„Frisch hab ich den Kompaß genommen und bin nach Jena marschiert“

Jena  Stumme Zeugen (35): Zwei Gedenksteine erinnern in Jena an bedeutenden Pädagogen Karl Volkmar Stoy.

Gedenkstein an der Paradiesstraße

Gedenkstein an der Paradiesstraße

Foto: Immanuel Voigt

Den obigen Liedtitel dichtete Karl Volkmar Stoy, wohl aus ehrlicher Dankbarkeit, als er 1874 nach langer Abwesenheit wieder nach Jena zurückkehren konnte. Dem Sachsen war „die junge Stadt“ an der Saale eine zweite Heimat geworden, in der er sich als bedeutender Pädagoge einen Namen gemacht hatte. Noch heute erinnern in unserer Stadt zwei Denkmale an ihn, die in diesem Teil über die „stummen Zeugen“ genauer unter die Lupe genommen werden. Den älteren der beiden Gedenksteine findet man recht einfach am Fürstengraben, den jüngeren sucht man in der Paradiesstraße und findet ihn direkt vor jener Schule, die seit 2002 den Namen des Pädagogen trägt.

Stoy selbst kam am 22. Januar 1815 im sächsischen Pegau als Sohn des Archidiakons Carl Gottlieb Stoy und dessen Frau Johanna Sophie zur Welt. Nach einer anfänglichen Hauslehrerausbildung, besucht der 12-Jährige Stoy anschließend die Landesschule in Meißen (das heutige Sächsische Landesgymnasium Sankt Afra) und begann nach deren Abschluss 1833 in Leipzig Theologie, Philologie und Philosophie zu studieren. Dort promoviert sich der junge Mann mit einer Arbeit über Schleiermachers Ethik 1837 zum Dr. phil. und setzte seine Studien in Göttingen fort, wo er bis 1839 vor allem durch den Philosophen, Psychologen und Pädagogen Johann Friedrich Herbart (1776-1841) beeinflusst wurde. Dessen systematische Pädagogik setzte besonders die Selbstentfaltung des Kindes in den Fokus. Der Schüler sollte demnach vom Lehrer durch einen „Anstoß“ zur Selbstbildung und Selbsttätigkeit animiert werden, was auch der charakterlichen Entwicklung des Kindes Rechnung tragen sollte. Herbart ist es zudem zu verdanken, dass die Pädagogik als Lehrfach Einzug in die deutschen Universitäten fand.

Doch zurück zu Stoy: Dieser arbeitete nach seiner Zeit in Göttingen zunächst als Privatlehrer in Weinheim, um dann an die Saale zu kommen und sich hier 1843 mit einer Arbeit über Platons „Politeia“ zu habilitieren. Als Privatdozent lehrte er fortan Philosophie und Pädagogik in Jena und erhielt 1845 eine außerordentliche und 1857 dann eine ordentliche Professur. Nachdem 1844 das „Heimburgsche Privatinstitut“ seinen Gründer durch dessen Tod verloren hatte, übernahm Stoy die Schule nebst Progymnasium und baute das fortan als „Stoysches Institut“ bekannte Haus zunächst am Löbdergraben kontinuierlich aus.

Anfänglich konnten bis zu 60 Jungen unterrichtet werden, 1850 schon bis zu 100. 1858 wurde dann die Johann-Friedrich-Schule am Standort der heutigen Stoy-Schule gebaut. Die Altersspanne der Jungen lag zwischen sechs und 18 Jahren. Bis 1866 erwarb sich die Anstalt internationalen Ruf, was Schüler aus ganz Europa an die Saale brachte. Zu ihren bekanntesten Zöglingen zählten sicherlich die beiden späteren Verleger Hans Heinrich Reclam (1840-1920) und Rudolf Brockhaus (1856-1932).

1898 wurde das erste Stoy-Denkmal enthüllt

Im Jahre 1866 wechselte Karl Volkmar Stoy an die Universität nach Heidelberg, wodurch sein Institut eine neue Leitung bekam. 1871 ereilte ihn der neuerliche Ruf nach Österreich, Stoy hatte schon 1867 in Bielitz das erste evangelische Lehrerseminar Österreichs errichtet, um in Wien tätig zu sein.

