Schützende Erdbunker und Trümmerhaufen als Spielplatz

Erfurt.  Dorothea Franke (83) und Käte Deimling (89) erinnern sich an die Bombardierungen und das Kriegsende in Erfurt.

Musealer Luftschutzkeller im Erfurter Wigbertikloster (Archivbild).

Musealer Luftschutzkeller im Erfurter Wigbertikloster (Archivbild).

Foto: PETER RIECKE

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, war die Erfurterin Dorothea Franke zwei Jahre alt. Die Geschichte der Generation der heute 83-Jährigen ist auch Stadtgeschichte! Deshalb meldete sich Dorothea Franke bei Stadtführer Roland Büttner, als dieser Zeitzeugen für ein Schülerprojekt zum 75. Jahrestag des Kriegsendes suchte.

Dann stoppte Corona alle Initiativen. Alle? Nein. Am 12. April gab es um 20.20 Uhr ein großes Glockenkonzert der Erfurter Kirchen in Erinnerung an den Tag der Befreiung/des Kriegsendes in Erfurt, dem auch Dorothea Franke in der Krämpfervorstadt lauschte.

„Mein Vater hat 1937 ein Haus in der heutigen Reißhausstraße gekauft“, erzählt die Erfurterin. Im Keller des Vorderhauses hatte er einen Luftschutzkeller einzurichten: für ihre fünfköpfige Familie und sieben Nachbars-Familien. Bei Voralarm eilten alle in den Keller. „Man hörte, ob die Bomber voll oder leer anflogen“, erinnert sich Dorothea Franke an die dumpfen Schläge und vor allem an den 19. Februar 1945. „19.30 Uhr saßen wir im Keller. Meine Tante, Oma, Mutti, Kinder, Alte – auf Notbetten und mitgebrachten Stühlen. Vati hatte bei Alarm irgendwo Dienst.“ Diesmal wurde auch ihr Haus von einer Luftmine und Bomben getroffen sowie ein zweites an der Ecke Geschwister-Scholl-Straße.

„Ich hatte furchtbare Angst, weinte und schrie“, sagt Dorothea Franke mit belegter Stimme. Durch den Luftdruck sprang die Kellertür auf, das Vorderhaus war zusammengestürzt. Ihre beherzte Mutter bahnte sich über die Trümmer auf der Kellertreppe einen Weg: „Mutti hat uns alle lebend rausgeholt.“

Die Franke-Frauen liefen los. „Richtung Leipziger Platz. Ich weiß noch, dass aus einem Hinterhaus mit Pferdestall die Tiere rausgelaufen kamen.“ Sie zählt die Treffer auf: am Döll-Platz, in der Rathenaustraße, am Leipziger Platz. Die Toten waren zivile Opfer.

Sie fanden Aufnahme bei Verwandten in der Bodestraße, Nelkenstraße. Es war schwierig mit einer Siebenjährigen, die nicht zu beruhigen war. Heute würde man sagen: traumatisiert. Als Familie kamen sie zeitweise in den Katakomben des Petersbergs unter, in einer Gartenlaube. Schließlich kehrten sie in die Reißhausstraße zurück. Trotz der einsturzgefährdeten Hausteile begann der Wiederaufbau, mit blanken Händen und einer Schubkarre. Der Vater bekam beim langjährigen Arbeitgeber Raiffeisen einen Kredit. „Russen halfen Steine zu klopfen.“ Dorothea Franke spielte auf den Trümmern.

Etwas aufzubauen wurde ihr berufliches Ziel

Bis das Vorderhaus 1952 wieder stand, lebten sie in einem Behelfsheim im Garten. Inzwischen hatte Dorothea Franke die 8. Klasse beendet, machte Abitur, studierte an der Ingenieurschule für Bauwesen in Erfurt. „Ich habe erlebt, wie Luftangriffe Häuser zerstörten.“ So wurde „etwas aufzubauen“ ihr berufliches Ziel. Bis zur Auflösung des Wohnungsbaukombinates Erfurt 1991 gehörte sie zur Hochbauprojektierung, zuletzt mit Sitz in der Altonaer Straße, unweit ihres Elternhauses. Bei dessen Umbauten und Modernisierungen übernimmt sie den Bauleiterpart. Die Kriegserlebnisse haben sie „ein Leben lang nicht losgelassen“. Wenn sie Filme dazu sieht, denkt sie immerzu: „Das darf nie wieder passieren.“

Zeitzeugin ist auch Käte Deimling, Jahrgang 1931. „Wir waren als Kinder oft entlang des Flutgrabens unterwegs“, erinnert sie sich an die Bombenangriffe, „an die großen roten Leuchtkugeln und die grünen Markierungen“. Dann hieß es: schnell Schutz suchen. „Am meisten hatte ich Angst, in einem Trümmerhaus verschüttet zu werden.“ So kroch sie wiederholt in Erdbunkern unter. Diese hatten Fremdarbeiter auf den Feldern Richtung Marbach angelegt. „Dort saß ich im Februar 1945, zu der Zeit, als Dresden zerbombt wurde, zwischen den Fremden und einem älteren Ehepaar“, weiß Käte Deimling noch. Als sie heimkam in die Bergstraße/Ecke Auenstraße, wo ihr Vater ein Papierwaren-Geschäft hatte, sah sie die Schäden ringsum.

Im März 1945 fiel ihre Konfirmation aus. „Die Türen waren kaputt, wir mussten das Essen wegschmeißen, weil es voller Splitter von den Fensterscheiben war.“ Am 12. April rückten die Amis ein. Mit dem Kriegsende kam der Hunger, Sie als Große hatte sich um sechs Geschwister zu kümmern. Die Lutherschule war geschlossen, in der Gärtnerei Martin fand sie Arbeit. Ihre Versorgung bestand aus trockenen Brot und Salz. Gute Jahre erlebte sie in der Optima, im Schlachthof, 60 Jahre mit ihrem Mann – und dank des bis heute anhaltenden Friedens.

Käte Deimling ist in der Braunstraße geboren, eine Erfurter Puffbohne. „Wenn ich tot bin, wünsche ich mir dass die Gloriosa läutet.“