Als die Stadt Jena noch Geld mit Bier verdiente

Jenaer Kneipengeschichten (94): Die einstige Gaststätte "Felsenkeller" an der Brauerei war eine sprudelnde Einnahmequelle.



Bild 1: Ansichtspostkarte des Felsenkellers mit Sommerwirtschaft, aufgenommen um das das Jahr 1914.Foto: Sammlung Heinz Voigt

Bild 1: Ansichtspostkarte des Felsenkellers mit Sommerwirtschaft, aufgenommen um das das Jahr 1914.Foto: Sammlung Heinz Voigt

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Jena. Unsere Stadt und das Bier - das ist eine lange Geschichte. Sie setzt ein im Jahre 1332, als die Landgräfin Elisabeth von Thüringen (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Heiligen, die ein Jahrhundert früher lebte) Jena das gothaische Braurecht verlieh. Letztlich mündete dieses teuer erkaufte Privileg in die Gründung einer städtischen Brauerei, die für das Jahr 1859 am Felsenkeller belegt ist, zugleich mit der Einrichtung einer Kneipe direkt am Produktionsort. Der billigere Werksverkauf ist also beileibe keine Erfindung der Neuzeit. Gleichwohl mussten die Pächter dieser im Brauereibesitz befindlichen Kneipe bei den städtischen Behörden um Schankkonzession nachsuchen und für jeden verkauften Hektoliter entsprechende Steuern an die Stadtkasse abführen.

Erst 1914 als Kneipe wieder eröffnet

Die Brauerei-Kneipe "Felsenkeller" taucht in den Stadtarchiv-Akten ab 1859 gleich mehrfach auf, leider nur mit einigen belanglosen Grundrissen zum großen und kleinem Gastzimmer und Saal, aber immerhin mit Zeichnungen für ein Sudhaus, den Gärkeller und eine Mälzerei. Das Haupthaus der Städtischen Brauerei wurde 1878 errichtet, und danach muss der Felsenkeller als öffentliches Gasthaus dicht gemacht haben. Jedenfalls gibt es in den Akten keinerlei Hinweis auf einen Fortbestand des Lokals. Das Haus in der Kahlaischen Straße Nr. 5 ist zumindest bis 1905 als Wohnbau ausgewiesen. Erst 1914 konnte der Kneipenbetrieb wieder aufgenommen werden. Der Gastwirt Otto Lindner erhielt die Schankkonzession mit der Auflage, für jeden ausgeschenkten Hektoliter einen im Vertrag nicht näher bestimmten Betrag an die Stadtkasse abzuführen. Alle profitierten: Der Wirt machte Gewinn, die Brauerei hatte vor allem im Sommer garantierten Absatz, und die Stadt als Eigentümerin brauchte nur die Hand aufzuhalten - eine Art verkappte Biersteuer zugunsten des Stadtsäckels, von der nur die Eingeweihten wussten, nicht die Gäste.

Die Felsenkeller-Kneipe muss, so die spärlichen Überlieferungen, für alle Beteiligten eine sprudelnde Einnahmequelle gewesen sein, und zumindest für die Jahre 1937/38 ist die Höhe der Abgaben des Pächters an die Stadtkasse schriftlich überliefert. Pro Hektoliter Einfachbier waren es acht Reichsmark, für Weißbier waren sechs Reichsmark fällig.

Ansonsten ist über den Felsenkeller mit seinem "Werksverkauf" nur wenig bekannt. Die Sommerwirtschaft mit immerhin 400 Quadratmeter Grundfläche entlang der Kahlaischen Straße dürfte bereits 1928 beseitigt worden sein, als sich die Brauerei - übrigens im Stil der Neuen Sachlichkeit - nach unten erweiterte und die in den Sandstein gehauenen Keller mit einer Stützmauer versah.

Aber über die Akten, die 1939 enden, kam doch Überraschendes zu Tage. Bislang war das Ende des berühmten Nollendorfer Hofes als Hotel und Gastwirtschaft kaum zu datieren. Im Mai 1937 bewarb sich der Gastronom Richard Barthel um die Bewirtschaftung des Felsenkellers und führte in seinem Schreiben an die Stadt an, dass er als Geschäftsführer des Nollendorfer Hofes seine Stellung verloren habe, weil dieses Anwesen im April 1937 in die Rechtsträgerschaft des Reichsarbeitsdienstes übergegangen und er damit arbeitslos sei. Barthel erhielt den Zuschlag, gab aber den Felsenkeller bereits zwei Jahre später an den Nachfolger Otto Töpfer weiter, der sich in einem 48 Paragraphen umfassenden Pachtvertrag verpflichten musste, neben dem normalen Kneipenbetrieb der "Gefolgschaft" der Städtischen Brauerei, die längst Aktiengesellschaft geworden war, ein schmackhaftes und preiswertes Mittagessen zu garantieren. Dies geschah im "Bräustübl", dem kleinen Gastzimmer des Felsenkellers, ausgewiesen als Werkskantine

Der Begriff "Gefolgschaft" muss natürlich erläutert werden. Hierunter verstanden die Nazis Arbeiter und Angestellte eines Betriebes nach dem Führerprinzip, und so hieß der Chef nach 1933 nicht mehr Chef, sondern Gefolgschaftsführer und musste bei seinen Rundgängen - mehr oder minder freiwillig - mit dem "deutschen Gruß" bedacht werden. Die Jenaer Brauerei hatte sich diesem Führerprinzip sehr schnell unterworfen - doch das ist eine andere Geschichte.

Daher zurück zur Felsenkeller-Kneipe. Sie muss bis 1949 als Lokal noch bestanden haben, unterdes die Städtische Brauerei als Aktiengesellschaft unter sowjetisches Sequester gefallen war. Die vorherige "Gefolgschaft" durfte munter weiter produzieren, einer der "Betriebsführer" starb 1948 im sowjetischen Speziallager Buchenwald. Auch dies ist wert, gesondert beleuchtet zu werden.

Da die Archivakten zum Lokal "Felsenkeller" im Jahre 1939 aufhören, die Bitte: Wer weiß noch etwas über die Wirtschaft am Felsenkeller? Zumindest hat ja der Name überlebt. Es ist eine Straßenbahnhaltestelle in Richtung Winzerla, und kaum jemand weiß noch, dass sich oberhalb der Sandsteinverwerfung mit in den Felsen gehauenen Stollen eine Brauerei befand und eben jenes Ausflugslokal mit Namen "Felsenkeller".

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