Geras Oberbürgermeister Julian Vonarb im Interview: „Die Mehrheit sagt: Fettgusche ist cool“

Geras Oberbürgermeister Julian Vonarb über neue Impulse im Stadtmarketing und die Schwierigkeiten einer klammen Stadt, genügend Geld für die Kultur aufzubringen.

Julian Vonarb, Geras parteiloser Oberbürgermeister, an seinem Arbeitsplatz im Rathaus.

Julian Vonarb, Geras parteiloser Oberbürgermeister, an seinem Arbeitsplatz im Rathaus.

Foto: Ulrike Kern

Seit vergangenem Sommer ist Julian Vonarb (parteilos) Oberbürgermeister der Stadt Gera. Die Kulturhauptstadt-Bewerbung 2025 möchte er mit viel Engagement vorantreiben. Dabei gibt es in der Elsterstadt so einige kulturelle Baustellen. Im Gespräch stand er Rede und Antwort.

Eine tagespolitische Frage vorweg: Befürchten Sie durch den Ausgang der Stadtratswahl und den massiven Zugewinn der AfD einen Imageverlust für Gera?

Die Stadt Gera wird den seit Sommer vergangenen Jahres eingeschlagenen Weg konsequent weitergehen. Zielstellung ist unverändert, auch mutige Entscheidungen für die positive Entwicklung der Stadt zu treffen. Ergänzt wird dies durch einen vertrauensvollen Dialog zur Landesregierung und der weiteren Forcierung der regionalen Zusammenarbeit. Der neue Stadtrat ist gefordert, diesen Weg mitzugehen – immer ausgerichtet an der kommunalen Frage in der Sache, nicht an landes- oder bundespolitischen Themen. Dafür stehen ab 1. Juni 42 Mitglieder des Stadtrates in der Verantwortung.

Welche Chancen räumen Sie Gera bei der Bewerbung als Europäische Kulturhauptstadt 2025 ein?

Nüchtern betrachtet vielleicht eher geringe, weil andere Städte viel mehr finanzielle Kraft aufbringen können und über einen längeren Zeitraum an das Thema herangehen. Aber wir verfolgen ohnehin ein anderes Modell. Die Initiative zur Bewerbung ist aus der Bürgerschaft entstanden, zunächst der kleinen Keimzelle um den Initiator Thomas Laubert vor knapp zwei Jahren. Mittlerweile hat auch der Freistaat seine Unterstützung zugesichert. Sicher, wir haben viel weniger Zeit und ein kleineres Finanzvolumen, was ja ausschließlich über die Förderung durch die Staatskanzlei möglich ist. Aber haben wir deshalb schlechtere Chancen? Wir haben durchaus gute Chancen, im Herbst die erste Hürde nehmen zu können.

Würden Sie im Herbst bereits aus der Bewerbervorrunde rausfliegen, was bliebe?

Wenn wir wider Erwarten aus dem Rennen wären, haben wir dennoch als Stadt gewonnen. Erstens, weil wir den zwingend für die Bewerbung notwendigen Kulturentwicklungsplan für unser Stadt dann vorliegen haben. Den erstellen wir gerade parallel, dank der Förderung der Staatskanzlei und des zuständigen Ressorts. Allein dafür haben wir erhebliche finanzielle Mittel gewonnen, ein Gesamtpaket im sechsstelligen Bereich als nichtgeplante Zuwendung. Und weiterhin haben wir gewonnen, weil seit Herbst eine intensive Auseinandersetzung über die Bedeutung und Notwendigkeit von Kultur stattfindet.

Wird es unter Ihnen wieder eine Erweiterung der Öffnungszeiten der Geraer Museen geben?

Grundsätzlich muss man darüber nachdenken, wie wir Öffnungszeiten so gestalten können, dass sie sowohl für die Bürgerinnen und Bürger der Stadt attraktiv sind, als auch für die Außenwirkung von Gera und das Image der Institutionen. Wenn man sich die nüchternen Besucherzahlen anschaut, ist da noch enorm viel Luft.

Es bedarf für einen Besucheransturm sicher auch einer Neukonzeption der Museen, etwa des Museums für Angewandte Kunst, das mit Ihrer Unterstützung ja gerade vor dem Verkauf gerettet wurde.

