Diskriminierte Saalfelder Glücksbringerin

Saalfeld  Wird eine Schornsteinfegerin nicht weiterbeschäftigt, weil sie schwanger werden könnte? Eine Zeugin hat es so gehört.

Michele Röder auf dem Dach des Kindergartens in Remschütz.

Michele Röder auf dem Dach des Kindergartens in Remschütz.

Foto: Norman Börner

Die angehende Schornsteinfegerin Michele Röder aus Saalfeld wird nach dem baldigen Ende ihrer Ausbildung von ihrem Meister nicht übernommen. Der Grund dafür könnte ein klarer Fall von Frauen-Diskriminierung sein. Eine Zeugin erklärte der OTZ, sie habe gehört, wie der Schornsteinfegermeister eine mögliche Schwangerschaft Michele Röders als Grund für die Nichtweiterbeschäftigung der ab Juli frischgebackenen Schornsteinfegerin angab.

Die genauen Umstände könnten aus dem Drehbuch einer Vorabendserie stammen. Der Schornsteinfegermeister, dessen Name hier aus Gründen der Vermeidung eines nachhaltigen Reputationsschadens nicht genannt wird, besuchte vor wenigen Tagen einen Friseurladen in Saalfeld. Er unterhielt sich mit der Friseurin auch über seine Auszubildende. Michele Röder ist in dem männerdominierten Beruf eine kleine Berühmtheit, auch die OTZ schrieb über sie.

In dem Gespräch mit der Friseurin erklärte der Meister, die Chemie und das Zwischenmenschliche zwischen ihm und seiner Auszubildenden stimme nicht. Außerdem könne er sie nicht weiter beschäftigen, denn sie habe einen Freund „und vielleicht wird sie schwanger und kriegt ein Kind“.

Neben dem Friseurstuhl, auf dem der Schornsteinfegermeister saß, befand sich ein weiterer Friseurstuhl. Und auf diesem saß in jenem Moment eine Frau und diese Frau war die Mutter des Freundes von Michele Röder. Das hätte noch kein hinreichender Grund sein müssen, dass die Geschichte das Licht der Öffentlichkeit erblickt. Doch der Freund Michele Röders ist der Saalfelder Stadtrat Eric H. Weigelt (Die Jungen) und der reagiert nun nachvollziehbar empört. Seine Freundin sei „als Maskottchen des Handwerks“ rumgereicht worden. Es gebe sogar Bilder, die Michele Röder mit Thüringens Ministerpräsidenten Bodo Ramelow zeigen. Doch nun, da es gelte, Frauen vollends zu akzeptieren, werde derart rückschrittlich gedacht. Weigelt bezieht sich auf das Grundgesetz der Bundesrepublik, in dem seit 70 Jahren steht „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“. Zu einem derartigen Fall von Diskriminierung wolle er nicht schweigen, sondern „eine Diskussion anregen“.

Auch Kathrin Weigelt, die Mutter Eric H. Weigelts, reagiert „entsetzt“ auf das von ihr gehörte. „Das kann doch nicht wahr sein im Jahr 2019!“, erklärte sie der OTZ: „Man kann doch nicht beim Friseur sitzen und solche Äußerungen tätigen!“

Kathrin Weigelt ist Verkäuferin, sie arbeitet in einem Berufsfeld, in dem viele Frauen beschäftigt sind. Es sei völlig normal, dass sie schwanger werden: „Sie sind ein bis eineinhalb Jahre zuhause und gehen danach wieder arbeiten.“

Die Friseurin, mit der der Meister sprach, will sich indes nicht äußern. Das Angebot, die Geschichte zu dementieren, nimmt sie nicht an: „Ich möchte mich dazu nicht äußern.“

Der Schornsteinfegermeister selbst dementiert, den Satz mit der möglichen Schwangerschaft gesagt zu haben: „So habe ich das nicht gesagt.“ Er könne sie nicht einstellen, weil dafür das Arbeitsvolumen nicht ausreiche. Er beschäftige noch einen Gesellen. Vielleicht aber bekomme dieser ab Oktober einen eigenen Kehrbezirk, „dann wäre ich bereit, Michele weiter zu beschäftigen“. Hinsichtlich einer möglichen Schwangerschaft sagt er: „Der Gedanke ist schon da... das wäre aber sehr diskriminierend!“ Es gebe immer mehr Frauen, die „bei dieser schweren Arbeit ihren Mann stehen“. Seine Auszubildende komme „gut an bei der Kundschaft da draußen“.

Und Michele Röder? Sie kann sich nicht vorstellen, weiter bei ihrem Meister zu arbeiten. „Ich fühle mich nicht wohl.“ Sie fühle sich „als Azubi nicht wertgeschätzt“, wenn derart hinter ihrem Rücken über sie geredet wird. Eine Stelle als Schornsteinfegerin an anderer Stelle hat sie schon in Aussicht. Auf die Frage, ob auch Schornsteinfegerinnen Glück bringen, sagt sie lachend: „Doppeltes Glück!“

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