Pflegekräfte arbeiten auf Verschleiß – kritische Lage hält weiter an

Jena  Gastbeitrag: Ein Jahr nach seinem ersten Gastbeitrag in der OTZ zieht Krankenpfleger Clemens Koch aus Jena Bilanz.

Ein Pfleger hält in einem Pflegeheim die Hand einer Bewohnerin.

Ein Pfleger hält in einem Pflegeheim die Hand einer Bewohnerin.

Foto: Oliver Berg

Es ist meine Pflicht, als Krankenpfleger auf die Missstände im Gesundheitswesen aufmerksam zu machen. Diese Missstände sind real, Patienten sind chronisch unterversorgt, Angehörige können kaum in einer schweren Situation begleitet werden. Die Pflege arbeitet am Limit.

Der Deutsche gilt als der, der am meisten und am besten Jammern kann. Mag sein. Hier geht es aber um ein Thema, was besondere Aufmerksamkeit erfordert. Dies hat nichts mehr mit „Jammern“ zu tun, ich schreibe von der bitteren Realität!

Es gibt unzählige Gespräche über die Situation der Pflege mit den Arbeitgebern und der Politik. Leider laufen diese ins Leere. Die Bereitschaft, unsere Berufsgruppe zu hören und ernst zu nehmen mit ihren Problemen, läuft gegen Null.

Die Arbeitgeber lehnen sich zurück und warten darauf, wie die Bundesregierung auf die aktuelle Lage reagiert. Legt sich wirklich jemand mit der Lobby der Deutschen Krankenhaus­gesellschaft an?

Die Forderung von 13 000 neuen Stellen des Bundesgesundheitsministers Jens Spahn in der Altenpflege ist nicht mal der Tropfen auf dem heißen Stein. Auch den Ansatz, dass es Untergrenzen in der Personal­besetzung bis 2020 geben soll, mit dem Hinweis, dass, wenn diese unterschritten werden, soll es geahndet werden, sehe ich sehr kritisch. Welche Institution legt fest, was die Untergrenzen sind und wer kontrolliert das?

Ich sehe nur spärliche Bemühungen der Politik, die hauptsächlich in der Schuld steht, dem gerecht zu werden.

Leider ist es so, dass kaum einer diesen Beruf noch ergreifen möchte. Aber warum? Die Bedingungen stimmen nicht.

Es ist längst nach 12

Da hilft auch nicht die Ansage an die Arbeitgeber, dass zusätzliche Stellen zu 100 Prozent aus der Pflegekasse bezahlt werden. Wer kontrolliert das, dass die Gelder zu Neuanstellungen führen? Es gibt kein Kontrollorgan.

Selbst bin ich mit meinem Kollegen und Aktivisten, Stefan Heyde, unserer Bewegung „Pflegekräfte in Not“ in Berlin im Gesundheitsministerium gewesen, um eine Petition zu überreichen. Rund 12 200 Unterschriften.

Überraschend sind wir zu einem Gespräch ins Ministerium eingeladen worden, mehr als eine Stunde wurde sich Zeit genommen. Für mich war die Quintessenz, dass die Wahrnehmung zwischen Theorie und Praxis weit auseinander liegt. Betretenes Nicken seitens der Beamten des Ministeriums über meine Darstellung der Erlebnisse von der Basis.

Ich möchte gerne an meinen Artikel im September letzten Jahresanknüpfen und weiterhin behaupten, es ist nicht 5 vor 12, es ist nicht um 12, es ist längst nach 12. Die Mitarbeiter im Gesundheitswesen laufen ständig auf 120 Prozent, kurzweilig geht das, aber dauerhaft ist das auf Verschleiß und geht auf die Gesundheit. Das Handeln um Nachhaltigkeit der Arbeitgeber stelle ich wirklich in Frage. Nicht vergessen, Pflegekräfte arbeiten 365 Tage im Jahr – früh, spät, nachts, an Feiertagen und am Wochenende.

