Steinerne Erinnerung an „eisernen“ Kanzler in Jena

Jena  Hoch über Jena thront das markanteste Bismarck-Denkmal der Stadt

Bismarckturm

Bismarckturm

Foto: Michael Groß

Wer schon einmal im Westen von Jena zum Wandern auf die Hänge gestiegen ist, egal ob nun am Landgrafen, den Sonnenbergen oder direkt im Forst, wird ihn trotz des dichten Waldes kaum übersehen haben: Den Bismarckturm. Dieser steinerne Riese ist sicher das markanteste Erinnerungsstück an den „eisernen“ Kanzler Otto von Bismarck, das es in unserer Stadt gibt.

Jena ist damit in guter Gesellschaft, denn Bismarcktürme gab es in über 180 deutschen Städten, heute sind noch 146 erhalten geblieben. Diese Identifikationsdenkmale sollten vor allem Bismarcks Verdienst als „Schmied des Reiches“ ehren. Die Überlegungen eine „Bismarcksäule“ in Jena zu errichten gehen zurück bis in das Jahr 1898. Nachdem der alte Reichskanzler mit 83 Jahren am 30. Juli 1898 gestorben war, äußerte zumeist die Bürgerschaft in vielen deutschen Städten den Wunsch, dem Reichseiner eine steinerne Erinnerungsstätte zu bauen. In unserer Region reifte ursprünglich der Plan heran, dass die vier thüringischen Herzogtümer an einem zentralen Ort ein gemeinsames Bismarckdenkmal errichten, unter anderem war hierfür auch Jena im Gespräch.

Über Jahre wurde Geld für den Turm gesammelt

Der Plan zerschlug sich allerdings, nachdem dann doch jedes Herzogtum einen eigenen Gedenkstein errichten wollte. Vor ziemlich genau 120 Jahren, Anfang Februar 1899, war es dann die Jenenser Studentenschaft die an die Stadt mit dem Plan herantrat, man möge doch einen weiteren Erinnerungsort für Bismarck schaffen. Der damalige Oberbürgermeister Dr. Heinrich Singer nahm sich der Sache an und gründete einen Ausschuss zur Errichtung einer Bismarcksäule. Dass von der Idee bis zur Weihe mehr als zehn Jahre vergehen würden, ahnte damals sicher noch niemand. Zunächst wollte man allerdings Geld sammeln, um den Bau zu realisieren.

Über mehrere Jahre hinweg, waren etliche Veranstaltungen von Nöten, um einen größeren Geldbetrag zu sammeln. So erbrachte beispielsweise am 6. Juni 1904 ein „Paradiesfest“ die Summe von 5.900 Mark „zum Besten der Bismarcksäule“. Bis zum Jahresende 1904 hatte man damit 14.400 Mark gesammelt, was die Initiatoren zuversichtlich stimmte, dass der auf ungefähr 20.000 Mark geschätzte Bau bald realisierbar sei.

Nun musste ein Ort für die Errichtung des Denkmals gefunden werden. Zur Auswahl standen entweder der Windknollen oder der Malakoff. 1905 entschied man sich für letzteren und damit für den heutigen Standort. Zeitgleich wurde der bekannte Düsseldorfer Architekt Wilhelm Kreis mit dem Entwurf beauftragt. Die Wahl fiel nicht ohne Grund auf ihn, diente doch sein prämierter Entwurf „Götterdämmerung“ von 1899 als Vorbild für über 40 Bismarcktürme in Deutschland. Kreis zählte später zu den bedeutendsten deutschen Architekten des frühen 20. Jahrhunderts, da er etwa das Burschenschaftsdenkmal in Eisenach, die Rheinhalle in Düsseldorf oder das Deutsche Hygienemuseum in Dresden entwarf. Für den Jenenser Bismarckturm plante er hingegen einen individuellen Entwurf, der stark vom Mausoleum des Gotenkönigs Theoderich in Ravenna beeinflusst war.

