Rom. Fünf Kanus aus einem See nahe Rom zeigen: Schon vor Jahrtausenden waren Menschen zu beeindruckendem Bootsbau in der Lage.

Waren Menschen schon vor 7000 Jahren in der Lage, das Mittelmeer mit Schiffen zu befahren? Darauf deuten Überreste jungsteinzeitlicher Kanus hin, die ein Forschungsteam in Italien genauer untersucht hat.

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Die Funde in der Nähe des Braccianosees unweit der italienischen Hauptstadt Rom weisen darauf hin, dass Menschen tatsächlich schon vor Jahrtausenden in technisch hoch entwickelten Booten in See stechen konnten, schreibt das Team in einer im Fachjournal „Plos One“ veröffentlichten Studie.

Die Forscher sprechen zudem von Hinweisen darauf, dass bereits in der Jungsteinzeit wichtige Fortschritte in der Seefahrt gelungen sein könnten.

Italien: Kanus waren mehr als nur ausgehöhlte Baumstämme

Für ihre Studie untersuchten die Wissenschaftler fünf Kanus, die zwischen 1992 und 2009 im Braccianosee ausgegraben wurden. Die Boote sind demnach weit mehr als ausgehöhlte Baumstämme.

Sie weisen beeindruckende technische Weiterentwicklungen vor, die etwa die Steuerung erleichterten. Vermutlich seien sie mit spezialisierten Werkzeugen, darunter Äxten, hergestellt worden. Zudem wurde das Innere wohl durch Ausbrennen ausgehöhlt.

Vor Tausenden Jahren gelang es Menschen schon Kanus zu bauen, aus nur einem Baumstamm.
Vor Tausenden Jahren gelang es Menschen schon Kanus zu bauen, aus nur einem Baumstamm. © DPA Images | Gibaja Et Al.

Besonders heben die Forscher aber hervor, dass in einem der Kanus T-förmige Objekte eingelassen waren, die über mehrere Löcher verfügten. „Die Beschaffenheit und Position dieser Objekte legt nahe, dass sie dazu dienten, Seile – möglicherweise von einem Segel – [...] zu befestigen.“

Auch vorstellbar sei demnach, dass ein Stabilisator am Rumpf des Bootes angebracht gewesen sein könnte – oder der Rumpf mit einem weiteren Boot vertäut wurde, um einen Katamaran zu erschaffen. „So ein Vorgehen hätte die Sicherheit und Stabilität erhöht und mehr Transportkapazität geschaffen, für Menschen, Tiere und Waren.“

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Seefahrer-Revolution in der Jungsteinzeit

Ein Segel in der Jungsteinzeit: Das würde die Geschichte der Seefahrt grundsätzlich auf den Kopf stellen. Bislang gelten die Ägypter als Erfinder des Segels. Rund 3500 Jahre alt sind die frühesten Darstellungen dieser revolutionären Seefahrtstechnik, die lange Reisen mit vergleichsweise geringem Kraftaufwand ermöglichte.

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Nur wenige noch frühere Zeugnisse sind erhalten. So existiert in der nubischen Wüste eine Felszeichnung, die rund 5000 Jahre vor Christus entstand. Die Deutsche Gesellschaft für Schiffahrts- und Marinegeschichte schreibt, dass diese Zeichnung „der derzeit älteste bekannte Nachweis von Schiffen mit Segeln zu sein scheint“. Es sei sehr wahrscheinlich, dass es Segelschiffe seit mindestens 7000 Jahren gibt.

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Die Funde vom Braccianosee passen in diesen Zeitraum. Sie wurden auf eine Zeit zwischen 5700 und 5100 vor Christus datiert. Eines der Boote ist ein großer Einbaum aus einer Eiche, mehr als zehn Meter lang und am Heck gut einen Meter breit. Ein weiterer Einbaum sei aus Erle gefertigt und womöglich ein Fischerboot gewesen, schreiben die Wissenschaftler.

Der Bau der Boote muss ein detailliertes Verständnis der strukturellen Konstruktion und der Holzeigenschaften sowie gut organisierte Facharbeit erfordert haben, wie es hieß.

Weitere Funde nicht ausgeschlossen

La Marmotta ist für die Erforschung der historischen Seefahrt ein wichtiger Bezugspunkt: Die Lage am Braccianosee ermöglichte die Fahrt zum Mittelmeer, da der See durch den Fluss Arrone mit dem Tyrrhenischen Meer, also dem Teil des Mittelmeers vor Italiens Westküste, verbunden ist.

Die Forscher vermuten, dass in der Nähe von La Marmotta noch weitere Boote erhalten sind, die ein möglicher Ansatzpunkt für künftige Forschung sein könnten.

Im Neolithikum, auch Jungsteinzeit genannt, begannen sich bäuerliche Gemeinschaften in Europa und Nordafrika auszubreiten. Die Anfänge im Nahen Osten werden um das Jahr 10.000 vor Christus datiert, Gemeinschaften aus dieser Region besiedelten um etwa 7500 vor Christus den gesamten Mittelmeerraum.

Es liege auf der Hand, dass im Zuge dessen das Mittelmeer für Reisen und Transporte genutzt wurde, hätten Boote doch ein schnelles Fortkommen und einen raschen Austausch von Waren ermöglicht, erklärt das Team um Juan Gibaja vom Spanischen Nationalen Forschungsrat in Barcelona. Vermutlich hätten die Menschen damals hauptsächlich kurze Fahrten entlang der Küstenlinie unternommen. (pcl/dpa)