Auszubildende werden überfordert

Unsere Auszubildenden sind von der Personalnot besonders betroffen und werden innerhalb der drei Jahre ihrer Ausbildungszeit mit Situationen konfrontiert, die sie unmöglich bewältigen können. Sie arbeiten teilweise als Vollkraft, und die praktische Betreuung durch die Mentoren fällt zunehmend hinten runter. Das zeigt die dramatische Durchfallquote in der praktischen Prüfung. Gerne möchte ich bemerken, dass jeder Praxisanleiter seinem „Schützling“ das Beste geben möchte, aber nicht die Möglichkeiten dafür hat.

Die Übernahme der Schüler nach ihrer Ausbildung in pflegeintensive Bereiche (Intensivstation, Wachstation, ...) sehe ich sehr problematisch, das ist eine unglaubliche Herausforderung für die jungen Kollegen. Seit Jahren werden damit personelle „Löcher“ gestopft. Ohne ihre Grundkenntnisse zu festigen, werden den Azubis Aufgaben übertragen, die sie nicht stemmen können. Das sorgt für Unmut und Versagensängste.

Um diesen Mangel zu beheben, ist nun die Idee, ausländische Kräfte zu mobilisieren, bisher weitgehend gescheitert. Das Pflegepersonal sieht sich mit der Schulung der Probanden in einfachen Deutschkenntnissen konfrontiert. Wir sind nicht dafür ausgebildet, es fehlt die Zeit dazu, schlussendlich die nötige Fachsprache zu vermitteln. Es ist nicht die Lösung, sondern nur eine symptomatische Maßnahme, um das Fass am überlaufen zu hindern.

Abbruch, Flucht oder kein Interesse für diesen tollen Beruf ist die Folge. Darin ist der Fachkräftemangel begründet, nicht nur dort, sondern langjährige Mitarbeiter werden nur noch verheizt und scheiden aus.

Im DRG-System (Fallpauschalen) ist die Pflege, Fürsorge, psychische Betreuung der Angehörigen und des Patienten finanziell nicht berücksichtigt. Das heißt, mit der Pflege wird kein Geld verdient. Also ist die logische Konsequenz, dort wird massiv eingespart. Ich möchte nicht unterschlagen, dass es Ansätze der Bundesregierung gibt, „die Pflege“ aus dem aktuellen DRG-System zu nehmen und gesondert zu berechnen. Zukunftsmusik!

Pflegekräfte werden gezwungen, gegen ihren Berufsethos zu arbeiten. Gerne möchte ich das näher erklären: Die oberste Prämisse liegt im operativen Bereich, dort wird für die Einrichtung (öffentliche Trägerschaft, dem Land/Kommune/Bund, Rechenschaft schuldig), privater Trägerschaft (Dividende für Anleger und eigene Tasche) der meiste Umsatz gemacht. Die persönliche Begleitung der Patienten und Angehörigen stellt einen wichtigen Pfeiler in der Pflege dar, dies ist kaum noch umzusetzen, Einhaltung der Hygiene oder die einfachsten Bedürfnisse werden dort kaum berücksichtigt.

Persönlich habe ich erfahren, dass die Arbeitgeber in keinster Weise an einer Verbesserung der Situation interessiert sind. Es spielen nur noch kommerzielle Aspekte eine Rolle, nicht der Patient oder schlussendlich der Mitarbeiter hat einen Stellenwert und bekommt nicht den nötigen Respekt und Wertschätzung. Das ist verwerflich und gewissenlos, was dort passiert und was mit meiner Berufsgruppe veranstaltet wird.

Wir arbeiten im Gesundheitswesen unter unwürdigen Bedingungen. Sitzen in der ersten Reihe im Theater und müssen zuschauen, was da passiert. Schlimmer ist, wir werden unfreiwillig zum Akteur gemacht.

Unzählige zuverlässige Berichte liegen mir vor, dass Patienten Stunden in ihren Ausscheidungen liegen, nach der profitablen OP wird der „Barcode“ (Patient) auf Intensiv­stationen oder Wachstationen „abgekippt“. Herzkatheteruntersuchungen werden am Fließband gemacht ohne eine nötige Nachsorge und Überwachung des Patienten. Sie werden auf peripheren Stationen „zwischengeparkt“ und stehen auf dem Gang, faktisch ohne Versorgung, bis ein Bett irgendwo frei wird. Alltag!

