Anwältin aus Gera: Verschwörungstheorien im Fall Kiesewetter nicht bestätigt

Rechtsanwältin Birgit Wolf aus Gera vertritt die Mutter der getöteten Thüringer Polizistin aus Oberweißbach beim NSU-Prozess in München. Im OTZ-Gespräch berichtet sie über den Verhandlungsmarathon: Für 2014 rechnet sie nicht mit dem Verfahrensabschluss.

Birgit Wolf (63) ist eine von 62 Opferanwälten im NSU-Prozess - die einzige aus Ostdeutschland.  Foto: Tino Zippel

Birgit Wolf (63) ist eine von 62 Opferanwälten im NSU-Prozess - die einzige aus Ostdeutschland. Foto: Tino Zippel

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Bei wie vielen Verhandlungstagen des NSU-Prozesses in München waren Sie bislang dabei?

Bei 65 von 72. Bei den anderen Sitzungen hat mich ein Kollege vertreten.

Wie gestaltet sich der Prozess aus Ihrer Sicht?

Am Anfang ging es auch wegen vieler Anträge sehr langsam voran. Nach einigen Wochen ergab sich eine Beschleunigung, weil der Vorsitzende Richter Manfred Götzl allen Prozess­beteiligten deutlich gemacht hat, dass man eine Frage nicht mehrfach stellen muss und nicht abschweifen sollte. Den Prozess hat er gut im Griff - die Prozessbeteiligten haben sich an seine teils harte Art gewöhnt. Dass sich das Verhandlungs­programm mal ändert, ist bei einem Prozess dieser Größenordnung normal.

Wie gestaltet sich der Prozessalltag im Verhandlungssaal?

Der Saal erinnert an die Feengrotten, die Verhältnisse sind beengt. Viele Kollegen haben Probleme mit der Luft, aber ich verkrafte es ganz gut. Große Kollegen stören sich an den sehr engen Sitzen.

Welchen Eindruck vermitteln die Angeklagten?

Die Hauptangeklagte Zschäpe wirkt teilnahmslos, als könne sie noch immer nicht nachvollziehen, warum sie sich mit einem solchen Prozess konfrontiert sieht. Allerdings ist festzustellen, dass sie zunehmend blass wirkt an den Verhandlungstagen. Die anderen Angeklagten machen sich zum Teil Notizen, wirken aber wenig berührt.

Hat sich die Anklageschrift aus bisheriger Sicht bestätigt?

Bei einem Strafprozess muss man das Ende der Beweis­aufnahme abwarten, bevor sich das Gesamtbild ergibt. Aus meiner Sicht haben sich bisher die Vorwürfe aus der Anklage bestätigt, die Verschwörungstheorien im Fall Kiesewetter nicht. Nur ein Beispiel, wie widersprüchlich die Aussagen sind: Es gab Zeugen, die haben gesehen, wie ein Mann seine blutverschmierten Hände am Fluss gewaschen hat. Ein anderer berichtet indes davon, dass ein Mann mit blutverschmierten Händen in ein Fahrzeug gehechtet sei und gebrüllt habe "Dawai, dawai".

Wie oft haben Sie Fragen gestellt?

Richter Götzl ist sehr gut vorbereitet, stellt sehr gute Fragen und hakt nach. Er findet sich nicht damit ab, wenn jemand sagt: "Weiß ich nicht mehr." Ich vermeide, den Prozess durch zu viele Nachfragen zu zerhandeln oder Fragen zu stellen, die der Verteidigung in die Hände spielen.

Ab wann werden Zeugen zum Tod der Thüringer Polizistin gehört?

Der Fall Kiesewetter wird ab kommender Woche im Detail behandelt. Bislang stand für mich im Fokus, ob eine Mittäterschaft Zschäpes vorliegt oder nicht. Hatte sie ein Mitspracherecht? War sie dominant in der Gruppe? Hatte sie Einfluss auf die beiden Männer? Die Aussagen von Freunden oder Urlaubsbekannten helfen dabei weiter.

Verfolgt die Mutter von Michèle Kiesewetter den Prozess im Gerichtssaal?

