Privatüberschuldung – letzter Fallschirm in größter Geldnot: Platz 18 für Jena im Schuldner-Atlas

Jena  Bei Privatüberschuldungen steht Jena im Bundesvergleich gut da. 2018 gab es rund 2400 Beratungsgespräche.

Wenn finanziell anscheinend nichts mehr geht, geht meist doch noch etwas: Die Schuldnerberatung kann vielen Betroffenen einen Ausweg weisen.

Wenn finanziell anscheinend nichts mehr geht, geht meist doch noch etwas: Die Schuldnerberatung kann vielen Betroffenen einen Ausweg weisen.

Foto: Maik Ehrlich

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Irgendwie „passt Jena nicht ins System“. So ordnet Elfi Hörmann, die Leiterin der Schuldnerberatung im Fachdienst Soziales der Stadt, Jenas positiven 18. Platz im Schuldner-Atlas von 2018 ein, der 421 deutsche Kommunen nach dem Anteil ihrer überschuldeten Bürger an der Gesamteinwohnerschaft auflistet. Auf den vorderen Tabellenrängen der am wenigsten betroffenen Städte und Gemeinden seien rund um Jena wohlhabende bayrische Kommunen zu finden, so erläutert Elfi Hörmann. Und diese Einordnung lasse sich objektiv begründen: „Jena ist eine Uni-Stadt; hier gibt’s ‘ne Menge Geld. Und für die Betroffenen haben wir super Strukturen; ein super gutes Beratungsnetz“, sagt Elfi Hörmann.

Offen für jeden, der finanzielle Probleme hat

In Jena sind aktuell 6400 Menschen überschuldet, was einer Quote von 5,94 Prozent entspricht. Beispiele aus anderen Kommunen des Freistaats: Gera 11,77 Prozent, Saale-Holzland-Kreis 7,43, Eichsfeld 6,32. Die beiden Jenaer Beratungsfachkräfte – neben Diplombetriebs- und Verwaltungsfachwirtin Elfi Hörmann die Sozialarbeiterin Annett Rink – können allerdings keinen Mangel an Arbeit beklagen. Allein im vorigen Jahr standen nach Elfi Hörmanns Darstellung 2400 Beratungsgespräche an, die sich auf 556 einzelne Fälle bezogen.

Und: Einige statistische Kurven zeigen durchaus nach oben. So wurden im Jahr 2006 noch 210 Menschen als Langzeitfälle in der Jenaer Schuldnerberatung betreut, davon 8,2 Prozent ohne Ausbildung; 2017 waren es 400 und davon 18,7 Prozent ohne Ausbildung. Auf den wachsenden Anteil der Überschuldeten ohne Ausbildung hat Elfi Hörmann ihren Reim. „Viele junge Leute haben heute kein Sitzfleisch, um eine Ausbildung zu Ende zu bringen.“ Folgeprobleme seien mitunter Sucht und Beschaffungskriminalität.

Dass aber kein schiefer Eindruck entsteht: Elfi Hörmann und Annett Rink sind „für jeden offen, der finanzielle Probleme hat“, wie die Leiterin der Beratungsstelle sagt. Im Fokus steht also nicht nur die Überschuldung, sondern auch das Verschuldetsein an sich.

Die Spanne reiche etwa von den Belastungen durch Hausbau-Pläne bis zum nahenden Ruhestand, wenn die Rente Beschränkungen verheißt. Zudem schützt nach Elfi Hörmanns Erfahrung kein soziales, kein Bildungsetikett automatisch vor Überschuldung. „Vom Analphabeten bis zum Professor – alles haben wir schon gehabt“, sagt sie. „Wir können jedem versuchen zu helfen, wenn Lebenssituationen sich ändern. Und klar: Heute geht man anders mit Schulden um. Der Staat hat welche und der Private auch. An den Pranger gerät man aber, wenn man nicht mehr damit klarkommt.“

Nach Elfi Hörmanns Beschreibung ist zu Beginn der Beratung stets Differenzierung geboten. – Hat der Schuldner allgemein seine Rechte hinreichend beachtet? Wie konsistent sind aufgelaufene Mahnungen? Wurde die Pfändungsfreigrenze für den einbehaltbaren Freibetrag von 1100 Euro beachtet? Oder ist die Situation für die Betroffenen existenzbedrohend? Fließen also gar keine Einnahmen mehr? Drohen Gefängnis und Verweis aus der Wohnung?

Für die Budget-Beratung gelte der einfache Grundsatz „Einkommen steigern – Ausgaben senken“, sagt Elfi Hörmann. Sehr plausibel beschreibt sie die Schritte einer Budget-Beratung. Da stehe zum Beispiel vornan das Freistellen von Raten, um die Miete bezahlen zu können. Dann dürfe gefragt werden, in welchem Maße Verbindlichkeiten rechtlich gesichert sind. „Miete, Strom – klar, da gibt‘s meist nichts zu deuteln.“

Bei Versandleistungen lasse sich schauen, ob tatsächlich etwas bestellt wurde; ob im Internet tatsächlich mit einem Klick korrekt ein Vertrag abgeschlossen wurde. „Auch die Forderungen eines Inkasso-Büros kann man mal in Frage stellen.“ Mitunter könnten Vermögenswerte eingesetzt werden, um Schulden zu regulieren. „Diese Möglichkeit blenden viele aus.“

Die Schuld an den Schulden trage oft gar nicht der Schuldner

Den wesentlichen Part ihrer Arbeit, wie Elfi Hörmann betont, sieht sie in der psycho-sozialen Beratung. „Das Selbstwertgefühl ist bei vielen Betroffenen unterm Tisch. Meine Aufgabe ist es dann, denjenigen auf meine Augenhöhe zu bringen, dass er seine Rechte zu erkennen vermag.“ Die Schuld an den Schulden trage oft gar nicht der Schuldner, „sondern das System“, sagt Elfi Hörmann, wenn man sich etwa vergegenwärtige, wie leicht Bankkredite zu haben sind.

Anders gesagt: „Wir wollen die Befähigung fördern, sich der Sache zu stellen und positive eigene Ressourcen offenzulegen.“ Den Slogan „Hilf mir, es selbst zu tun“ hat Elfi Hörmann also nicht von ungefähr in ihrem Büro ausgehängt.

Quasi eine etwas andere Liga ist die Privat-Insolvenz. Dazu steht die Jenaer Beratungsstelle allen Thüringern offen – während für alle anderen Schuldner-Belange nur Bürger dieser Stadt bei Elfi Hörmann und Annett Rink Rat einholen können. Bei einer Insolvenz ist nach Elfi Hörmanns Beschreibung die professionelle Hilfe besonders effektiv. „Ich hab da mein Gerüst“, sagt sie.

Doch sei hier ebenso die Befähigung gefragt, sich der Sache zu stellen. Alle Schritte, die der Betroffene im Insolvenzverfahren tut, so sagt Elfi Hörmann, „muss er mitbestimmten“.

Offene Sprechstunde der Schuldnerberatung im Jenaer Fachdienst Soziales am Lutherplatz 3 (Neubau neben dem Technischen Rathaus Am Anger) ist am Donnerstag von 8 bis 12 Uhr. Ein Termin ist in der Regel innerhalb von zwei bis vier Wochen zu bekommen. Kontakt ist möglich per E- Mail: Schuldnerberatung@jena.de ; Telefon (03641) 49 46 03

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