Vergewaltigung ohne Erektion: Drei Jahre Haft für Unternehmer aus Weimarer Land

Die Revision blieb für einen Unternehmer aus dem Weimarer Land erfolglos: Er wurde erneut der Vergewaltigung an seiner ehemaligen Hauswirtschafterin schuldig gesprochen.

Das Landgericht Erfurt verurteilte Lutz B. zu drei Jahren Haft. Foto: Martin Schutt

Das Landgericht Erfurt verurteilte Lutz B. zu drei Jahren Haft. Foto: Martin Schutt

Foto: zgt

Weimarer Land. Eigentlich wollte Ulrike A.* die Übergriffe ihres Auftraggebers für sich behalten. Wie 91 Prozent jener Frauen, die Opfer sexueller Gewalt wurden, waren der selbstständigen Hauswirtschafterin die Grabschereien zu peinlich, als dass sie sie bei der Polizei angezeigt hätte. Ulrike A. hatte sich vorgenommen zu vergessen, was ihr angetan wurde. Ans Licht kam ihre Bedrängnis erst, als ihr Sohn den Auftraggeber zur Rede stellen wollte und der wiederum eine Anzeige wegen Verleumdung erstattet hatte.

Lutz B.*, Unternehmer aus dem Weimarer Land, muss für gut drei Jahre ins Gefängnis. Das Landgericht Erfurt sieht den 68-Jährigen schuldig, seine Haushaltshilfe 2007 und 2008 in einem schweren und drei minderschweren Fällen vergewaltigt und sexuell genötigt zu haben. Der Revisionsantrag, von dem B. sich erhofft hatte, freigesprochen zu werden, hatte keinen Erfolg.

Vor Gericht hatte B. geschwiegen. Nur als Richter Markus von Hagen ihm vor der Urteilsverkündung Gelegenheit für ein letztes Wort gab, erklärte B. noch einmal, unschuldig zu sein.

Seine Verteidigung war auf dem Umstand aufgebaut, dass B. aufgrund einer urologischen Erkrankung zu keiner Erektion mehr fähig sei.

Der Fall war also im Januar zum zweiten Mal aufgerollt worden, nachdem Lutz B. im Jahr 2012 erstinstanzlich zu zwei Jahren Haft verurteilt worden war. Die 7. Strafkammer des Landgerichts hatte die Freiheitsstrafe damals zur Bewährung ausgesetzt.

Mit seiner Strafe von vier Jahren, von denen neun Monate bereits als vollstreckt betrachtet werden können, ging die nunmehr mit dem Fall befasst erste Strafkammer weit strenger mit Lutz B. ins Gericht. Möglich wurde dies, weil auch die Staatsanwaltschaft in Revision gegangen war. Der Strafrahmen war dadurch nicht auf den in der ersten Verhandlung ausgesprochenen Umfang gedeckelt.

Ob zwei Menschen einander freiwillig näher kommen oder einer von beiden dabei Zwang anwendet, lässt sich meist nicht eindeutig beweisen. In einer bundesweiten Studie zu den Schwächen der Strafverfolgung bei Sexualdelikten hatte das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen diese Not im vergangenen Jahr bestätigt. Täter wissen das, Opfer wissen das auch. Und alle beide Gruppen kennen die öffentlichkeitswirksamen Fälle, in denen Männer falschen Beschuldigungen ausgesetzt sind - obwohl dies einer europaweiten Studie von 2009 zufolge nur auf ein bis neun Prozent der zur Anzeige gebrachten Sexualdelikte zutrifft. Genau daraus ergibt sich die schwierige Gemengelage, in der solche Fälle vor Gericht landen.

Auch im vorliegenden Fall konnte sich Richter von Hagen in seiner Entscheidung "leider Gottes" nicht auf objektive Beweise stützen. Vielmehr musste er "viele objektivierbare Umstände" zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Dazu gehört auch der innere Rückzug, den A. nach den ersten Handgreiflichkeiten angetreten hatte, und der plötzliche Wandel in ihren Gewohnheiten, die ihrem Umfeld nicht verborgen bleiben konnten. Ihrem Sohn, ihrer Freundin und ihrer Therapeutin gegenüber habe A. die Zudringlichkeiten angedeutet, aber zum Ausdruck gebracht, das Ganze ohne Hilfe bewältigen zu wollen.

Das Gericht konnte bei Ulrike A. kein Motiv für eine bewusste Falschaussage erkennen. Der forensisch-psychologische Gutachter Professor Burkhard Schade habe ihr "in höchstem Maße uneingeschränkte Glaubhaftigkeit" attestiert. Ihre "konstante Tatschilderung", in der sie ein "komplexes Geschehen detailreich" benennen und in ihren Aussagen immer wieder zeitliche Sprünge vollführen konnte, und der Umstand, das Ulrike A. ihr Leid nicht selbst angezeigt hatte, sprächen gegen die These einer falschen Beschuldigung.

Die Erektionsfähigkeit B.s spielte in der Urteilsbegründung kaum eine Rolle. Ob die sexuelle Selbstbestimmung eines Opfers durch einen Penis oder einen Gegenstand verletzt wird, ist einerlei.
*Namen geändert

Zur Sache:

Die Menschenrechtsorganisation "Terre des Femmes" hat Fakten zu "Sexueller Gewalt in Deutschland" zusammen getragen, die durch das Bundesfamilienministerium veröffentlicht wurden. Ebenso fließen Ergebnisse einer Untersuchung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen in die Auswahl ein.

Alle Zahlen stammen aus den zurückliegenden zehn Jahren.

  • 13 Prozent der Frauen in Deutschland haben seit dem 16. Lebensjahr
  • strafrechtlich relevante Formen sexueller Gewalt erlebt.
  • Jede vierte Frau erlebt sexuelle Gewalt durch aktuelle oder frühere Partner.
  • Sexuelle Gewalt in der Ehe stellt erst seit 1998 einen Straftatbestand dar.
  • Nur acht Prozent jener Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt haben, schalten die Polizei ein. So werden in Deutschland jährlich etwa 8000 Vergewaltigungen angezeigt.
  • Der Anteil der Fälle, in denen eine Vergewaltigungsanzeige zur Verurteilung eines Täter führt, liegt in Deutschland, je nach Bundesland, bei 4,1 bis 24,4 Prozent.
  • Der Anteil falscher Beschuldigungen liegt in Deutschland bei etwa drei Prozent.

Sabine Brandt kommentiert den Fall:

Es kommt vor, dass Frauen, aus welchem Grund auch immer, Männer zu Unrecht bezichtigen, sexuelle Gewalt ausgeübt zu haben. Solche Fälle hat zwangsläufig vor Augen, wer ein Vergewaltigungsverfahren vor Gericht als Berichterstatter begleitet. Denn nichts ist so schwer wieder herzustellen, wie eine zerstörte Reputation. Sie verschleiern, dass mehr als neunzig Prozent aller Frauen mit sexueller Gewalterfahrung gar nicht erst zur Polizei gehen. Und von den wenigen Fällen, die verhandelt werden, erweisen sich in Deutschland drei Prozent als falsche Beschuldigungen.

Schreiben Sie der Autorin: s.brandt@tlz.de

Erfurter Gericht: Vergewaltigung auch ohne Erektion?

Erfurter Gericht: Auch ohne Erektion ein Vergewaltiger?