Erfurter Gericht: Auch ohne Erektion ein Vergewaltiger?

Im wiederaufgerollten Prozess gegen einen Unternehmer aus dem Weimarer Land, dem die Vergewaltigung seiner Hauswirtschafterin vorgeworfen wird, hält ein Gutachter die Klägerin für "uneingeschränkt glaubhaft". Die Verteidigung plädiert dagegen auf Freispruch des Angeklagten.

Am Erfurter Landgericht wird eine Vergewaltigungsklage erneut verhandelt. Archiv-Foto: Alexander Volkmann

Am Erfurter Landgericht wird eine Vergewaltigungsklage erneut verhandelt. Archiv-Foto: Alexander Volkmann

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Weimarer Land. Acht von zehn Strafverfahren, in denen es um sexuelle Gewaltverbrechen geht, müssen vor Gericht nach Indizienlage beurteilt werden. Fast immer fehlen direkte Zeugen der Taten.

In den allermeisten Fällen ereignen sie sich an Orten, die von den Ermittlern als sozialer Nahbereich bezeichnet werden, also im Familien- oder Bekanntenkreis.

So verhält es sich auch im wieder aufgerollten Prozess gegen einen Unternehmer aus dem Weimarer Land, dem die Vergewaltigung seiner Hauswirtschafterin vorgeworfen wird. Man lebt in derselben Gemeinde, ist Mitglied im selben Verein.

Staatsanwältin Petra Jarisch wies auf den Umstand fehlender Augenzeugen ausdrücklich hin, ehe sie am Montag vor dem Erfurter Landgericht ihr Plädoyer hielt. Dennoch gebe es in diesem Fall "deutlich mehr Umstände, die für eine Vergewaltigung sprechen als in vergleichbaren Verfahren".

Sechsmal zwischen Ende 2007 und September 2008 soll Lutz B.* (68) die in seinem Haus beschäftigte Ulrike A.* (52) sexuell genötigt beziehungsweise vergewaltigt haben. 2012 war eine andere Kammer des Landgerichts Erfurt überzeugt von B.s Schuld und hatte ihn zu einer zweijährigen Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt.

Weil B. seit 2006 wegen einer urologischen Erkrankung zu keiner Erektion mehr fähig ist und die erste Instanz diesen "Widerspruch" nicht aufgelöst habe, hatte der Bundesgerichtshof das Urteil aufgehoben.

Auf eben diese Kalamität hebt auch die Verteidigung ab: Weil Lutz B. in der in Rede stehenden Körperregion lahm gelegt ist, sei er zu einer Verwaltigung auch nicht in der Lage gewesen. Jedenfalls nicht aus eigener Manneskraft. B.s Verteidiger hofft auf Freispruch: "Im Zweifel für den Angeklagten". Darauf, dass bei einer Vergewaltigung auch andere Körperteile oder auch Gegenstände zum Einsatz kommen können, ging er nicht ein. Wohl aber die Staatsanwaltschaft: Strafrechtlich spiele es keine Rolle, womit das Opfer einer Vergewaltigung penetriert werde.

Ulrike A. habe kein Motiv gehabt, ihren Auftraggeber einer Tat zu beschuldigen, die er nicht begangen habe, sagt die Staatsanwältin. Über Monate habe sie es nicht gewagt, die Zudringlichkeiten in ihrer eigenen Familie zur Sprache zu bringen. Vielmehr habe sie vermeiden wollen, dass es zu "Gerede in dem kleinen Nest kommt", und darauf gehofft, dass Lutz B. aufgrund seiner Einschränkungen eine bestimmte Grenze nicht übertreten würde.

Ulrike A.s Erinnerungen an die Vorfälle seien "ungeordnet abrufbar und stimmen trotz des großen zeitlichen Abstandes in hohem Maße mit den Angaben überein, die sie bei Polizei, Staatsanwaltschaft und dem Sachverständigen" gemacht habe, hob die Staatsanwältin hervor. Professor Burkhard Schade, den das Gericht als forensisch-psychologischen Gutachter zu Rate gezogen hatte, halte A.s Angaben für "uneingeschränkt glaubhaft. Dem schließe ich mich an". Petra Jarisch beantragt für Lutz B. fünf Jahre Freiheitsentzug.

Das Urteil wird Mitte Februar erwartet.

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