40 Jahre Tatra-Straßenbahnen in Gera

Gera  Am 17. Februar 1979 fahren die ersten beiden neuen Wagen aus Prag mit Passagieren durch die Stadt

Am 12. Januar 1979 wurden im Betriebsgelände der damaligen Wema-Union in der Zoitzbergstraße die ersten beiden Tatra-Straßenbahnwagen per Eisenbahn angeliefert und abgeladen.

Foto: Volker Vondran

Am 17. Februar 2019 ist es 40 Jahre her, dass in der damaligen Bezirksstadt Gera die ersten Tatra-Straßenbahnwagen eingesetzt wurden. Dieses einschneidende Datum in den öffentlichen Nahverkehr der Stadt ist Anlass, einen Rückblick auf die Etappen dieser doch erfolgreichen Entwicklung zu werfen.

Die Tatra-Wagen erobern auch die DDR

Für die meisten der 27 Städte mit einem Straßenbahnbetrieb in der DDR im Jahr 1967 waren die Fahrzeuge aus den damaligen Waggonbaubetrieben in Werdau und später in Gotha die tragenden Säulen zur Erfüllung der täglichen Beförderungsaufgaben. Auf der Grundlage eines Vertrages vom 10. Juli 1965 innerhalb des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) wurde entschieden, die Straßenbahnproduktion in der DDR einzustellen. Damals wurden auch Spezialisierungen auf dem Gebiet des übrigen Schienenfahrzeugbaus beschlossen. Die DDR sollte aufgrund ihrer Leistungsfähigkeit mit den Werken in Bautzen und Görlitz für die gesamten RGW-Staaten die Reisezugwagen produzieren. Die Waggonbaubetriebe in Dessau und später in Gotha übernahmen die Produktion von Eisenbahn-Kühlwagen für den Export und den Eigenbedarf.

In der damaligen CSSR gab es bereits über 100 Jahre die Waggonfabrik in Prag-Smichov. Sie firmierte inzwischen unter CKD Tatra Prag und fertigte vierachsige Großraum-Triebwagen für das In- und Ausland. Die größte Anzahl Fahrzeuge erhielt bereits damals die UdSSR.

Die vorgesehene Einstellung der Produktion in Gotha veranlasste die Dresdner Verkehrsbetriebe zu Aktivitäten, die in ihrer ganzen Wahrheit erst nach der politischen Wende öffentlich wurden. Dresden hatte einen großen Bedarf an Neufahrzeugen und bis 1962 wurden neben den bekannten zweiachsigen Wagen nur fünf moderne vierachsige Großraum-Züge vom VEB Waggonbau Gotha in Betrieb genommen. Die Nähe zu Prag und freundschaftliche Verbindungen zum dortigen Verkehrsbetrieb ermöglichten von Ende 1964 bis Mitte 1965 den Einsatz von drei fabrikneuen, für Prag hergestellten, vierachsigen Triebwagen vom Typ T 3 in der deutschen Elbmetropole. Ganz ohne Wissen der zuständigen DDR-Ministerien wurde dieser Probebetrieb kurzfristig organisiert.

Aus den Erfahrungen dieser Einsätze wurde die Wagenkastenbreite den Verhältnissen der DDR-Verkehrsbetriebe angepasst und die Wagen elektrisch für einen geplanten Beiwagenbetrieb vorgesehen. Das war die größte Herausforderung, da Tatra-Fahrzeuge bisher nur in verschiedenen Zugbildungen aus Triebwagen eingesetzt wurden. Im Jahr 1967 traf in Dresden der erste Triebwagen vom Typ T4D als Prototyp ein. Kurze Zeit später folgten dann die Serienlieferungen, einschließlich der neu entwickelten Beiwagen vom Typ B4D auch nach Leipzig und Magdeburg. Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) und Schwerin erhielten die Wagen in Originalbreite, aber auf die speziellen DDR-Wünsche ausgerichtet als Typ T3D beziehungsweise B3D. Im Jahr 1969 gab es dann auch Lieferungen von T4D/B4D in 1000 mm- Spur nach Halle.

Es fehlte ein Wagen für kleine Betriebe

Die Lieferungen fabrikneuer Tatra-Fahrzeuge in die DDR brachten aber noch keine Entspannung für mittlere und kleineren Verkehrsbetriebe. Vielfach waren hier noch Wagen aus den Vorkriegsjahren im Einsatz. Das war auch der Grund, dass zu dieser Zeit keine Umsetzung von Fahrzeugen an andere Städte möglich war. Um die entstandene Lücke etwas zu kompensieren, mussten die Tatra-Werke 1967/68 insgesamt 117 zweiachsige Triebwagen und 116 dazu passende Beiwagen der Typen T2D/B2D an Verkehrsbetriebe mit 1000 mm-Spur liefern.

Inzwischen verfolgte man in den Tatra-Werken die in Gotha begonnene Planung eines Gelenkwagens, der einen Einsatz in allen Betrieben ermöglichen sollte. Im März 1969 traf sich in Leipzig eine Arbeitsgruppe „Straßenbahn-Gelenkzug K4D“ zu ihrer ersten Tagung.

Im gleichen Jahr begann in Prag die Erprobung mit einem Versuchsfahrzeug für die neue Gelenksteuerung. Diese neuartige Ansteuerung der Drehgestelle (abweichend von Modellen in Bremen, München ) ermöglichte auch den Einsatz auf Strecken mit kleinen Kurvenradien, 1000mm-Spur und nur zwei Drehgestellen, nachdem zuerst Überlegungen zu drei solcher Drehgestelle angestellt wurden.

