Saalfeld: Leonies Leiden und der lange Weg zur Diagnose

Saalfeld  Die Mutter einer Siebenjährigen kritisiert die Notaufnahme der Thüringen-Kliniken in Saalfeld.

Eingangstür zu einer Notaufnahme in einer Klinik in der Bundesrepublik.

Eingangstür zu einer Notaufnahme in einer Klinik in der Bundesrepublik.

Foto: Hauke-Christian Dittrich

Die Saalfelderin Claudia M., Mutter der siebenjährigen Leonie, erhebt Vorwürfe gegen die Thüringen-Kliniken in Saalfeld. Sie und ihre kranke Tochter seien dort nicht ernst genommen worden. Drei Mal suchte sie mit Leonie die Notaufnahme der Thüringen-Kliniken auf. Erst beim dritten Mal wurde dem Kind Blut abgenommen. Erst die Blutdiagnostik brachte letztlich die schwerwiegende Diagnose: Leukämie. Blutkrebs.

Am frühen Morgen des 14. April dieses Jahres leidet Leonie an starken Bauch-, Rücken- und Nackenschmerzen. Gegen 7 Uhr stellt Claudia M. ihre Tochter in der Saalfelder Notaufnahme vor. Da Leonie zudem leicht erhöhte Temperatur hat, könnten die Schmerzen auch von einem Infekt stammen, heißt es dort. Leonie bekommt als Schmerzmittel vierprozentigen Ibuprofen-Saft.

Zwei Tage später. Am 16. April, mitten in der Nacht, „lag Leonie im Bett und hat geschrien vor Schmerzen“, berichtet Claudia M. der OTZ. Gegen drei Uhr stellte sie Leonie erneut in der allgemeinen Notaufnahme vor. Die Kindernotaufnahme sei zu dieser Zeit geschlossen gewesen.

Bei Leonie wird der Blinddarm abgetastet – ohne Ergebnis. Die Körpertemperatur ist in diesem Moment normal, berichtet die Mutter. Wieder heißt es vom medizinischen Personal, die Schmerzen könnten noch vom Infekt her stammen. Wieder wird ein Schmerzmittel verordnet sowie „lokale Wärme“.

„In unserer Not“ war die junge Familie, die mit Leonie insgesamt drei Kinder hat, zwischenzeitlich auch bei ihrer Kinderärztin. Diese habe erklärt, das Nasenbluten bei Leonie könne auch von Bluthochdruck kommen. Sie empfiehlt einen Radiologie-Termin, der jedoch erst so spät angesetzt ist, dass er im weiteren Krankheitsverlauf keine Rolle mehr spielen kann.

Am 2. Mai, mehr als zwei Wochen nach Leonies erstem Notaufnahme-Erlebnis, bringt Claudia M. ihre Tochter zum dritten Mal in die Saalfelder Klinik. „Ich musste Leonie stützen“, berichtet die Mutter, „sie hatte zittrige Beine“. Eine Schwester erklärte, in einer Stunde mache die Kinderarztpraxis auf, sie könnten so lange warten ...

„Wir gehen nicht zum Spaß zur Notaufnahme“

Doch Claudia M. insistiert: „Ich gehe nirgendwo mehr hin!“ Dann erscheint ein junger Arzt, den Claudia M. anspricht. Sie ist verzweifelt. „Von Tag zu Tag ging es Leonie schlechter.“ Das Kind habe eine graue Hautfarbe gehabt und dunkle Augenringe. Claudia M. erklärt dem Arzt, sie wolle ein Blutbild. Dieser Arzt endlich habe entgegnet, das wäre auch sein Vorschlag für das weitere Vorgehen.

Der Arzt nimmt Leonie Blut ab. Eine Stunde müssen Mutter und Kind auf das Labor-Ergebnis warten. Das Mädchen kann sich kaum mehr aufrecht halten. Es liegt quer auf den Knien der Mutter. Das ihm in dieser Wartezeit keine Liege angeboten wird, kritisiert Claudia M. ebenso wie den späten Bluttest. „Das ist keine angemessene Betreuung.“ Ihr Kind sei behandelt worden, „als wenn Leonie eine Heuchlerin wäre“, empört sich die junge Mutter. Sie habe drei Kinder und somit einige Erfahrung mit Kinderkrankheiten. Claudia M.: „Wir gehen nicht aus Spaß nachts um drei Uhr zur Notaufnahme.“

Die Labor-Untersuchung offenbart hohe Entzündungswerte und eine starke Blutarmut. Ein Ultraschallbild lässt eine stark vergrößerte Leber erkennen. Auch die rechte Niere ist verändert. Die Ärzte entscheiden: „Das ist ein Fall für Jena.“ Claudia M. weiß es zu schätzen, dass die Saalfelder Ärzte ihre Grenzen kennen. Sie geben ihr mit auf den Weg, dass eine zehnprozentige Wahrscheinlichkeit für eine Leukämie-Erkrankung besteht.

