Gerichtsbericht: Zur falschen Zeit am falschen Ort

Jena  Aus dem Gerichtssaal: Ein Student soll einen Mann verprügelt haben – Am Ende steht ein Freispruch

Ein junger Mann schlägt mit der Faust zu. Foto: Karl-Josef Hildenbrand

Ein junger Mann schlägt mit der Faust zu. Foto: Karl-Josef Hildenbrand

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Die Erleichterung ist Nico H. anzusehen. Die nachdenkliche Miene löst sich. Die Anspannung scheint zusammen mit einem großen Atemstoß aus seinem Brustkorb zu entweichen.

Richter, Staatsanwalt und Verteidiger sind sich einig: Nico H. kann es nicht gewesen sein, der zusammen mit einer Gruppe einen Mann – Aykut E. – erst über den Eichplatz trieb und ihm anschließend vor der Tiefgarage am Nonnenplan mit Tritten sowie Schlägen Verletzungen zufügte.

"Es gibt zwar keine Freisprüche erster oder zweiter Güte. Aber ich möchte betonen, dass das Gericht davon ausgeht, dass Sie die Tat nicht begangen haben und nicht nur die Beweise fehlen", sagt der Richter am Amtsgericht, Frank Hovemann.

Mit dem Freispruch endet eine Geschichte, die in einer Aprilnacht vor drei Jahren ihren Anfang nahm. Der damalige Student Nico H. sei mit drei Freunden unterwegs gewesen. Sie hätten Bier getrunken und in einer Kneipe in der Wagnergasse gefeiert. Anschließend hätten sich die Kumpels einen Döner am Imbiss auf dem Eichplatz gegönnt. Als sie in den Nonnenplan einbogen, habe die Polizei sie dort in Empfang genommen und des Überfalls auf Aykut E. beschuldigt – der wegen eines erhöhten Alkoholspiegels angab, sich nicht an den Vorfall zu erinnern. So die Version von Nico H. und den als Zeugen vernommenen Freunden, der Richter Hovemann letztlich Glauben schenkt. Dabei habe es nach dem Studium der Ermittlungsakte noch so ausgesehen, als sei H. der Täter, gibt er zu.

Aber das Einsatzprotokoll der Polizei und die Aussagen der Zeugen im Laufe der Verhandlung sprechen höchst verschiedene Sprachen. Der Taxifahrer Hans-Dietrich D. soll laut Protokoll noch am Tatort die vier Freunde als die Gruppe erkannt haben, die Aykut E. erst jagte und dann trat. Genauer noch soll er "den mit den kurzen Haaren" – vermeintlich der Beschuldigte Nico H. – als Haupttäter identifiziert haben. Drei Jahre später im Gerichtssaal klingt das jedoch anders. Er habe zum Zeitpunkt der Tat mit seinem Taxi am Dönerstand gestanden. Er habe daher den Angriff gar nicht sehen können. Außerdem habe er mehrere Männer in die andere Richtung über den Eichplatz flüchten gesehen.

Auch die Aussage eines weiteren Taxifahrers wirft Zweifel auf. Er soll zunächst Nico H. am Tatort eindeutig identifiziert haben und das später bei einer Lichtbildvorlage bestätigt haben. Heute kann er sich daran nicht erinnern. Zudem weicht seine Beschreibung des Tatherhangs stark von den anderen ab.

Verteidiger Volker Knopke spricht zum Schluss von einer "wahnsinnig unglücklichen Personenverwechslung", aber auch von offensichtlichen Mängeln in der Ermittlungsarbeit der Polizeibeamten.

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