Bislang nicht. Sie ist am 21. Januar als Zeugin geladen, wird aber mit hoher Wahrscheinlichkeit aus gesundheitlichen Gründen nicht aussagen können. Den Antrag mit den entsprechenden Gutachten habe ich ans Oberlandesgericht München geschickt. Generell: Der Prozess nimmt sie nervlich extrem mit. Ich habe zuletzt täglich mit ihr telefoniert, sie hat die ganze Zeit am Telefon geweint.

Wie informiert sie sich über den Prozess?

Wenn sie psychisch dazu in der Lage ist, liest sie Zeitungsartikel. Viele Dinge halte ich von ihr fern, so dass wir nur Notwendiges besprechen. Unterlagen, die sie zugeschickt bekommt, reicht sie mir ungelesen weiter, damit ich sondiere, was wichtig ist und was nicht.

Welche Zeugenvernehmung hat Sie am meisten berührt?

Das Verfahren bewegt mich emotional sehr: Wir dürfen nie vergessen, dass es um den Tod von zehn Menschen geht. Wir sehen Fotos der Getöteten, hören die Hinterbliebenen berichten, wie ihr Sohn in ihren Armen gestorben ist. Leid getan hat mir aber auch Frau Böhnhardt.

Warum?

Am zweiten Tag ihrer Vernehmung hat sie eindeutig zum Ausdruck gebracht, dass ihr die Hinterbliebenen sehr leid tun. Sie hat natürlich versucht, ihren Sohn in Schutz zu nehmen - das ist normal bei einer Mutter. Sie kann nichts dafür, was ihr Sohn gemacht hat, aber sie muss sich diesen Fragen stundenlang aussetzen. Ich habe sie bewundert, wie sie durchgehalten hat.

Wie bleiben Sie bei den oft stundenlangen Befragungen bei der Sache?

Das ist mein Beruf. Daran habe ich mich gewöhnt. Selbst eine scheinbar kleine Zeugenvernehmung könnte wichtig sein. Man hört immer zu und vergleicht parallel, welche Aussagen der Zeuge bei der Polizei gemacht hat und was andere Zeugen dazu sagen. Das verlangt ein hohes Maß an Konzentration, so dass man nach einem Verhandlungstag spürt, was man gemacht hat.

Wie gestaltet sich der Kanzleibetrieb angesichts der vielen Tage in München?

Mein Kollege Andreas Bönisch nimmt dankenswerterweise die Hauptaufgaben in Gera wahr. Wenn ich montags bis donnerstags in München bin, arbeitete ich oft am Wochenende, um langjährige Mandanten weiter zu betreuen. Dank der technischen Hilfsmittel kann ich einige Arbeiten auch aus München erledigen. Leider liegt meine Pension in einem Funkloch, so dass ich teils aufs freie Feld fahren muss, um zu telefonieren.

Könnte man als Anwalt allein von einem solchen Verfahren leben?

Unter meinen Kollegen gibt es welche, die davon leben können. Für eine Kanzlei mit zwei Anwälten und einigen Mitarbeitern ist es ein schönes Zubrot, aber nicht mehr. Ich vertrete Frau Kiesewetter, weil ich das Verfahren im Mai 2007 angenommen habe und seitdem im ständigen Kontakt stehe. Ich kann sie jetzt nicht allein lassen. Ich ziehe es durch und hoffe, gesund zu bleiben.

Ist der Prozess bis zum Jahresende abgeschlossen?

Ich glaube nicht, dass wir 2014 fertig werden. Bestätigen sich die bisherigen Aussagen, reicht es aus meiner Sicht für eine Verurteilung. Für mich ist dabei nicht vordergründig, ob Zschäpe wegen der Mittäterschaft oder der Beihilfe verurteilt wird. Gleichwohl bin ich persönlich davon überzeugt, dass Zschäpe eine Mittäterin ist. Ob das Gericht es letztendlich so sieht, steht auf einem anderen Blatt.

Interview: Tino Zippel

Mutter von toter Polizistin aus Oberweißbach sagt nicht aus