Erst sollen Mutter und Kind selbst fahren, dann jedoch organisiert die Klinik den Transport an das Universitäts-Klinikum in Jena. Dort erfolgt eine umfangreiche Diagnostik – Computertomographie, Ultraschall, Knochenmarkpunktion, Blutuntersuchung. Das Ergebnis: Leonie hat Akute Lymphatische Leukämie (ALL).

„Für uns war das ein absoluter Schock!“, erklärt Claudia M. Es folgen Wochen der Chemotherapie in stationärer Behandlung. Die Eltern sind an Leonies Seite: „Eine Woche die Mama, eine Woche der Papa.“

Insgesamt wird die Therapie zwei Jahre dauern. Die Überlebenschancen für Leonie werden mit 90 Prozent angegeben. Claudia M.: „Wir zerren an diesen 90 Prozent!“ Ihre Kritik an der Notaufnahme der Thüringen-Kliniken begründet sie ebenso damit, dass „Zeit auch ein Faktor ist“. In Jena seien sie sehr gut mit ihnen umgegangen, „so, wie man das erwartet“. Aber auch den jungen Arzt vom dritten Notaufnahme-Termin in Saalfeld lobt sie. Doch von einigen Mitarbeitern habe sie das Gefühl gehabt „dass der Kaffee in der Tasse wichtiger war als der Patient“.

Kliniken: Sehr zeitnaher Beginn der Behandlungen

Die Thüringen-Kliniken teilten auf OTZ-Anfrage am Donnerstag mit: „Die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin der Thüringen-Kliniken bedauert, dass Claudia M. mit der Betreuung in unserem Hause nicht zufrieden war. Ihre Tochter Leonie wurde durch Fach- und Assistenzärzte betreut, wobei sich an den beiden ersten Terminen aufgrund der klinischen Symptomatik keine Notwendigkeit einer umfangreicheren Diagnostik bzw. stationären Behandlung ergab.“

Vielmehr sei hier eine engmaschige Verlaufskontrolle der Patienten in häuslicher Umgebung vorgesehen. „Mutter und Tochter wurde angeboten, sich bei einer Verschlechterung der Situation umgehend bei einem niedergelassenen Facharzt, im Kindernotdienst der Kassenärztlichen Vereinigung oder in unserer Notaufnahme vorzustellen“, so die Thüringen-Kliniken. Eine Blutentnahme sei nach ärztlicher Einschätzung bei der beschriebenen Symptomatik nicht notwendig.

Die Thüringen-Kliniken weiter: „Nach einem halben Monat wurde Frau M. wieder bei uns vorstellig. Nunmehr ergab sich erstmalig die Notwendigkeit eines erweiterten Untersuchungsprogrammes.“ Die Ergebnisse seien maßgeblich gewesen für die Einbindung ärztlicher Kollegen des Universitätsklinikums in Jena. „Mit der Mutter der Patientin wurden ausführlich die aktuelle Situation, die erforderliche Diagnostik und Therapie besprochen.“

In der Stellungnahme heißt es weiter: „Für Leonie stand natürlich zum dritten Termin ein Patientenzimmer mit Bett zur Verfügung, das sie auch genutzt hat, bis die Verlegung ins Universitätsklinikum erfolgte.“

Die Thüringen-Kliniken: „Aus ärztlicher Sicht lässt sich sagen – und hier liegt uneingeschränktes Einvernehmen mit den ärztlichen Kollegen des Universitätsklinikums vor – dass in diesem Fall keine Zeit versäumt wurde, um mit einer adäquaten Behandlung beginnen zu können. Der Beginn der Behandlung wird nicht nur als zeitgerecht, sondern vielmehr als sehr zeitnah bezeichnet.“

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