Therapeuten am Limit: Jenaer machen mit bei Protestaktion

Jena  Therapieren wie am Fließband: Jenaer Ergotherapeutin geht mit Kollegen für die Protestaktion „Therapeuten am Limit“ auf die Straße.

Ergotherapeutin Gisela Fritzsche aus Jena.

Ergotherapeutin Gisela Fritzsche aus Jena.

Foto: Conni Winkler

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Es reicht. Therapeuten sind an der Grenze des Machbaren angelangt. Gisela Fritzsche ruft zur Protestaktion „Therapeuten am Limit“ am Samstag auf, um auf die Missstände in der Physio- und Ergotherapie sowie Logopädie aufmerksam zu machen. „Ich wünsche mir ganz viele Kollegen, die die grauen Gehwege mit bunten Botschaften bedecken.“

Gisela Fritzsche leitet die Praxisgemeinschaft Ergotherapie und Physiotherapie am Postcarré in Jena und möchte zusammen mit zwanzig Kollegen Passanten auf die prekäre Lage ihres Berufsstandes aufmerksam machen. „Mit bunter Kreide wollen wir vor den Krankenkassen und Parteizentralen unsere Botschaft für eine angemessene Bezahlung hinterlassen“, sagt die Ergotherapeutin.

Viele ihrer Patienten wissen nicht, wie wenig Geld Physio- und Ergotherapeuten für die einzelne Behandlung bekommen. „Es mangelt uns nicht an der Liebe zum Beruf, ganz im Gegenteil, aber wir wollen davon leben können.“ Dazu komme der enorme bürokratische Aufwand und die Abrechnungspraktiken der Krankenkassen, die Praxen in die Schieflage bringen können. „Laut Krankenkassen ist eine 20-Minuten-Taktung bei Massagen vorgeschrieben. Das bedeutet, dass ein Therapeut drei Patienten in der Stunde behandeln soll“, sagt Gisela Fritzsche.

Das klingt nach Fließbandarbeit und Massenabfertigung. In ihrer Praxisgemeinschaft haben sie daher eine 30-minütige Taktung zum Wohle der Patienten und des Therapeuten. „Man muss sich ja auch mal die Akte durchlesen und sich auf den Patienten einstellen können.“

Sie habe gehört, dass es in Praxen mit engerer Taktung vorgekommen sei, dass statt des linken Beines das rechte behandelt wurde. Wenn kaum Zeit zum Durchatmen und konzentrieren ist, passieren Fehler. Für den Bürokratismus nennt die Ergotherapeutin ein Beispiel: Sie habe bei einer Verordnung übersehen, dass ein Buchstabe nicht wie vorgesehen im Kästchen des Vordrucks stand, sondern daneben – ein Druckfehler. Die Therapie wurde ordnungsgemäß durchgeführt, doch die Bezahlung durch die Krankenkasse wurde aufgrund dieses lapidaren Formfehlers abgelehnt. „Wir haben kaum Zeit, um aufwendig Widerspruch gegen solche Ablehnungen einzulegen.“

Aber nicht nur das sei ein Problem. Ein junger Mensch, der sich für den Beruf des Physiotherapeuten entscheidet, kann seine Ausbildung an Privatschulen absolvieren und hat im Durchschnitt 500 Euro pro Monat für seine Ausbildung zu berappen. Der frisch ausgebildete Physiotherapeut startet mit Schulden in den Beruf.

„Aber dann ist er noch lange nicht fertig mit Geld ausgeben für seinen Beruf. Um die am meisten verordneten Behandlungen wie die manuelle Therapie oder Lymphdrainage durchführen zu können, muss er teure Weiterbildungen selbst finanzieren“, erklärt Gisela Fritzsche. Wenn am Ende des Monats ein Gehalt am Rande des Mindestlohnes auf dem Konto landet, fragt sich jeder junge Mensch, ob sich ein derartiger finanzieller Aufwand lohnt.

In ihrer Praxis hätten schon Kollegen gearbeitet, die nebenher noch Minijobs gehabt hätten. „Wir hatten mal eine Kollegin, die am Wochenende und an den Abenden immer gekellnert hat. Das ging nicht lange, dann war sie so belastet, dass sie montags immer krank war.“ Jetzt kellnert eben jene Physiotherapeutin nur noch. Das sei keine Ausnahme. Viele würden ihren geliebten Beruf aus finanziellen Gründen an den Nagel hängen.

Die Therapiebücher sind voll, Hausbesuche die Ausnahme und die Terminvergabe ist nur mit langen Wartezeiten möglich. Die dringend notwendigen Verbesserungen seitens der Politik und Krankenkassen hat Gisela Fritsche sofort parat: „Wir wollen eine höhere Vergütung unserer Leistungen, weniger Bürokratie und mehr Vertrauen durch die Krankenkassen gegenüber den Therapeuten sowie die Abschaffung des Schulgeldes.“

Aufgrund des demografischen Wandels wird diese Berufssparte zunehmend gefragter. Daher müssten Bedingungen geschaffen werden, damit diese Berufe attraktiv werden und wieder neue Praxen entstehen. „Wir arbeiten alle am Limit des Machbaren.“

In der Praxis am Postcarré arbeite jeder im Durchschnitt eine Stunde pro Tag unbezahlt und das bei niedrigem Gehalt. „Das ist in der Branche völlig normal und bringt uns an unsere körperlichen und geistigen Grenzen“, sagt Fritzsche.

Samstag, 25. August, 10 Uhr, Holzmarkt

Brandbrief an Jens Spahn

Die bundesweite Protestaktion „Therapeuten am Limit“ wurde vom Physiotherapeuten Heiko Schneider ins Leben gerufen, der mit dem Fahrrad von Frankfurt am Main nach Berlin gefahren ist, um seinen und 1000 weitere Brandbriefe dem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zu übergeben.

Den Brandbrief und viele weitere Informationen zum Thema finden Interessierte online unter www.therapeuten-am-limit.de .

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