So sollte der Rundturm 21 Meter hoch werden, der als Basis einen vier Meter hohen Unterbau mit 18 eckigen Säulen besitzt. Der obere Bereich wird von neun Fenstern gesäumt. Die darüber befindliche Galerie besitzt ebenfalls neun Austritte und neun Mauerbögen. Auf diesen sitzen neun steinerne Adler, die der bekannte Jenenser Bildhauer und Steinmetz Otto Späte anfertigte. Den Abschluss bildet eine Feuerpfanne, die zu gegebenen Anlässen mit Holz und Teer entzündet wurde.

Der gesamte Bau besteht bis auf eine Ausnahme aus Jenaer Kalkstein, der unmittelbar in der Umgebung gebrochen wurde.

Doch zurück zur Baugeschichte: Die Grundsteinlegung erfolgte am 10. Mai 1906, was aber nicht bedeutet, dass der Turm nun zügig in den Himmel wuchs. Die Arbeiten, mit denen Stadtbaudirektor Bandtlow beauftragt wurde, verzögerten sich immer wieder und konnten erst im Dezember 1908 beendet werden.

Anschließend sollten auch die Außenanlagen ein repräsentatives Bild abgeben, sodass nochmals ein halbes Jahr ins Land ging ehe man endlich am 5. Juli 1909 die Weihe begehen konnte. Wie die „Jenaische Zeitung“ zwei Tage später ausführlich berichtete, begann die gut besuchte Veranstaltung um 17 Uhr. Neben dem Oberbürgermeister Dr. Singer, waren Mitglieder städtischer und staatlicher Stellen vor Ort, dazu Vertreter der Studentenschaft, des Offizierskorps und des Kriegervereins von Jena.

Nachdem die Stadtkapelle gespielt hatte, sprach zunächst Stadtbaudirektor Bandtlow und lobte die Anstrengungen, die den Bau ermöglichten. Anschließend übergab er den Schlüssel des Turmes an einen Vertreter der Studentenschaft von Jena, welcher ihn wiederum dem Oberbürgermeister überreichte. Dr. Singer hielt dann eine schwulstige und patriotische Weiherede. Danach wurde das „Lied der Deutschen gesungen“ und die Veranstaltung vor das Rathaus von Jena verlegt, wo man ein „Marktfest“ bis in die späten Abendstunden feierte.

Baukostenexplosion: 43.000 statt 20.000 Mark

Übrigens, Baukostenexplosionen kannten auch schon die Zeitgenossen vor 110 Jahren. Denn mit 43.000 Mark wurde das Projekt mehr als doppelt so teuer wie ursprünglich geplant. In den Folgejahren erfuhr der Turm unterschiedliche Nutzung. 1925 wurde ein Behälter eingebaut, der die Trinkwasserversorgung des Kinderheimes auf der Schweizerhöhe sicherte.

Während des Zweiten Weltkrieges (1942) diente der Turm zur Fliegerabwehr, als hier eine Flak-Einheit stationiert war. 1949 hätte man das Gebäude umfassend sanieren müssen, es fehlte allerdings das Geld dazu. 1953 erfolgte im Sinne der Zeit die Umbenennung in „Turm der Jugend“ und in den 1960er Jahren die Schließung für Besucher wegen Baufälligkeit.

Erst nach der politischen Wende 1990 wurde er wieder geöffnet und erhielt seinen ursprünglichen Namen zurück. In den 1990er und 2000er Jahren folgten kleinere Sanierungsarbeiten, unter anderem entfernte man den Wasserbehälter und setzte Fenster ein.

Wer das Denkmal in diesen Tagen besucht, wird sich vielleicht über die Bauzäune wundern. Der Zahn der Zeit nagt auch weiterhin am steinernen Riesen. Auf Nachfrage erklärte Steinmetzmeister Eberhard Kalus von der Berggesellschaft Forsthaus, dass der Bismarckturm natürlich weiterhin begehbar sei. Allerdings besteht das obere Kranzgesims, entgegen dem Rest des Gebäudes, aus Beton. Dieser sei derart marode, dass immer wieder kleinere und größere Stücken abbrachen und damit eine Gefährdung für Wanderer und Besucher darstellten. Falls die Witterung mitspiele, wird der Turm aber voraussichtlich ab Ende März wieder für Besucher geöffnet, sodass einem genussreichen Blick über Jena nichts im Wege steht.

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