Kripo ermittelt zum Tod eines 32-jährigen Algeriers in Erfurter Polizeizelle

Erfurt  Der Mann war 25 Stunden vor seinem Tod festgenommen worden. In der Zelle der Bundespolizei musste er reanimiert werden. Die Linke-Fraktion will den Fall im Justizausschuss beraten.

Die Polizei erwischt am Erfurter Hauptbahnhof einen Mann bei einem Diebstahl. Weil er auf der Wache so fest geschlafen haben soll, bleibt er über Nacht in einer Zelle - wenig später stirbt er unter unklaren Umständen. Symbolfoto: Ingo Herzog

Die Polizei erwischt am Erfurter Hauptbahnhof einen Mann bei einem Diebstahl. Weil er auf der Wache so fest geschlafen haben soll, bleibt er über Nacht in einer Zelle - wenig später stirbt er unter unklaren Umständen. Symbolfoto: Ingo Herzog

Foto: Ingo Herzog

Samstagabend stirbt gegen 18.30 Uhr ein Mann aus Algerien im Helios-Klinikum in Erfurt. In der Nacht zuvor war er nach einem Notarzteinsatz eingeliefert worden. Der 32-Jährige musste am zeitigen Samstagmorgen in einer Zelle der Bundespolizei am Erfurter Hauptbahnhof reanimiert werden. 25 Stunden vor seinem Tod war er festgenommen worden.

Es sei ein Todesermittlungsverfahren eingeleitet worden, teilt am Dienstag die Staatsanwaltschaft Erfurt mit. Die Kriminalpolizei ermittelt. Derzeit gebe es keinen „Anfangsverdacht für ein strafrechtlich relevantes Verhalten einzelner Beteiligter“, so Behördensprecher Hannes Grünseisen, also auch keine Vorwürfe gegen Beamtinnen und Beamte der Bundespolizei. Sollte sich doch noch ein Verdacht auf eine Straftat ergeben, werde ein Strafverfahren eingeleitet, ergänzt Hannes Grünseisen.

Größere Mengen an Drogenersatzmedikamenten

Die Linke-Fraktion im Landtag ist kritischer. Von „unterlassener Hilfeleistung“ und möglicher „Freiheitsberaubung“, die als Straftaten infrage kommen könnten, spricht Flüchtlingspolitikerin Sabine Berninger. Sie will wissen, ob der Verdächtige über seine Rechte und die ihm vorgeworfenen Straftaten belehrt wurde, ob er gefragt wurde, welche Medikamente er einnehmen müsse - in einer Sprache, die er und die Beamten verstehen, oder ob ein Dolmetscher anwesend war. Die Abgeordnete kündigt für den Justizausschuss einen Fragenkatalog an.

Vergangenen Freitagnachmittag beobachten Bundespolizisten in der Erfurter Bahnhofstraße den Diebstahl eines Rucksacks. Sie erwischen einen 32-jährigen Mann auf frischer Tat und bringen ihn in die Dienststelle am Hauptbahnhof.

Den Beamten fällt der verwirrt wirkende Zustand des Festgenommenen auf. Zudem finden sie bei ihm „größere Mengen Drogenersatzmedikamente“, wie die Staatsanwaltschaft am Dienstag mitteilt. Deshalb wird ein Notarzt gerufen, um den Gesundheitszustand des Verdächtigen zu untersuchen.

Arzt bescheinigt Hafttauglichkeit

Während dieser Untersuchung ergibt die Überprüfung durch die Beamten, dass dem Mann gültigen Einreisepapiere fehlen. Er hält sich offenbar illegal in Deutschland auf.

Damit besteht der Verdacht der illegalen Einreise. Die Bundespolizei leitet ein Ermittlungsverfahren ein. Auch wegen des Diebstahls wird gegen den 32-Jährigen ermittelt.

Gegen 21.15 Uhr bescheinigt der Notarzt die „Gewahrsamstauglichkeit“ des Verdächtigen. Gegen 22 Uhr beginnt seine Vernehmung. Diese gestaltet sich schwierig. Der Mann spricht Französisch. Auch macht er laut Staatsanwaltschaft „zum Teil zusammenhanglose Angaben und schlief wiederholt ein“.

Zwanzig Minuten später beenden die Polizisten ihre Befragung. Die Erfurter Staatsanwaltschaft lehnt ein beschleunigtes Ermittlungsverfahren gegen den Beschuldigten ab und weist seine Haftentlassung an.

Weil der 32-Jährige aber erneut eingenickt sein soll, entscheiden die Polizisten, ihn in der Zelle schlafen zu lassen. Hinter dieser Entscheidung vermutet Sabine Berninger eine mögliche Freiheitsberaubung.

Knapp fünf Stunden später, gegen 3.15 Uhr, bemerken Beamte, dass es keine Lebenszeichen des Verdächtigen mehr gibt. Bis dahin soll der Mann immer wieder leicht geschnarcht haben. Erneut wird ein Notarzt gerufen. Polizisten beginnen laut Staatsanwaltschaft mit seiner Wiederbelebung.

Bei der Obduktion wurde die Todesursache nicht geklärt

Es kommt derselbe Notarzt, der dem 32-Jährigen Stunden zuvor die Gewahrsamstauglichkeit bescheinigt hatte. Nach der Reanimation wird der 32-Jährige ins Helios-Klinikum eingeliefert, wo er Samstagabend stirbt.

Wie lange die Todesermittlungen andauern, kann niemand sagen. Bei der Obduktion wurde die Todesursache nicht geklärt. Die Suche konzentriert sich nun auch auf die Wirkung von Drogen und Medikamenten.

Die Polizisten der Dienstschicht von Freitagnacht erhalten psychologische Unterstützung. Ein Kriseninterventionsteam mit Psychologen und einem Pfarrer werde Gespräche führen, sagte am Dienstag ein Sprecher der Bundespolizei.

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