Das alte Türschild vom Dachboden beim Setzen der Stolpersteine in Jena dabei

Jena  Der Künstler Gunter Demnig setzte gestern sechs Stolpersteine für jüdische Bürger aus Jena, die in der Nazizeit in den Vernichtungslagern umgekommen sind. Darunter für die vierköpfige Familie Danziger.

Das originale Türschild fand die heutige Eigentümerin Beate Piecha (links) beim Aufräumen auf dem Dachboden. Neben ihr die Schüler Lydia Herrmann, Stefanie Buttler, Elias Gura, Moritz Timmermann und Hannes Wiedemann von der IGS Grete Unrein und Lehrerin Christiane Dorl, eine der Patinnen der vier Stolpersteine.Foto: Lutz Prager

Das originale Türschild fand die heutige Eigentümerin Beate Piecha (links) beim Aufräumen auf dem Dachboden. Neben ihr die Schüler Lydia Herrmann, Stefanie Buttler, Elias Gura, Moritz Timmermann und Hannes Wiedemann von der IGS Grete Unrein und Lehrerin Christiane Dorl, eine der Patinnen der vier Stolpersteine.Foto: Lutz Prager

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5,6 Millionen Juden fielen dem Holocaust zum Opfer. Eine ebenso wahnwitzige wie unvorstellbare Zahl. In Tötungsfabriken wie Auschwitz oder Buchenwald degradierten die Nazis Menschen zu Nummern.

Der Kölner Bildhauer Gunter Demnig gibt mit seinen in die Gehwege vor den Wohnhäusern eingelassenen „Stolpersteinen“ den Opfern ihre Namen zurück, und dank der Recherchen lokaler Initiativen wie des Jenaer Arbeitskreises Judentum werden auch ihre Geschichten und Gesichter lebendig. Gestern setzte Demnig sechs neue Stolperstein. Die Kosten der Kunstaktion übernehmen jeweils Paten aus der Jenaer Bürgerschaft.

Besonders berührte die rund 40 Menschen, die Demnigs Arbeit am Vormittag in drei verschiedenen Straßen verfolgten, das Schicksal der Familie Danziger aus der Scheidlerstraße 19. Elsbeth Danziger, die als Tochter des Chemikers Mordko Herschkowski und seiner Frau Anna 1904 in Jena geboren wurde, starb 1942 mit ihren beiden Kindern (6 und 8 Jahre) am Tage der Ankunft im Vernichtungslager Auschwitz. Ihr Mann kam ein Jahr später in einem Arbeitslager ums Leben.

Ein Glasexperte bei Schott und Carl Zeiss

Das Haus der Herschkowskis gehört heute Beate Piecha und Universitätsprofessor Wolfgang Weißer. Das Biologen-Ehepaar, das 2000 nach Jena kam und 2002 die Immobilie aus dem Eigentum des Staates kaufte, ist durch die Stolpersteinaktion auf die besondere Geschichte der früheren Eigentümer aufmerksam geworden. Beate Piecha, die im Bauaktenarchiv der Stadt recherchierte, weiß, dass das Haus 1911 von den Herschkowskis sehr aufwendig errichtet wurde. „Der russischstämmige Chemiker gehörte zu seiner Zeit zu den größten Experten der Glaschemie und war zunächst Chefchemiker bei Schott und später bei Carl Zeiss“, berichtet Beate Piecha. Bei der Sanierung des Anwesens vor einigen Jahren fand die Familie in einer Kiste auf dem Dachboden sogar noch das alte Türschild der Herschkowskis, das Beate Piecha gestern bei der Feierstunde vor ihrem Haus Schülern der Klasse 9 b der Integrierten Gesamtschule Grete Unrein zeigte. Laut der Archivunterlagen starb Mordko Herschkowski 1933. Trotz des angesehenen Vaters entließ die Uni Jena im gleichen Jahr Elsbeth Herschkowski, verheiratete Danziger, wegen ihrer jüdischen Herkunft. Die promovierte Naturwissenschaftlerin, deren Gebiet optische Parameter waren, hatte eine kleine Hilfsassistentenstelle in der Mineralogischen Anstalt der Uni Jena.

„In unseren Archiven finden sich noch heute Schriften von ihr, und auch eine Anerkennung ihrer Arbeit durch Max Wien, dem damaligen Direktor des Physikalischen Instituts an der Universität Jena“, sagt die Leiterin der Mineralogischen Sammlung, Birgit Kreher-Hartmann.

Im Gegensatz zu ihren Geschwistern Yela (verh. Löwenfeld), die nach dem Krieg eine sehr bekannte Psychoanalytikerin wurde, Rosemarie und Wolfgang, gelang Elsbeth Herschkowitsch nicht die rettende Flucht in die USA.

Sie lebte mit ihrem Mann in Holland, und reiste zur Geburt ihrer Tochter Evelijn 1934 sogar nach London, damit das Kind durch die britische Staatsbürgerschaft geschützt würde. Doch auch das rettete die Familie nicht vor der Deportation. Das Elternhaus in Jena war bereits 1937 unter unbekannten Umständen verkauft worden. Anwohner aus der Straße berichteten gestern, dass zu dieser Zeit Nazigrößen in die Villen im Jenaer Westviertel einzogen. 1953 ging das Haus dann an den Staat. Im Bauaktenarchiv findet sich ein Eintrag, dass die Besitzerin schon länger im Westen sei. Nachbarn erinnerten sich, dass zu DDR-Zeiten Mitarbeiter des MfS Mieter gewesen seien.

Die heutige Eigentümerin Beate Piecha will Kontakt mit einem Nachfahren der Herschkowitschs aufnehmen, der um die 50 Jahre alt ist und als Rechtsanwalt in New York arbeitet. Ihm will sie auch Fotos von den Stolpersteinen und der Gedenkfeier vor ihrem Haus schicken.

Die glänzenden Pflastersteine mit den Namen seien eine gute Idee. „So wird über ganz private Schicksale Geschichte vermittelt, ganz ohne erhobenen Zeigefinger, aber sehr nachdenklich“, sagt Beate Piecha.

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