Botschafter: „Der schwedische Weg ist nicht so anders als sonst überall“

Schwedens Botschafter in Deutschland, Per Thöresson, spricht über Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Ländern - nicht nur im Umgang mit Corona.

Per Thöresson ist der Botschafter des Königreiches Schweden in der Bundesrepublik Deutschland.

Per Thöresson ist der Botschafter des Königreiches Schweden in der Bundesrepublik Deutschland.

Foto: Schwedische Botschaft

Warum ist Thüringen wichtig für Schweden und für Sie einen Besuch wert?

Alle Bundesländer sind wichtig. Ich habe in Berlin festgestellt, dass es viele Kollegen gibt, die denken, dass man von dort aus volle Kontrolle über Deutschland hat, aber es ist föderalistisch...

Und Berlin ist nicht wie der Rest Deutschlands...

…das sagen Sie (lacht). Aber man muss in die Länder fahren. Und das macht auch Spaß und man kommt auf neue Ideen. Auch für Zusammenarbeiten. Schweden ist von der Bevölkerung her kleiner als viele Bundesländer. Und mit Thüringen gibt es viele Gemeinsamkeiten. Auch was Nachhaltigkeit und die Agenda 2030 angeht. Und es gibt viele kleine und mittelständische Unternehmen und es ist ländlich geprägt.

Und es gibt eine Minderheitsregierung...

... die haben wir seit zehn Jahren. Das ist vollkommen normal für uns. Aber im deutschen System erwartet man eine Mehrheit. In Schweden wurde ein Paket mit 73 Punkten verhandelt und man findet Mehrheiten.

Also vergleichbar mit dem Stabilitätspakt Thüringen?

Nicht ganz. Bei uns ging es vor allem darum, wer mit den Schwedendemokraten regieren will und wer nicht. Dann wurden thematische Gemeinsamkeiten gesucht. Dabei sind mehr Parteien beteiligt als in Thüringen. Bei uns liegen die Linken um die 10 Prozent und die Schwedendemokraten um die 18. Da ist die Mitte noch größer als in Thüringen, wo die Linken über 30 und die AfD bei über 20. Die Mitte ist ja fast nicht mehr vorhanden.

Schreckt diese politische Konstellation Firmen ab, in Thüringen zu investieren?

Nein. Das würde ich nicht sagen. Ikea hat ja hier auch ein sehr bedeutendes Logistikzentrum.

Welches aber schon lange vor der Gründung der AfD eröffnet wurde.

Ich sehe hier aber keinen Zusammenhang.

Ist man als Schwede eigentlich stolz auf Ikea oder nervt das Thema?

Ja, natürlich ist man stolz. Die Geschichte des Gründers ist faszinierend und auch was das Unternehmen in Fragen der Nachhaltigkeit auf den Weg gebracht hat, ist vorbildlich.

Bodo Ramelow bezeichnet Thüringen aufgrund der Stromdurchleitungen auch als Stromklo Deutschlands. Können wir uns hier etwas von Schweden abschauen? Oder ist es nicht vergleichbar?

Es ist schon vergleichbar. Wir haben ja viel Wasserkraft. Thüringen produziert etwa 30 Prozent der ganzen Wasserkraft in Deutschland. Da können wir uns austauschen. Wir haben ähnliche Probleme mit Nord-Süd-Verbindungen für den Energietransport. Im Norden haben wir die Wasserkraftwerke, die CO2-freien Strom produzieren. Und wir, das ist auch für Thüringen interessant, versuchen, Rechenzentren anzubieten. Im Norden sind die Leitungen fertiggestellt. Der Strompreis beträgt etwa einen Drittel. Die Werke wurden vor 60 bis 70 Jahren gebaut. Es bleibt also nur ein kleiner Rest von CO2 auf den Bau bezogen. Wenn man das mit diesem Koeffizient berechnet, kann man in Schweden mit dem gleichen CO2-Abdruck wie ein Server in Deutschland 12000 Server betrieben. Und im Winter muss man nicht kühlen, sondern einfach das Fenster aufmachen. Und viele von den Großen sind schon da. Facebook, Google, Amazon kommt jetzt. Darüber muss man sich Gedanken machen.

Also sollten wir Serverfarmen bauen?

In zehn Jahren werden Rechenzentren ganz viel Strom verbrauchen. Vielleicht ein Zehntel von dem in der entwickelten Welt. Es wäre ja dann unsinnig, dort Rechenzentren zu bauen, wo der Strommix schmutzig ist und lieber dort, wo es Platz gibt, digitalisiert ist und CO2-frei betrieben werden kann.

Digitalisierung ist ein gutes Stichwort in Deutschland und Thüringen.

Ja, da gibt es Luft nach oben. Corona hat die Entwicklung vielleicht etwas beschleunigt. Aber, wir müssen Touristen aus Schweden etwa empfehlen, immer etwas Bargeld dabei zu haben. Für Taxi, Kiosk oder Restaurant. Man braucht in Deutschland bessere Infrastruktur. Wir sind ja ein großes Land. Aber trotzdem haben wir es geschafft, dass fast jeder Haushalt Breitband hat. Das geht hier auch. Man muss es nur machen.

Während der Pandemie wurde viel nach Schweden geschaut. Viele sagen, der schwedische Weg war der richtige. Einige aber auch, er war fahrlässig. Wie beurteilen Sie das?

Das kann man erst nach der Pandemie sagen. Der schwedische Weg ist aber nicht so anders als sonst überall. Es gelten die gleichen Zielsetzungen: die Bevölkerung zu schützen, das Krankensystem zu schonen, damit es genügend freie Betten in den Krankenhäusern gibt. Es gibt aber zwei Unterschiede: Wir haben die Kitas und die Schulen bis zu den 9. Klassen offengehalten und wir haben immer noch keine Maskenpflicht. Ansonsten sind die Maßnahmen streng.

Aber Restaurants waren zum Beispiel offen...

Ja, aber mit Abstand. Und das war alles nicht, um die Wirtschaft zu schonen. Viele denken, wir haben unsere Älteren geopfert, um die Wirtschaft zu schonen. Das Schlimme bei uns war, dass das Virus in die Altersheime eingedrungen ist. Das lag daran, dass viele Arbeitnehmer, die auf Stundenbasis arbeiten, auch wenn sie sich vielleicht ein bisschen krank fühlten, zur Arbeit kamen.

Wie wichtig ist Deutschland als Partner im europäischen Verbund? Es gab in der jüngsten Vergangenheit Differenzen.

Deutschland ist unser wichtigster Partner in der Europäischen Union. Wir waren etwas überrascht, das muss ich sagen, als die Kehrtwende kam, dass die Union mit dem Corona-Hilfspaket Zuschüsse und keine Kredite zahlen soll. Jetzt haben wir aber eine Einigung, mit der wir leben können. Jetzt muss das Geld effizient eingesetzt werden Richtige Investitionen. Nicht nur alte Häuser sanieren, sondern in die Zukunft investieren.