Willy Brandts Sohn: "Der Jubel von Erfurt war eine alarmierende Geste"

Erfurt. Vor 45 Jahren jubelten rund 8000 DDR-Bürger dem damaligen Bundeskanzler vor dem Hotel "Erfurter Hof" zu.

Willy Brandt soll nur zögerlich ans Fenster getreten sein. Er wollte die DDR-Staatsführung nicht provozieren. Heute erinnert ein Schriftzug an das Ereignis. Foto: Archiv

Willy Brandt soll nur zögerlich ans Fenster getreten sein. Er wollte die DDR-Staatsführung nicht provozieren. Heute erinnert ein Schriftzug an das Ereignis. Foto: Archiv

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Als eine "alarmierende" Geste ordnet der Historiker Peter Brandt die öffentlichen Sympathiebekundungen der Erfurter Bevölkerung vom 19. März 1970 ein. Es sei ein politischer Akt von "größter symbolischer Bedeutung" gewesen, der den Interessen der DDR-Staatsführung offen entgegenlief, die DDR als zweiten deutschen Staat in der internationalen Staatengemeinschaft zu positionieren. Denn während die Bundesrepublik auf die politische und militärische Entspannung zwischen den Blöcken setzte, verfolgte die DDR eine zunehmende Abgrenzung zur Bundesrepublik.

"Ich fahre nach Erfurt mit guten Absichten, aber ohne große Illusionen", hatte der damalige Bundeskanzler vor seinem ersten offiziellen Staatsbesuch in die DDR gesagt. Schwierige Gespräche hatte er erwartet - doch wohl kaum einen solchen Empfang durch die Bürger aus Erfurt und dem näheren Umland. Sie zwangen ihn gestern vor 45 Jahren, vis-à-vis des Erfurter Hauptbahnhofs ans Fenster zu treten. Brandt ließ sich von rund 8000 DDR-Bürgern feiern. Er selbst sprach von einem "starken menschlichen Erlebnis".

Ein Wandel durch Annäherung der Systeme

Nicht wenige sehen in dieser spontanen Demonstration der Bürger aus Erfurt und dem Umland der Stadt den Beginn dessen, was in dem Ereignis von vor 25 Jahren mündete: Die erste und einzige freie Wahl in der kurz darauf untergegangenen DDR. "Was Willy Brandt hier in Erfurt hervorgerufen hat, konnte ein anderer deutscher Kanzler vollenden: Die deutsche Einheit", so Landtagspräsident Christian Carius.

Brandts Sohn wollte in seinen Betrachtungen so weit nicht gehen. Er führte aus, dass die Ostpolitik über die Jahre hinweg vor allem die militärische Situation zwischen den Blöcken entspannt hatte. So stellte er klar, dass Brandts Ostpolitik keinesfalls einem von Beginn an festgelegten Weg folgte, der in eine Wiedervereinigung münden sollte. "Es gab keinen Masterplan", urteilt Peter Brandt. Es sei über die Jahre stattdessen eine "über weite Strecken tastende, auch widersprüchliche Politik" geworden. Wenn die Ostpolitik unter Willy Brandt eine Intention verfolgte, dann zielte sie auf den Wandel in der DDR durch Annäherung der Systeme ab.

Peter Brandt wurde als ältester Sohn von Rut und Willy Brandt 1948 in Berlin geboren. Der Experte für Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts lehrte zuletzt an der Fernuniversität Hagen. Im vergangenen Jahr ging er in den Ruhestand. Er sprach jetzt in Erfurt auf Einladung des Landesbeauftragten für die Aufarbeitung der SED-Diktatur, Christian Dietrich.

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