Wir haben es im Herbst retten können, zumindest als Gebäude im Schoß der kommunalen Familie. Aber da ich als Oberbürgermeister nicht nur auf Kultur achte, sondern alle Themen der Stadt im Blick habe, ist es den Bürgern nur schwer vermittelbar, wenn ich massiv in Kultur investieren würde und sie ihre Kinder in eine extrem sanierungsbedürftige Schule bringen würden. Das muss ich austarieren und mir die Frage stellen, wo kann ich wie viel Geld investieren. Wir müssen in die Position kommen, dass unsere freiwilligen Leistungen wie Kultur nicht weiter eingedampft werden müssen. Sobald der Kulturentwicklungsplan spätestens im Herbst vorliegt, werde ich dafür Sorge tragen, dass wir auch wieder eine Person an der Spitze der Kultur haben, die alle Themen überblickt.

Wie könnte sich die Stadt mit ihren Kulturschätzen besser vermarkten und präsentieren?

Tragen wir das Potenzial Geras denn bislang überhaupt nach außen? Nein. Deshalb habe ich im Dezember den Mitgliedern im Stadtrat einen ersten Entwurf zum Stadtmarketing vorgestellt. Eine Vermarktung unserer Stadt, sowohl nach innen als auch nach außen hat in den letzten Jahren nicht zielgerichtet stattgefunden. Sie ist nicht aus einem Guss, jeder arbeitet für seinen kleinen Teilbereich. Das wird zweifellos mit viel Liebe getan, ist aber immer nur das Ergebnis einzelner Aktivitäten. Aber all unsere Alleinstellungsmerkmale, wie beispielsweise unsere Höhler, finden touristisch noch viel zu wenig statt. Wir haben in den vergangenen Jahren dadurch viele Chancen vertan. Umso wichtiger ist ein Kulturentwicklungsplan, eingebettet in ein Marketingkonzept.

Müsste man den Besuchern dann aber nicht etwas mehr bieten?

Unsere Orangerie ist im Sommer in neuem Glanz und mit neuen Ausstellungen wieder eröffnet worden. Aber es fehlt schon dafür die Kraft, diese vernünftig bekannt zu machen. Ich bin dafür, Schritt für Schritt zu gehen. Denn, wenn ich die Summe der Baustellen sehe, die die Stadt hat, muss ich meine Kraft bündeln und Prioritäten setzen.

Sie haben erst kürzlich kund getan, dass Sie noch immer großes Interesse haben, die Wismut-Kunstsammlung nach Gera zu holen und dauerhaft zu präsentieren. Wie kann das gelingen?

Erst einmal muss es gelingen, den Entscheidern zu vermitteln, dass Gera dafür der richtige Ort ist. Das geht nur, indem man miteinander spricht. Also bin ich in direkten Kontakt mit den Geschäftsführern der Wismut getreten, war beim Jahresempfang der Wismut in Chemnitz, habe Interesse bekundet. In Gera gibt es bei allen im Kultur- und Kunstbereich Aktiven einen hohen Konsens, dass die Wismutsammlung sehr gut zu uns passt. Wenn die Wismut ihrerseits entschieden hat, was sie mit ihrer Sammlung plant und ein Konzept vorliegt, habe ich deren Zusage, dass wir wieder miteinander in Kontakt treten. Ich habe den Pflock jedenfalls bei der Wismut eingeschlagen und warte auf weitere Gespräche. Und wenn es zu einer Übertragung kommt, werden wir auch geeignete Flächen und Möglichkeiten finden.

Sie haben den TV-Schauspieler Eric Stehfest intensiv dabei unterstützt, in Gera ein Café nebst Tonstudio zu eröffnen. Er hat nun laut darüber nachgedacht, dass ehemalige Geraer Gefängnis in ein Kulturzentrum zu verwandeln. Wie stehen Sie solchen privaten Initiativen gegenüber?

Immer wenn privates Engagement vorhanden ist, ist es wert unterstützt zu werden. Selbst wenn eine private Initiative, ein privater Investor verrückte Ideen hat, bin ich niemand, der die Tür von vornherein zuschlägt.

In Gera gibt es bereits eine Menge privaten kulturellen Engagements, denken wir an den neuen Kunstort Häselburg oder die Galerie M1. Man hat fast das Gefühl, die Stadt hängt da etwas hinterher?

Ich glaube, das ist heute normales Engagement von Menschen einer Stadt. Die Zeiten, wo es Aufgabe einer Kommune war, das Rundum-Sorglospaket für alle zur Verfügung zu stellen, sind vorbei. Für mich ist die Kernaufgabe einer Stadt, für die Basisfunktionen zu sorgen. Und die fangen bei Infrastruktur an. Allein da habe ich genug Hausaufgaben für die nächsten 30 Jahre. Insofern sehe ich die Stadtverwaltung eher in der Verantwortung, Koordinator, Unterstützer und manchmal Katalysator zu sein, um den Initiativen und Vereinen eine Plattform zu bieten, wo die untereinander in Kontakt kommen, wo sie sich vernetzen können.

