Sorgen in der Schwangerschaft – Jenaerin berät in Konfliktsituationen

Jena  Sozialpädagogin Ines Kiel bietet Schwangeren und Familien auch in Konfliktsituationen eine neutrale Beratung.

Eine schwangere Frau wird von ihrem Partner umarmt (Symbolbild). Fotos: Ute Grabowsky/Imago

Eine schwangere Frau wird von ihrem Partner umarmt (Symbolbild). Fotos: Ute Grabowsky/Imago

Foto: Ute Grabowsky/Imago

Eine Schwangerschaft verändert vieles. Dass diese Zeit neben Freude, Hoffnung und Liebe auch von Gefühlschaos, Ängsten und offenen Fragen geprägt ist, weiß Ines Kiel, Leiterin der Konflikt- und Sozialberatungsstelle für Familien und Alleinerziehende in Jena. „Mit der Konflikt- und Sozialberatung soll Frauen und Familien in allen Lebenslagen und insbesondere in Konfliktsituationen beigestanden und geholfen werden“, sagt Kiel.

Die Sozialpädagogin, die viele Jahre als Hebamme tätig war, und ihre Kolleginnen beraten umfassend unter anderem zu Themen wie Empfängnisverhütung, Familienplanung, Mutterschutz, Elternzeit, Elterngeld, Pränataldiagnostik oder Hebammenhilfe.

Dazu gehört auch die Vermittlung von Geburtsvorbereitungs- oder Rückbildungskursen und weiteren Angeboten rund ums Baby. Auch bei finanziellen, rechtlichen oder behördlichen Fragen finden Ratsuchende Hilfe. So können etwa über die Thüringer Stiftung „Hand in Hand“ Mittel für die Baby-Erstausstattung beantragt werden.

„Etwa ein Viertel der Gespräche, die wir führen, sind Schwangerschaftskonfliktberatungen nach Paragraf 219 Strafgesetzbuch“, sagt Ines Kiel. „Die Beratung dient dem Schutz des ungeborenen Lebens“ und auch dazu, „die Frau zur Fortsetzung der Schwangerschaft zu ermutigen und ihr Perspektiven für ein Leben mit dem Kind zu eröffnen“, das „ein eigenes Recht auf Leben hat“, zitiert sie Absatz eins.

Daraus ergibt sich laut Gesetz die Konsequenz, dass „ein Schwangerschaftsabbruch nur in Ausnahmesituationen in Betracht kommen kann“, nämlich dann, „wenn der Frau durch das Austragen des Kindes eine Belastung erwächst, die so schwer und außergewöhnlich ist, dass sie die zumutbare Opfergrenze übersteigt.“ In Deutschland ist der Schwangerschaftsabbruch bis zur vollendeten zwölften Woche straffrei. „Voraussetzung hierfür ist ein Beratungsgespräch mit Beratungsschein. Zwischen Gespräch und Abbruch müssen drei Tage Bedenkzeit liegen“, erklärt Ines Kiel. „Ein Großteil der Frauen ist sich sehr sicher, bereits eine Entscheidung getroffen zu haben. Nie ist das eine leichte Entscheidung“, betont sie.

Ermutigen und Verständnis wecken – nicht belehren und bevormunden

Dass das hohe Maß an Eigenverantwortung gerade in jüngster Zeit im öffentlichen Diskurs zu wenig berücksichtigt wird, sieht die Sozialpädagogin mit Sorge. Wie in den USA schon seit langem zu beobachten ist, melden sich auch in Europa zunehmend teilweise aggressive Lebensschützer, oft religiösen Hintergrundes, zu Wort. Diese möchten Schwangerschaftsabbrüche am liebsten generell verbieten und treten, gerade auch in sozialen Netzwerken, oft sehr vehement auf.

Dass gerade in Konfliktsituationen eine neutrale Beratung wichtig ist, liegt Ines Kiel am Herzen. „Zu uns kommen selbstverständlich auch Menschen unterschiedlichster religiöser Hintergründe. Die Beratung ist prinzipiell ergebnisoffen und dient dem Schutz des ungeborenen Lebens; sie soll ermutigen und Verständnis wecken, nicht belehren oder bevormunden“, unterstreicht Sozialpädagogin Kiel.