Inzwischen hatten die Außenhandelsunternehmen beider Länder die Lieferverträge abgeschlossen. 1972 waren zwei Gelenkwagen vom Typ KT4D in den Tatra-Werken in Prag im Bau. Die Bezeichnung KT4D steht für kloubovy tramway (tschechisch: Gelenkstraßenbahn, 4 = vierachsig, D = Deutsche Ausführung).

Anschließend erfolgten bis November 1974 umfangreiche Probefahrten im Prager Straßenbahnnetz. Im Dezember wurden beide Wagen an den Straßenbahnbetrieb in Potsdam, der als Erprobungsbetrieb in der DDR ausgewählt worden war, übergeben. Im Oktober 1975 gab man beide Wagen für den Fahrgastbetrieb frei. Im Jahr darauf, also 1976, begann die Lieferung einer 33 Wagen umfassenden Nullserie an die Betriebe in Erfurt (20 Wagen), Leipzig (8), Berlin (3) und Plauen (2).

Gera wird „Tatra-Betrieb“

Obwohl Gera bereits gebrauchte zweiachsige Nachbauten der Tatra-Werke (Typ T2D/B2D) aus Halle und zwei fabrikneue Triebwagen aus Cottbus sowie ältere Typen aus Stralsund, Schöneiche, Magdeburg, Frankfurt/Oder, Zwickau, Dresden und Leipzig übernommen hatte, sollten es nun nach zehn Jahren endlich wieder fabrikneue und moderne Fahrzeuge sein.

Von der Betriebsleitung wurden bei den zuständigen Stellen der Stadt und des Bezirkes die entsprechenden Gespräche geführt. Die Notwendigkeit war mit den bereits erfolgten oder geplanten Streckenerweiterungen im Süden und Norden der Stadt begründet.

In den sowieso schon beengten Anlagen im Betriebshof in der damaligen Julius-Fucik-Straße (heute De-Smit-Straße) musste von den acht vorhandenen Hallengleisen vorerst ein Gleis geopfert werden. Dies war notwendig, um ein – auf Stahlstützen aufgeständertes – Gleis mit Arbeitsflächen links und rechts der Fahrzeuge zu schaffen. So konnte an allen, im unteren Bereich der Fahrzeuge angebrachten Gerätekästen und Aggregaten, bequem und sicher gearbeitet werden.

Nach Einstellung des O-Busbetriebes 1977 in Gera war diese Abstell- und Reparaturhalle als Wartungshalle für die neue Fahrzeuggeneration KT4D vorgesehen. Um Baufreiheit für die oben beschriebenen Maßnahmen zu schaffen, wurde in der ehemaligen O-Bus-Halle eine Gleisverzweigung mit zwei Abstellgleisen verlegt.

Am 11. März 1978 erfolgte mit einem aus Leipzig beschafften Messrahmen und Drehgestellen von einem KT4D aus Erfurt die Befahrung des gesamten Streckennetzes. Mit angebrachten Farbbehältern konnte an Kurven und anderen Engstellen das deutlich veränderte Fahrverhalten gegenüber den bisherigen zweiachsigen Wagen festgehalten werden.

Neue Unterwerke für die Bahnstromversorgung in der Franz-Petrich-Straße, Hainbergstraße und am Gleisdreieck Lusan waren installiert oder kurz vor der Fertigstellung. Für mehrere Mitarbeiter der Werkstätten, der Fahrschule und verantwortliche Leiter wurden in Zusammenarbeit mit den Leipziger Verkehrsbetrieben (LVB) Qualifizierungslehrgänge organisiert.

In der Zeit vom 13. bis 18. Dezember 1978 erfolgte die Abnahme der ersten beiden Wagen mit den Nummern 301 und 302. Im Herstellerwerk in Prag-Smichov waren der Meister der Betriebswerkstatt und ich dabei. Der Betriebsdirektor hatte mich damals als Verantwortlichen mit der Einführung und Realisierung des Tatra-Programm in Gera beauftragt.

Mitten im Katastrophenwinter 1978/79 erreichten die Wagen per Bahntransport den Güterbahnhof am Geraer Hauptbahnhof. Die Überführung nach Zwötzen zum Anschlussgleis des VEB Wema-Union konnte aber erst im Januar 1979 erfolgen. Am 12. Januar 1979 wurden beide Wagen im Werksgelände des VEB Wema-Union abgeladen.

Da zu dieser Zeit alle Tatra- Fahrzeuge unterhalb der Fenster in rot oder ganz in heller Farbe ausgeliefert wurden, erfolgte noch in der Nacht eine Lackierung auf die traditionelle Geraer Hausfarbe im Bereich unter den Fenstern. Grund für diese „Nacht- und Nebelaktion“ war, eine gewisse Eigenständigkeit der Fahrzeuge in Gera zu wahren und einer Farbenvielfalt vorzubeugen.

Bereits in den nächsten Tagen wurden durch vier Fachkollegen aus den Tatra-Werken die erforderlichen Einstellungs- und Komplettierungsarbeiten durchgeführt. Die anschließenden ersten Probefahrten gestalteten sich kompliziert, da durch die extreme Wetterlage und die damit verbundenen flächendeckenden Stromabschaltungen an mehreren Abschnitten im Stadtgebiet Eispanzer im Gleisbereich den Straßenbahnbetrieb behinderten.

Am 17. Februar 1979 wurden beide Wagen mit den Nummern 301 und 302 einzeln, als Solowagen fahrend, feierlich dem Verkehr übergeben. An jenem Vormittag steuerte ich den Wagen mit der Nummer 302.

Fortsetzung folgt