Alle vier, fünf Jahre gibt es die Theaterdiskussionen um den Fortbestand. Dann treten die Kommunen, die Theater und Orchester besitzen, wieder in Finanzierungsverhandlungen mit dem Land. 2021 wird es erneut ums Geld gehen. Welche Positionen wird die Stadt Gera unter Ihnen einnehmen? Fünf Sparten unbedingt erhalten?

Wir müssen uns mal vor Augen führen, dass das Theater von der Stadt Gera einen Zuschuss von rund viereinhalb Millionen Euro bekommt. Das ist bezogen auf die Gesamtleistung der Stadt im Bereich der freiwilligen Leistungen und insbesondere im kulturellen Bereich schon mal ein sehr, sehr großer Schluck aus der Pulle. Den hat es sich, wenn man sich den Inhalt ansieht, aber auch verdient. Es erhält Auszeichnungen und Preise und ist in der Stadt sehr anerkannt. Die Grundsatzfrage, Theater ja oder nein, stellt sich für mich nicht. Da gibt es nur eine Antwort: Natürlich ja!

Gilt das Bekenntnis auch für alle fünf Sparten des Theaters Altenburg-Gera?

Ich mache es nicht an den Sparten fest, dass ich sage, fünf Sparten sind für mich gesetzt. Ich sehe das Theater im Ganzen. Mir ist wichtig, dass wir möglichst frühzeitig die langfristige Finanzierung des Theaters sichern. Und nicht erst im nächsten oder übernächstem Jahr kurzfristig, sondern gern auch eher. Im Hintergrund gibt es dazu bereits Gespräche.

Herr Vonarb, die Idee, Gera als Stadt der Fettguschen zu vermarkten, ist unter anderem bei Geraer Künstlern nicht vollends auf Gegenliebe gestoßen. Es gibt Stimmen, die empfinden diese Vermarktungsstrategie als recht einseitig. Wollen Sie diese Fettguschen-Strategie wirklich nach außen tragen?

Nein. Warum habe ich im Herbst die Fettguschen-Kampagne gestartet? Wenn wir uns das Nachwende-Gera anschauen, dann muss man feststellen, dass Gera schon einiges sein sollte: Handelsstadt, Einkaufsstadt, dann waren wir mal sechs Jahre lang Otto-Dix-Stadt. Danach wurden wir zur Hochschulstadt. All diese Stempel haben zu nichts geführt. Ausgenommen Otto Dix. Natürlich sind wir Otto-Dix-Stadt, weil er hier geboren wurde. Aber wenn man sich die Einstellung der Mehrheit der Geraer zum Maler Dix ansieht, ist da nicht nur Liebe und Verehrung. Wir sind nun mal historisch eher Arbeiterstadt und nicht der Hort der Intellektuellen. Man hat damals etwas Entscheidendes vergessen: Bevor man in die Außendarstellung geht, muss man die eigene Bevölkerung abholen.

Und Sie wollten mit ihrer Kampagne erst mal lokale Stimmung einfangen?

Genau. Ich wollte reinhören in die Bürgerschaft, wie sich die Menschen mehrheitlich fühlen. So bin ich auf die Gerschen Fettguschen gekommen. Und die Mehrheit hat im Übrigen gesagt: Fettgusche ist cool. Dass ich damit keinen künstlerisch engagierten Menschen abhole, war mir von vornherein klar. Ich finde die Aktion im Nachhinein dennoch komplett gelungen, weil eine Diskussion angeregt wurde. Mir ging es erst einmal darum, den Menschen das Gefühl zu geben, sein zu dürfen, was sie sind. Jedenfalls wird es ein Marketing für die Stadt geben; und die Fettgusche wird nach innen natürlich ein Teil davon sein. Genauso wie ein Fischkopp ein Fischkopp ist und ein Freiburger ein Freiburger Bobbele. Aber das Konzept ist noch im Entstehen.

Also keine Renaissance der Otto-Dix-Stadt?

Ich mache nicht Dix 2.0. Das wird hier nicht funktionieren. Ich mache auch nicht alleine auf Hochschulstadt, weil wir das in dem Sinne, wie es Jena ist, nicht sind. Mir ging es erst mal darum, den Menschen die Angst zu nehmen, nach innen das zu sein, was wir sind. Im Übrigen, so ehrlich bin ich, in meinem Wahlprogramm stand nichts von Kultur. Gerade deshalb habe ich seit Sommer sehr viel Zeit da hinein investiert. Warum? Weil ich erkannt habe, wie wichtig der Baustein Kultur für die Attraktivität der ganzen Stadt ist – übrigens auch mit Blick auf das Thema Wirtschaftsförderung und Tourismus.

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