Das Gespräch bietet die Möglichkeit zum Austausch über persönliche Hintergründe, Werdegang, finanzielle Situation und persönliche Ressourcen der Frau oder der Familie. Oft kommt auch der Partner mit zum Gespräch. „Auch Männer haben Verantwortung für ihre Sexualität, für die Verhütung und die Beziehung, in welcher sie mit der Frau oder als Familie leben“, betont Ines Kiel.

„Nicht selten kommen auch tragische Geschichten und schwierige Lebenssituationen zum Vorschein“, so die Erfahrung der Beraterin. Ziel ist es, herauszuarbeiten, unter welchen Umständen die Schwangerschaft vielleicht doch fortgesetzt werden könnte.

Ganz unterschiedliche Gründe für Schwangerschaftsabbrüche

Auch das Thema Adoption spricht Ines Kiel an, deren Verein gut vernetzt ist mit dem Jugendamt und unterschiedlichsten sozialen Trägern und Hilfeeinrichtungen.

Es gibt Frauen, die sich nach dem Beratungsgespräch für das Kind entscheiden, wieder andere wollten sowieso schwanger bleiben und haben die Beratung als unterstützendes Feedback genutzt. Aber es gibt auch immer wieder Frauen, die sich gegen das Kind entscheiden, weil die Belastung zu groß wäre. „Auch das kann eine sehr verantwortungsvolle Entscheidung sein“, unterstreicht Ines Kiel.

Partnerschaftliche Probleme, eine gerade begonnene Ausbildung, ein unsicherer Arbeitsplatz, das Alter der Frau, das Vorhandensein bereits mehrerer Kinder oder pflegebedürftiger Angehöriger – alles dies seien hinreichende Gründe. „Es kommen auch immer wieder Frauen, die seelisch schwer erkrankt sind oder an einer Suchterkrankung leiden. Außerdem gibt es auch Frauen, die absolut keinen Kinderwunsch haben“, sagt die Beraterin.

„Ärzte, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen, sollen auch klar und sachlich auf ihrer Webseite darüber informieren dürfen“, unterstreicht Ines Kiel im Zusammenhang mit der Diskussion um den Paragraf 219a, der ein Werbeverbot für Schwangerschaftsabbrüche vorsieht. Auch über das Durchführen dieser Eingriffe soll mit Sachtexten informiert werden.

Beratung kann Teil der Trauerbegleitung sein

Wünschen würde sie sich, dass mehr Frauen, die aufgrund einer medizinischen Indikation einen Schwangerschaftsabbruch nach der zwölften Woche erwägen, den Weg in die Beratungsstelle finden würden. Hier ist eine Beratung nicht vorgeschrieben. Frauen, die in fortgeschrittener Schwangerschaft mit einer schwersten Behinderung ihres ungeborenen Kindes konfrontiert würden, treffen die Entscheidung oft ohne eine begleitende Beratung.

„Sie wollen es oft einfach hinter sich bringen. Dabei wäre gerade in solchen psycho-sozialen Konfliktsituationen eine ressourcenorientierte Aufarbeitung hilfreich“, findet Ines Kiel. „Diese Eltern empfinden große Traurigkeit und Verzweiflung. Die Beratung ist dann schon fast eine Trauerbegleitung“, sagt sie mitfühlend.

Was Ines Kiel sich insgesamt wünschen würde, wäre eine kinder- und familienfreundlichere Lebenswelt, in der es „gesellschaftliche und persönliche Bedingungen gibt, die für Frauen und Familien ein Leben mit Kindern so unterstützen, dass sich aus einer ungeplanten Schwangerschaft ein Mensch entwickeln kann, der willkommen ist.“

Zur Sache: Beratung und Unterstützung

  • Bei der Konflikt- und Sozialberatung für Schwangere und Familien in der Dornburger Straße 26 in Jena erhalten Betroffene in allen Lebenslagen Hilfe.
  • Bei Bedarf werden finanzielle Hilfen der Thüringer Stiftung „Hand in Hand“ vermittelt, etwa für die Baby-Erstausstattung.
  • Klienten erhalten Unterstützung in rechtlichen Fragen und auf Wunsch auch Begleitung zu Ämtern und Behörden.
  • Wer möchte, kann sich Kurse rund um die Geburt vermitteln lassen.
  • Beraten werden Frauen vor und nach der Geburt.
  • Weitere Informationen und Kontakt unter Tel. (03641) 42 13 98 und online: www.familienzentrum-jena.de

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