Erfurt. Sie wechselten in Erfurt genauso oft die Farben, wie die Staatsformen. Derzeit verschwinden die letzten Telefonzellen. Mit ihnen verliert Erfurt aber mehr als eine Art der Verständigung.

  • Die Geschichte der Telefonzellen in Erfurt reicht bis 1920 zurück
  • Zwischenzeitlich waren sie rot wie in England
  • Fernsprechsäule als letzte Veriante vor dem Abschied

Sie waren schon so ins Stadtbild integriert, dass sie den meisten gar nicht mehr aufgefallen sind. Doch mit einem aufmerksamen Blick oder bei einem Funknetzabsturz waren sie plötzlich als rettende Hallen der Kommunikation mit Glorienschein und Engelstrompeten gar nicht so weit weg, wie man denken könnte - die Telefonzellen in Erfurt

In Erfurt waren 2017 noch 35 Telefonzellen in Nutzung

Gelbe Zelle, pinker Hörer - Autrorin Kathleen Kröger freute sich 2017 über die letzte alte Telefonzelle in der Thälmannstraße.
Gelbe Zelle, pinker Hörer - Autrorin Kathleen Kröger freute sich 2017 über die letzte alte Telefonzelle in der Thälmannstraße. © Marco Schmidt / Funke Medien Thüringen

Insgesamt 35 Telefonzellen standen im Frühjahr 2017 noch in Erfurt und fristeten dort ein scheinbar unbemerktes Dasein. Doch immerhin betrug die durchschnittliche Geldmenge, die monatlich dort umgesetzt wurde, mehr als 50 Euro. Anderenfalls wurde das Fernsprechhäuschen abgeholt und zu seinen traurigen Kollegen auf die Sammelstellen gebracht.

"Fasse dich kurz" gilt schon lange nicht mehr

Schon seit den 1920er-Jahren waren die damals noch „Fernsprechkiosk“ genannten Häuschen an öffentlichen Plätzen und stark frequentierten Straßen in Erfurt zu finden. Was hat man nicht hier manchmal angestanden, wenn man jemanden anrufen wollte, oder genervt in Alfred-Tetzlaff-Manier gegen die Scheiben gehämmert, wenn man den Anruf seiner Liebsten erwartete. Dabei stand doch der mahnende Imperativ „Fasse dich kurz!“ als gut gemeinter Hinweis vorn an jeder schwerfällig öffnenden Zellentür.

Als blau-gelbes Häuschen begann die Geschichte der historischen Gerätschaften. Im Jahr 1934 wechselte man zu Rot, was bis zur Farbumstellung auf das klassische Gelb vielleicht nicht nur die anglophilen Bürger erfreute. Nach dem Krieg blieb das saftige Postgelb.

Größte Zahl in der Stadt nach der Wende

In Erfurt fallen den meisten Gefragten nur die Exemplare in der Thälmannstraße und am Alfred-Delp-Ring ein. Seit den 1990er-Jahren werden die gemütlich-gelben Kommunikationspaläste nämlich durch die weiß-magenta-grauen Nachfolgemodelle des neuen Telefonanbieters ersetzt. Doch auch diese mussten schon vor 2020 weichen.

Eine alte Telefonzelle dient als Vorortbiblothek Am Holzergraben der WBG Einheit. Wolfgang Wedel brachte hier 2016 Romane als Lesestoff für andere Leser in die Kleinstbibliothek.
Eine alte Telefonzelle dient als Vorortbiblothek Am Holzergraben der WBG Einheit. Wolfgang Wedel brachte hier 2016 Romane als Lesestoff für andere Leser in die Kleinstbibliothek. © Marco Schmidt

Die ausgedienten TelH78, wie die das Stadtbild farbenfroh aufheiternden gelben Buden heißen, haben heute schon richtigen Sammlerwert. Nicht nur im Internet hat sich ein großer Markt erschlossen, an dem sich vorrangig Gartenfreunde erfreuen.

