Neue Wege der Hirntumor-Therapie werden in Mühlhausen etabliert

Mühlhausen.  Im Hufeland-Klinikum laufen vorbereitende Arbeiten für die Installation eines Nano-Activators.

Chefarzt Johannes Wölfer in den Räumen des künftigen Nano-Activators am Hufeland-Klinikum in Mühlhausen. Derzeit werden die Räume umgebaut.

Chefarzt Johannes Wölfer in den Räumen des künftigen Nano-Activators am Hufeland-Klinikum in Mühlhausen. Derzeit werden die Räume umgebaut.

Foto: Daniel Volkmann

Am Standort Mühlhausen des Hufeland-Klinikums entsteht derzeit ein Zentrum, um Tumore der Hirnregion nach einer Operation mit Wärme behandeln zu können. In ganz Europa gibt es das Verfahren bisher am Uniklinikum in Münster, der Paracelsus-Klinik in Zwickau und an einer Klinik in Lubień in Polen.

Laut Magforce-Sprecherin Barbara von Frankenberg arbeitet nach der Inbetriebnahme in Mühlhausen der europaweit vierte Nano-Activator zur Behandlung von Hirntumoren. Das Unternehmen Magforce stellt diese Medizintechnik her. Die Bauarbeiten für den neuen Klinikbereich, der bereits eine eigene Zufahrt besitzt, laufen. Die Gesamtkosten für das Projekt belaufen sich auf rund 1,5 Millionen Euro.

Für die Therapie mit dem Nano-Activator müsse man nicht durchgehend im Krankenhaus bleiben. Je nach Therapieplan werde drei Wochen nach der Operation zweimal wöchentlich für eine Stunde bestrahlt. Die gesamte Behandlung ist sehr kräftezehrend, auch deshalb sei die eigene Zufahrt ideal, sagt Johannes Wölfer. Er ist Privatdozent und promovierter Chefarzt für Neuro- und Wirbelsäulenchirurgie am Hufeland-Standort Mühlhausen. „Mit all dem, was uns abseits dieser Methode heute zur Verfügung steht, hat ein Patient mit einem bösartigen Tumor im Kopf eine Lebenserwartung zwölf bis 16 Monaten“, erläutert Wölfer. Vor drei Jahren wechselte er von der Uniklinik in Münster, an der er als stellvertretender Direktor und Spezialist für Neuro-Onkologie gearbeitet hat, nach Mühlhausen. Das Hufeland-Klinikum bietet aus seiner Sicht hervorragende Voraussetzungen.

Klinik bietetgute Voraussetzungen

„Die technische Infrastruktur ähnelt der an der Universität in Münster“, sagt er. Einen OP-Saal, Mikroskop, Navigation, Elektrophysiologie, Schnellschnittmöglichkeit, Neuropathologie und Tumorport, der den dauerhaften Zugang von außen zu einer Vene ermöglicht, sowie der eigene Anspruch seien die Voraussetzungen, um dieses Krankheitsbild behandeln zu können.

Johannes Wölfer erklärt das Entstehen eines Tumors plakativ: „Statistisch gesehen, spielt im Körper jeden Tag eine Zelle verrückt. Diese Zellen werden eigentlich vom Immunsystem, dem Radar des Menschen, erkannt. Versagt das Immunsystem und die verrückt spielende Zelle bleibt unter dem Radar, entsteht ein Tumor“. Untersuchungen zeigten, dass Hitze eine Möglichkeit zu bieten scheint, den Tumor wieder in das „Radar des Immunsystems“ zu stellen.

Die Nano-Therapie setze da, wo die Standards von Operation, Bestrahlung und Chemotherapie zu Ende gehen. Das Tückische bösartiger Tumore sei, dass sie sehr häufig zurückkehren. Ab diesem Punkt gibt es laut Wölfer keine Standardtherapie mehr. Bis zu einer gewissen Grenze könne man spezielle Methoden wiederholen.

Nano-Activator funktioniertim Prinzip wie ein Kochfeld

Aber Chemotherapie und Bestrahlung würden von den Patienten auch nicht mehrfach gut vertragen. „Wenn wir einen Patienten haben, der die Standardtherapie durchlaufen hat und bei dem der Tumor zurückkommt, was er bei praktisch allen Patienten tut, steht eine erneute Operation an“, erläutert der Neurochirurg. Inzwischen wisse man, dass Hitze die Tumorzellen stärker schädigt als die normalen Hirnzellen. „Hirngewebe hat eine gewisse Toleranz, um die Temperaturen von 43 bis 45 Grad aushalten zu können, diese ist bei Tumorzellen deutlich schlechter.“

Während der Operation, die auch minimalinvasiv mit einer Nadel durchgeführt werden kann, werden Nanopartikel, ein eisenhaltiges und zähflüssiges Material, an die einstigen Tumorränder platziert. Denn in gut 90 Prozent aller Fälle würden die Tumore genau an diesen Stellen wieder nachwachsen, so der Mediziner. Die Idee dahinter: Die Ränder werden mit den Nanopartikeln bestrichen und später mithilfe des Nano-Activators erhitzt. Laut Johannes Wölfer kann man die Funktionsweise des neuen Activators mit einem Induktionskochfeld vergleichen. Dieses erwärme nur den Topf, nicht aber den Rest des Kochfeldes.

Ähnlich sei es beim Activator. Erhitzt werden ausschließlich die Nanopartikel. „Weiter gibt es Anzeichen dafür, dass die Hitze nicht nur das bösartige Gewebe verbrennt, sondern auch das Immunsystem gegen den Tumor wieder scharfmachen kann.“