Viele Gespräche liefen ins Leere, um diese Missstände zu beseitigen. Der Arbeitgeber hält sich an Formalitäten fest, wenn es um offene Kritik geht. Vorwürfe wie Loyalitätsverletzung, Denunziation oder Rufschädigung spielen eine Rolle, aber das alles, ohne auf die Probleme einzugehen. Druck und Einschüchterung auf die Mitarbeiter ist die Folge. Es wird ein großer Bogen um die Realität gemacht.

Mir fällt da gerne ein Zitat von Eckart von Hirschhausen ein: „Als ich Medizin studieren durfte, war das ein Privileg für die Besten eines Jahrgangs. Wer nicht so genau wusste, was er werden wollte, machte erstmal BWL. Wer hat heute im Krankenhaus das Sagen? Die Betriebswirte! Da ist doch in den letzten 20 Jahren irgendwas schief gelaufen, oder?“

Ich darf es eigentlich nicht sagen, aber die Erfahrungen habe ich auch gemacht. Betriebswirtschaftslehre regiert das deutsche Gesundheitssystem. Den Ökonomen möchte ich ihre Qualifikation nicht absprechen, aber die fachlich-soziale Kompetenz liegt bei denen, die direkt am Patienten arbeiten.

In der Pflege geht es um Menschenwürde, psychische Betreuung, Begleitung der Patienten und Angehörigen in einer sehr schwierigen Lebenssituation. Diese Notwendigkeit wird uns seit Jahrzehnten zunehmend versagt. Das heißt, die Pflegekraft hat kaum noch die Möglichkeit, auf die Bedürfnisse einzugehen. Was passiert da, der Patient kann in seiner Situation kaum noch mitgenommen werden und die Pflege geht daran kaputt, nicht das leisten zu können, was nötig wäre.

Ein Dilemma. Ergebnis ist: Flucht aus dem Beruf, junge Menschen möchten unter diesen Bedingungen nicht mehr arbeiten, Burn-out, Depression, Suizid, Alkohol, Drogen. Leider sind meine Kollegen zum größten Teil noch nicht so weit, sich das einzugestehen, wie weit sie in dieser kranken Spirale drinstecken. Da ist wirklich ein Umdenken nötig, manche brauchen die klare Konfrontation, um zu begreifen, dass es so keine Zukunft hat.

Schamlose Ausnutzung der Arbeitskraft

Das System existiert nur noch, weil auf Pausenzeiten verzichtet wird, Einspringen aus dem Frei und Verschiebungen des Personals zwischen den Stationen stattfindet, vor allem, weil die Kollegen ihre Patienten und ihr Team nicht im Stich lassen wollen. Helfersyndrom. Das ist eine schamlose Ausnutzung der Arbeitskraft durch Arbeitgeber.

Eine Station, im Übrigen die erste in Ostdeutschland, stellt dem Universitätsklinikum zu Jena ein Ultimatum, die IMC 1 fordert bis zum 1. Oktober acht Vollzeitkräfte mehr zur optimalen Versorgung der Patienten. Wie weit muss es kommen, dass so etwas nötig ist. Mein allergrößter Respekt gehört meinen Kollegen, die gemeinsam gegen diesen Irrsinn vorgehen.

Ohne die Unterstützung von Verdi wäre das kaum möglich gewesen, dort besteht Verständnis, Vertrauen, Rechtsschutz und ein unglaublicher Rückhalt. Am 22. September startet um 12.45 Uhr in Jena am Johannisplatz eine Demonstration der Bewegung „Pflegekräfte in Not“, endet auf dem Holzmarkt mit Familienfest und Kundgebung.

Natürlich möchte keiner einen Unfall haben, pflegebedürftig werden oder irgendwann Hilfe in Anspruch nehmen müssen. Leider ist man davor nicht gefeit, wenn dann doch der Fall eintritt, möchte jeder seine Lieben gut versorgt wissen und selbst in die Zukunft schauen mit der Aussicht auf eine optimale Versorgung. Vermutlich wird das nicht mein letzter Artikel zu diesen Thema sein, es ist mir ein Bedürfnis und eine Herzensangelegenheit für meine Patienten, Kollegen und letztlich für mich selbst.

Welche Auswege sehen Sie aus der Pflegemisere? Schreiben Sie uns an leserbrief@otz.de Gastbeitrag: „In der Pflege ist es fünf nach zwölf“