Hier kann es dann schon mal vorkommen, dass so ein Häuschen aufwendig zum hochmodernen Dixie-Klo des besonderen Stils ausgebaut wird. Weniger extravagant, aber trotzdem ausgefallen ist da die Nutzung alsBücherkiosk, wie auch in der Magdeburger Allee. Für so einen Spaß muss man dann aber auch mindestens 400 Euro anlegen.

Gelbe Zellen wurden zum Retro-Projekt

Die TelH78 bestach den Liebhaber nicht nur durch ihre mit Glasfaser verstärkte Polyesterhülle, sondern auch durch ihre am Gehäuse mit Gummiprofilen angebrachte Schalldämpfung. Auch die obligatorischen Doppelleuchten der Lichtkastendecke und der Buchtisch mit Mehrfachbuchschwinge in Modell I oder III steigerten den Charme des Retro-Objekts.

Am Geschwister-Scholl-Platz stand bis vor Kurzem noch eine Telefonzelle der Telekom.
Am Geschwister-Scholl-Platz stand bis vor Kurzem noch eine Telefonzelle der Telekom. © Marco Schmidt / Funke Medien Thüringen

Die 275 Kilogramm schweren Telefonzellen boten gerade einmal einen Quadratmeter Bewegungsradius, waren dafür aber mit einer Höhe von 2,30 Metern für Hochgewachsene recht komfortabel. Wenn es doch einmal zu eng oder stickig wurde, konnte man einfach die Tür beim Gespräch offenhalten. Zumindest, soweit es die Kraft des Armes und die Länge der steifen Telefonschnur zuließen.

Zeugen einer fast vergessenen Kultur

Die Zeiten, in denen heimische Telefonanschlüsse selten und das Handy noch kein Massenprodukt waren, sind seit den 2010er-Jahren aber endgültig vorbei. Die klassische Telefonzelle wurde immer mehr zum Ort der Erinnerung.

War man bei Terminvereinbarungen oder Liebesturteleien früher noch auf Diskretion erpicht und schätzte die dicken Wände der Fernsprechhäuschen, verschickt man heute auch in der Straßenbahn oder auf der Straße lauthals Sprachnachrichten und stört sich nicht an potenziellen Mithörern.

Doch auch die Telefonzellenindustrie startete Versuche der Anpassung. Seit den 2000ern rüstet die Telekom stetig auf und bot ein für den Unwissenden fast unvorstellbares Spektrum an Dienstleistungen. Nicht nur die SMS konnte von den Münztelefonen versandt werden. Das Angebot variierte von Modell zu Modell. Aber auch die grau-magenta gefärbten Häuschen, wie das in der Geschwister-Scholl-Straße, wurden im Laufe der Zeit immer seltener.

Zultzt konnten die Zellen sogar SMS verschicken

Um Vandalismus vorzubeugen, waren es zuletzt eher Telefonsäulen mit kleinem Dach, die einem in der Stadt begegneten, unter anderem am Leipziger Platz und am dem Juri-Gagarin-Ring. Telefonieren sah man die Leute hier aber eher selten. Bei bundesweit mehr als 115 Millionen Mobilfunkanschlüssen war das auch kein Wunder.

Smartphones machen Fernsprech-Kioske überflüssig

Bemerkenswert ist daher der Fakt, dass in ganz Deutschland bis 2017 rund 3,5 Millionen SMS an den Münztelefonen geschrieben und verschickt wurden. Es war für smartphone-verwöhnte Finger zunächst ungewohnt, die Buchstaben über Ziffern-Tasten zu wählen. So fragten sich Passanten, was man mit dem wilden Drücken der Zahlentasten bei aufgelegtem Hörer bezweckte. Tatsächlich konnte so eine Kurznachricht abgesetzt werden. Der Nutzer musste dafür weniger Münzen in den Schlitz stecken als bei einem Anruf mit dem typischen Kneckern der Leitung.

Immerhin war man mit 15 Cent pro SMS schon dabei. Bei einem Anruf musste man in der ersten Minute schon 50 Cent berappen. Oder man nahm eine alte D-Mark. Das ging nämlich auch.