Corona-Tagebuch von OTZ-Chefredakteur Jörg Riebartsch

Private und dienstliche Erlebnisse rund um das derzeit wichtigste Thema der Welt.

Was machen die Menschen mit dem all dem Klopapier?, fragt sich Chefredakteur Jörg Riebartsch (Symbolfoto).]

Was machen die Menschen mit dem all dem Klopapier?, fragt sich Chefredakteur Jörg Riebartsch (Symbolfoto).]

Foto: Roland Weihrauch / picture-alliance / dpa

Samstag, 14. März 2020: Ich merke, niemand kann sich mehr des Themas Corona entziehen, privat wie beruflich. Am Samstag war ich einkaufen, ganz normal. Ich bin kein Hamster. Der große Supermarkt hat auch wenig ausverkaufte Regalteile. Das Lebensmittelangebot ist üppig. Von anderen Supermärkten und Discountern hört man allerdings immer wieder, dass Klopapier ausverkauft ist. Klopapier? Was machen die Menschen mit dem all dem Klopapier? Die Nachrichtenlage für die OTZ bleibt dicht. Zu Corona in Thüringen kommen ständig Nachrichten. Als ich vom Einkaufen zurück bin, hat das Kino in meiner Straße für die nächste Zeit geschlossen.

Sonntag, 15. März 2020: Ministerpräsident Bodo Ramelow verschickt den mehrseitigen Informationsbrief zur Notbetreuung von Kindern, denn am Dienstag werden ja Schulen und Kindertagesstätten geschlossen. Wir veröffentlichen das natürlich zeitnah online. Der OTZ-Sonntagsdienst hat aufrecht zu tun, kämpft wacker und erfolgreich mit der sich nicht erschöpfenden Nachrichtenflut. Natürlich veröffentlichen wir die Information zur Notbetreuung der Kinder auch in der Printausgabe, die am Montag früh erscheint und am Sonntagabend gedruckt wird.

Draußen scheint die Sonne. Um die späte Mittagszeit steht ein strammer Spaziergang rund um die Weiße Elster an. Das Smartphone und meine Uhr versorgen mich weiter mit den im Minutentakt auftauchenden neuesten Nachrichten. Zunächst sind nur wenige Menschen in Gera auf den Straßen und Wegen unterwegs, dann wird es voller. Die für den Nachmittag angesetzte Aufführung „Ein Maskenball“ – eine Oper von Verdi – im Theater Gera ist abgesagt. Da wollte ich eigentlich hin. Bis in den April hinein wird es in Gera aber zunächst überhaupt kein Theater geben.

Die Zeitungsproduktion läuft. Trotz aller Erschwernisse ist die Sonntagsdienstbesatzung der OTZ auf Zack.

Ich schreibe mir mit einem Freund in Nordrhein-Westfalen. Der wollte am 21. März seinen 65. Geburtstag feiern. Es gibt zwar noch keine Schließungsverfügung für Restaurants in Nordrhein-Westfalen, aber in dem Ort, wo die Feier stattfinden sollte, muss in Restaurants zwischen den Gästen ein Mindestabstand von anderthalb Metern eingehalten werden. Das schafft das kleine Restaurant nicht. Also muss mein Freund absagen. Er ist sehr traurig. Seine vorerst letzte Nachricht kommt kurz vor Mitternacht. Auch sein Bruder aus Salzburg hätte nicht kommen können.

Montag, 16. März 2020: Der Montag beginnt gleich mit Hiobsbotschaften. Eine der beiden Sekretärinnen der OTZ-Chefredaktion in Gera ist ausgefallen, mit Bronchitis. Zum Glück kein Corona-Virus. Eine geplante Besichtigung der Jury des Preises „Unternehmen in Ostthüringen“ bei der Fleischerei Heilmann, dem aktuellen Quartalssieger, muss ich absagen lassen. Unsere Geschäftsführung in Erfurt und unsere Gruppengeschäftsführung in Essen haben hintereinander Video- und Telefonkonferenzen zum Thema „Corona“ anberaumt.

Aber es kommt auch eine gute Nachricht. Der sogenannte Patient Null, der Mann, der aus dem Ski-Urlaub das Corona-Virus nach Pößneck mitgebracht hat und somit der erste Fall in Thüringen war, ist wieder gesund und kann diese Woche aus dem Krankenhaus entlassen werden. Zwischendrin telefoniere ich mit meinem Stellvertreter Tino Zippel. Seit Wochen haben wir uns sicherheitshalber nicht mehr gesehen, damit im Fall der Fälle nicht wir beide ausfallen. Er war im Gericht zur Prozessberichterstattung und wunderte sich, dass der Prozess in einem kleinen Raum stattfand. Das wundert mich auch. Offenbar haben die Justizbehörden noch nichts davon gehört, Menschenansammlungen auf engstem Raum zu vermeiden. Wir sollten das in der Berichterstattung aufgreifen.

Ich mache mir parallel Sorgen um ein befreundetes Ehepaar, das von Gera nach Hannover gezogen war und nun auf Städteurlaub in Istanbul festsitzt. Sie schreiben mir, dass sie noch einen (ich zitiere: „schweineteuren“) Flug über London nach Hannover ergattert haben. Das ist gut, bevor weitere Grenzen geschlossen werden. Baden-Württemberg bereits, wird gemeldet, will den Flugverkehr komplett einstellen, Bayern hat den Katastrophenfall ausgerufen.

Weiter im Zeitraffer. 11.30 Uhr Videokonferenz mit der Gruppengeschäftsführung, den Standortgeschäftsführern und allen Chefredakteuren der Tageszeitungen von Funke. Wie können wir uns gegenseitig unterstützen, wo können wir zusätzlich redaktionelle Inhalte austauschen? Wie unterstützen wir unsere Redakteure an allen Standorten? Direkt im Anschluss daran um 12.30 Uhr Telefonkonferenz der Führungskräfte der Mediengruppe Thüringen. Wie sind aktuell die Auswirkungen des Corona-Virus auf die einzelnen Abteilungen? Wie helfen wir unseren Mitarbeitern mit Kindern? Es wird für zweimal täglich ein telefonisches Update vereinbart. 14 Uhr: Information für die Redaktion über die aktuelle Lage per Online-Audio-Stream.

Anschließend technische Prüfung, ob neu hinzugekommene Arbeitsplätze zu Hause auch funktionsfähig sind. Telefonate mit den Lokalchefs und meinem Stellvertreter zu neuen Absprachen und Dienstplänen. Das Mailsystem bombardiert mich mit neuen Terminanfragen für Telefonkonferenzen und Videokonferenzen. Der Zusage-Button glüht.

Sofort um 15 Uhr in eine Videokonferenz mit der Zeitschriftenabteilung von Funke. Hier wird über eine neue Zeitschrift informiert, die bald als Mehrwert den Funke-Tageszeitungen beiliegen könnte. Gute Idee, finde ich! Wenn ich aus meinem Büro schaue (bei strahlendem Sonnenschein und frühlingshaften Temperaturen), sehe ich den Busbahnhof von Gera am Hauptbahnhof. Auf dem riesigen Areal verlieren sich vielleicht fünf Menschen. Im Hauptbahnhof sieht es nicht anders aus. Ich zähle fünf Menschen. Die Leere im Hauptbahnhof Gera hat etwas Geisterhaftes.

16 Uhr. Mein erster Tagebuch-Eintrag in der Corona-Krise muss für den Internet-Versand schließen.

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