1874 erhielt er das Angebot an die Saale zurückzukehren, was er wohl recht gern tat, da er sich mit Jena sehr verbunden fühlte. Im April 1880 erlebte er, wie sein ältester Sohn, Johann Heinrich Stoy (1846-1905), das „Stoysches Institut“ wiedereröffnete. Zunächst am Löbdergraben gelegen, zog das Institut dann an den Steiger, wo 1891 unter der Adresse Stoystraße 3 ein umfangreicher Gebäudekomplex mit Wohn- und Schulhäusern, Unterkünften für die Lehrer und einer Turnhalle nebst Garten entstand. Diesen späten Ausbau seines Werkes erlebte Karl Volkmar Stoy allerdings nicht mehr. Einen Tag nach seinem 70. Geburtstag stirbt der Pädagoge überraschend am 23. Januar 1885 in Jena. Sein Grab befindet sich auf dem Johannisfriedhof. Seine einstigen Schüler, die in zeitgenössischen Berichten gern als „Stoyaner“ oder sogar als „Stoygemeinde“ bezeichnet werden, haben ihren „Meister“ nie vergessen. Dennoch vergingen einige Jahre, ehe man dem Pädagogen ein Denkmal setzte.

Anfang Dezember 1897 stellte der damalige Oberlandesgerichtsrat Riemann als Beauftragter des Komitees zu „Errichtung eines Stoydenkmals“ beim Gemeindevorstand von Jena den nötigen Antrag. Der Standort sollte am Fürstengraben „vor dem Schwarz’schen Hause“ sein, was der Rat wohlwollend genehmigte. Die noch heute zu sehende Büste war ein Frühwerk des bekannten Dresdner Bildhauers Karl Donndorf (1870-1941).

Das Denkmal selbst ist in schlichter Form gehalten. Obenauf die Büste, gefolgt von einem Granitsockel mit der Inschrift „Volkmar Stoy“ und am Fuß „Seine dankbaren Schüler“. Enthüllt wurde der Stein mit einem großen Festakt an Pfingsten 1898, genauer am 31. Mai. Der Festakt begann bereits einen Tag zuvor mit einem Treffen der nach Jena gekommenen ehemaligen Schüler. Am Morgen des 31. Mai schmückte man zunächst das Grab Stoys und lief dann gegen 11 Uhr vom Steiger über die Wagnergasse, den Johannisplatz über den Heinrichsberg zum Ort des Geschehens. Zahlreich waren die Abordnungen, etwa von der Universität, der Stadt, den Turnern und anderen Vereinen Jenas. Hier fand anschließend nach etlichen Festreden die Enthüllung und die Übergabe des Denkmals an den Oberbürgermeister Heinrich Singer statt. Anschließend wurde der Frühschoppen im „Sonnengarten“ eingenommen, gefolgt von einem Turnfest um 16 Uhr im „Stoyschen Institut“ bei Musik und „Festkommers“ fand der Tag seinen Ausklang.

Der zweite Gedenkstein an der Paradiesstraße ist etwas jünger, aber deshalb nicht minder interessant. Dank der Hilfe der Karl-Volkmar-Stoy-Schule ließ sich klären, dass er 1933 an der Turnhalle des Gebäudes gesetzt wurde. Neben einem Reliefbild Stoys zeigt die größere Bronzetafel eine Ansicht der ehemaligen Johann-Friedrich-Schule, die einstmals an diesem Ort stand und dem Neubau von 1892 weichen musste. Die Inschrift lautet: „Hier stand die Johann-Friedrich-Schule / Die Schöpfung und Wirkungsstätte von Karl Volkmar Stoy / *1815 † 1885“.

Sehr wahrscheinlich geht auch dieses Denkmal auf ehemalige „Stoyaner“ zurück, die ihrem „Meister“ in dieser Form ein weiteres Denkmal setzen wollten. Als dann das „Staatliche Berufsschulzentrum Wirtschaft und Verwaltung“ 2002 mit „Karl-Volkmar-Stoy-Schule“ das Namenspatronat übernahm, entschloss man sich von Seiten der Schulleitung konsequenterweise dazu, auch das Denkmal mehr in die Öffentlichkeit und damit an seinen heutigen Standort zu rücken. Bei einem Besuch des Paradieses, lässt es sich vom Weg aus der Stadt heraus leicht besichtigen.

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