokratie. Doch das ist Geschichte.

Der Überlieferung nach war die Schalmei das Lieblingsmusik-Instrument des DDR-Staatschefs Erich Honecker. 1987 schenkte „Honi“ dem „Udo“ (Lindenberg) sogar eines dieser auch „Martinstrompete“ genannten Instrumente – als Gegengeschenk für Lindenbergs Lederjacke. Auch das ist alles Geschichte.

Die Gegenwart des Schalmeienspiels zumindest in Meuselbach verkörpern 25 lebensfrohe Leute, allen voran Franziska Siegel als Vereinschefin und Kathrin Rothe, als Musikalische Leiterin, gern als „Mulei“ abgekürzt.

Auch Antje Siegel und Sonja Heitmann sind bei dem Treffen mit der OTZ dabei und sie versichern lachend, dass sie mit Parteipolitik nichts am Hut haben. „Wir halten uns aus dem Wahlkampf komplett raus“, erzählt Franziska Siegel, „entsprechende Anfragen werden abgelehnt“. Freilich haben die Meuselbacher auch noch Märsche drauf, aber das Repertoire habe sich in den vergangenen 20 Jahren doch sehr geändert. Heute werden viel häufiger Stimmungslieder, Tänze, Schlager und sogar Rock‘n‘ Roll gespielt. Die Lieder reichen vom „Knallroten Gummiboot“ über die „Jugendliebe“ bis zu der, „Die immer lacht“.

Zur lebendigen, noch erzählten Geschichte des Vereins gehört die Zeit kurz nach der Wende, konkret, die Geschichte, wie sie zu ihrer Partnerkapelle im westdeutschen Hundstadt (Hessen) kamen. Das war so: Der Musikfreund Georgi hatte Verwandtschaft im Westen und die kam nach dem Mauerfall zu Besuch. Daraufhin machten die Meuselbacher einen Gegenbesuch mit ihrem alten Ikarus-Bus, für den sie sogar den Diesel mit Kanistern bei sich führten für die Rückfahrt, denn D-Mark für die Tankstelle in Hundstadt hatten sie ja noch nicht. Oder war es ein Robur-Bus?

Mit Reservekanister auf West-Tournee

Die vier Frauen sind noch zu jung oder noch nicht lange genug dabei, um das zu wissen. Aber Hartmut Schellhorn muss es wissen. Schnell wird er angerufen und die Frage geklärt. „Es war ein Ikarus mit W-50-Motor“, erinnert sich Musikfreund Schellhorn, „die Kurzversion“. Und er erinnert sich, wie großzügig die Hundstädter damals waren: Essen und Trinken sowie einen Ausflug, alles haben sie damals bezahlt. Beim nächsten Gegenbesuch hätten dann die Meuselbacher ihrerseits ihre Gastfreundschaft bewiesen – mit Spanferkel und Rehbraten. „Wir hatten ja mit Bernd Ortloff unseren eigenen Kapellenkoch“, erzählt Hartmut Schellhorn.

Spätere Tourneen gingen nach Österreich, Schweden, auch nach Südfrankreich in die Nähe von Marseille. Franziska Siegel, Kathrin Rothe, Antje Siegel und Sonja Heitmann erinnern sich an einen Auftritt bei Aubagne in Frankreich, bei dem es während des Auftritts des Schalmeienorchesters zu einem Waldbrand ganz in der Nähe kam. „Die Asche kam nur so geflogen. Doch wir dachten, solange die Zuhörer nicht wegrennen, können wir auch spielen.“

Die Schalmei ist eigentlich eine alte Hirten-Flöte, die sich zu einem Blechblasinstrument weiterentwickelt hat. Es gibt nur acht Töne. Halbe Töne gibt es nicht. „Drei Knöpfe, acht Töne“, fasst „Mulei“ Kathrin Rothe das ganze Geheimnis des Schalmeien-Spiels zusammen. Darum brauche es auch viele Spieler, damit die Schalmeien-Musik richtig gut klinge. Kathrin Rothe stellt lachend ein Zeugnis der humorigen, selbstironischen Grundstimmung des Orchesters aus: „In geschlossenen Räumen sind wir unerträglich!“

Zur Widerlegung dessen blasen Franziska Siegel und Sonja Heitmann in ihre Instrumente, die Wohnküche, in der wir sitzen, ist zum Bersten voller Töne und die Hündin namens Lara, als Maskottchen der Meuselbacher auf den Covern der Orchester-CDs abgebildet, beginnt zu heulen. „Andere spielen fehlerfrei, wir Schalmei“, scherzt Franziska Siegel anschließend. Die Schalmei zu spielen sei recht einfach zu erlernen. „Jede Note ist ein Griff.“ Wichtig sei es, auf die Pausen zu achten und die Noten so lange zu halten, wie es notwendig ist. „Und nicht vergessen, auf die anderen Stimmen zu hören“, ergänzt Kathrin Rothe.

Einstieg mit Kind und Kegel wäre das Optimum

In dem Orchester spielen indes nicht nur Schalmeien, sondern auch eine große Trommel, eine kleine Trommel sowie Bongos. Und eine Lyra. „Das klingt wie ein Xylophon, nur schöner“, sagt Antje Siegel lachend und zeigt, wie ihre Lyra klingt. „Sehen Sie, darum will keiner im Orchester neben ihr stehen“, scherzt Kathrin Rothe.

Sie seien eine große Familie, sagt sie. Nach den Auftritten rennen sie nicht schnell auseinander, sondern feiern mit ihren Zuhörern. „Wir sind ziemlich locker“, sagt Franziska Siegel. Dabei sei die Mitgliedschaft im Orchester ein Vollzeit-Hobby, das auch seine Härten hat. „Im Sommer fahren wir am Wochenende am Freibad vorbei zum Auftritt.“ Doch wenn es auch noch so anstrengend sei, sich aufzuraffen: „Wenn Du dann das Instrument in der Hand hast, ist es sofort toll“, findet die Orchesterchefin.

Anspruchsvoll seien insbesondere die Umzüge, wenn das Orchester kilometerweit läuft und dabei spielt. Als Herausforderung gilt bei den Meuselbachern hierbei die Deesbacher Ortsstraße, die die steilste ist weit und breit. Da wünschen sich die Schalmeien-Spielerinnen Schuhe mit schrägen Sohlen, um wenigstens halbwegs gerade laufen zu können. Franziska Siegel: „Und man hat immer Angst, dass die große Trommel ins Rollen kommt.“

Das Orchester ist so beliebt, dass „der Terminkalender immer rappelvoll ist“. Es gebe schon Anfragen für das übernächste Jahr. Die Einnahmen kommen alle in die Vereinskasse und dienen dem Kauf von Orchester-Kleidern und Instrumenten. Eine neue Schalmei koste gut 2000 Euro.

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Ein kleines Problem stellt Nachwuchsgewinnung dar, dabei sei das Schalmeien-Spiel etwas für fast jedes Alter. Die Jüngste ist die elfjährige Nelly, die älteste, Hanni, ist Mitte 60. Weil die Finger eine gewisse Größe haben müssen, um die Schalmeien-Knöpfe drücken zu können, sollten die Orchester-Neulinge schon sieben oder acht Jahre alt sein. Auch erwachsene Einsteiger sind willkommen. Antje Siegel: „Am besten ist es, wenn mit den Kindern auch die Eltern anfangen – so wie sie uns auch gekriegt haben.“