Berlin. Die Schriftrolle von Herculaneum war fast 2.000 Jahre lang unlesbar – jetzt hat ein Wissenschaftlerteam die ersten Passagen entziffert.

Von den Schriftrollen aus Herculaneum, die nach dem Ausbruch des Vulkans Vesuv im Jahr 79 n. Chr. in Pompeji verschüttet wurden, sollte eigentlich nur noch verhärtete Asche übrig sein. Die wertvollen Artefakte, die im Institut de France in Paris und in der Nationalbibliothek in Neapel aufbewahrt werden, sind so stark beschädigt, dass jede Berührung sie unweigerlich zerstören würde.

Aus diesem Grund wurde der Wettbewerb Vesuvius Challenge ins Leben gerufen. Die Aufgabe: Anhand von CT-Scans der antiken Schriftrollen mussten vier Passagen mit mindestens 140 Zeichen entziffert werden. Gewonnen hat ein dreiköpfiges Studententeam, das mit Hilfe künstlicher Intelligenz Teile einer verkohlten Schriftrolle entziffern konnte.

Herculaneum: Verkohlte Schriftrolle mit Hilfe von KI entziffert

Die Herausforderung bestand zunächst darin, die schwachen Signale der Tinte vom Papyrus in den CT-Scans zu unterscheiden. Dazu entwickelte der Biorobotik-Student Youssef Nader von der Technischen Universität Berlin ein KI-Modell, mit dem er erste Wörter entziffern konnte. Das Verfahren wurde dann vom Robotikstudenten Julian Schilliger von der ETH Zürich für den

3D-Scan

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    des Papyrus optimiert. Gemeinsam gelang es ihnen, die griechischen Buchstaben mittels virtueller Mustererkennung zu extrahieren.

    Nach Angaben der Organisatoren konnten bisher rund fünf Prozent der gesamten Schriftrolle entziffert werden. Dazu gehören vier Passagen mit jeweils 140 Buchstaben und weitere elf Spalten Text mit insgesamt 2.000 Zeichen. Das sei mehr als erwartet: „Die meisten von uns im Organisationsteam gaben diesem Kriterium eine Erfolgschance von weniger als 30 Prozent“, heißt es in der Mitteilung der Vesuvius Challenge.

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    Archäologie: Forscher entziffern philosophischen Text

    Die Ergebnisse der Entzifferung lassen auch erste konkrete Rückschlüsse auf Autor und Inhalt der Schriftrollen zu. Wie einer der Organisatoren des Wettbewerbs, Nat Friedman, auf X schreibt, war der Autor der Schriftrolle „wahrscheinlich der epikureische Philosoph Philodemus“, der „über Musik, Essen und die Freuden des Lebens“ schrieb.

    Im entzifferten Text setzt sich Philodemus konkret mit der Frage auseinander, ob die Fülle der verfügbaren Güter das Ausmaß des Vergnügens, das sie bereiten, beeinflussen kann. Die Schlussfolgerung des Dichters: „Ähnlich wie bei der Nahrung glauben wir nicht, dass seltene Dinge mehr Genuss bereiten (...)“.

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    Am Ende der bisher entzifferten Passagen kritisiert der Dichter einige seiner Zeitgenossen, die „nichts über die Freude zu sagen vermögen, weder im Allgemeinen noch im Speziellen, wenn es um eine Definition geht“. Die erfahrenen Papyrologen aus England, Frankreich und Italien, die zur Auswertung des Textes herangezogen wurden, gehen davon aus, dass Philodemos damit die Stoiker kritisiert, eine philosophische Strömung, deren Ansichten über Lust und Lebensfreude sich deutlich von denen der Epikureer und damit auch von denen des Philodemos unterschieden.

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    Archäologie: Weitere 1000 Schriftrollen geborgen

    Die Papyri von Herculaneum genießen unter Wissenschaftlern fast mythischen Status. In einer Villa in Herculaneum, vermutlich das Haus des Schwiegervaters von Julius Cäsar, wurden bisher mehr als 1.000 verkohlte Schriftrollen geborgen. Historiker vermuten, dass der Fundort in Italien noch Zehntausende weitere Bücher enthalten könnte – es wäre die größte Sammlung antiker Texte, die je entdeckt wurde.

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