Der „Hecht“ in der Leninstraße: Die merkwürdigen Besuche des Uwe Barschel in Jena

Jena  Die ARD zeigte jetzt den Politthriller „Uwe Barschel - Das Rätsel“. Rätselhaft bleibt noch in weiten Teilen, warum sich der Ministerpräsident Schleswig-Holstein in den 80er-Jahren drei Mal in Jena aufhielt.

Die Sophienstraße Nr. 6 (rechts) , in dem Bernd Barschel wohnte, und das Haus Nr. 8 links, damals mit einem MfS-Objekt im Erdgeschoss. Foto: Frank Döbert

Die Sophienstraße Nr. 6 (rechts) , in dem Bernd Barschel wohnte, und das Haus Nr. 8 links, damals mit einem MfS-Objekt im Erdgeschoss. Foto: Frank Döbert

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Es war am Mittag des 26. April 1984, als vor dem Haus Nr. 6 der Leninstraße, heute Sophienstraße, Fahrzeuge hielten. Der Mann, der ausstieg, und das Haus betrat, war der Ministerpräsident Schleswig-Holsteins, Uwe Barschel. Er war inoffiziell in die DDR eingereist und hatte an diesem Tag, von Karl-Marx-Stadt kommend, in Jena Station gemacht um mit Bernd Barschel zusammenzutreffen.

Der Indogermanist an der Jenaer Uni war als Großcousin lediglich ein weitläufiger Verwandter der in Kiel ansässigen Familie Barschel. Uwe Barschel soll sich mit Familienforschung befasst haben und so hätten die beiden Männer Familienerinnerungen ausgetauscht und das gemeinsame Interesse für den Naturschutz entdeckt, wie später eine gute Bekannte Bernd Barschels berichtete.

Zwischendurch hätten sie sich demonstrativ auf dem Balkon den im Pkw wartenden MfS-Mitarbeitern gezeigt. Die wiederum gehörten zu einer Observationsgruppe der MfS-Bezirksverwaltung Gera, Abteilung VIII, die, sechs Mann stark, den Aufenthalt Barschels, MfS-Deckname „Hecht“, in Jena operativ „absicherte“ und in der Leninstraße 19 über einen legendierten Stützpunkt verfügte. Doch auch direkt neben dem Haus Nr. 6, in der Nr. 8, verfügten die Geheimen über ein konspiratives Objekt. Dort residierte der Hauptamtliche Führungs-IM (ein Inoffizieller Mitarbeiter des MfS, der wiederum eine Reihe von IM führte, die an ihn ihre Berichte abgaben) mit dem Decknamen „Lowa“. Der gab regelmäßig Treffberichte an seinen Führungsoffizier ab, wie in seiner Stasi-Akte nachzulesen ist. Doch ausgerechnet das Jahr 1984 betreffend klafft darin eine komplette Lücke.

Doch Barschel war nicht etwa wegen seines Großcousins nach Jena gekommen. Wie aus Unterlagen der Universität hervorgeht, hatte das Ministerium für Hoch- und Fachschulwesen der DDR dem Rektor Bernd Wilhelmi den Besuch Barschels bereits sechs Tage zuvor avisiert und darum gebeten, „Barschel ab 10.30 Uhr an der FSU zu empfangen“. Weiter heißt es: „Barschel wünscht bis 12 Uhr Gespräch mit Ihnen im engsten Kreis“. Danach plane er den Besuch eines Verwandten.

Laser für Sternenkriegs-Ambitionen

Was im engsten Kreis besprochen wurde, ist aus Universitäts-Quellen bisher nicht bekannt geworden. Doch der den Tod Uwe Barschels in der Nacht zum 11. Oktober 1987 in Genf ermittelnde Leitende Lübecker Oberstaatsanwalt Heinrich Wille zitiert in seinem 2011 erschienenen Buch „Ein Mord, der keiner sein durfte“ eine Insiderin, „die aus ihrer Vergangenheit gute interne DDR-Kenntnisse hatte“, Christina Wilkening. In ihrer Vernehmung durch Staatsanwalt Wille am 15. Dezember 1994 hatte sie ausgesagt: „In Wirklichkeit hat er (Uwe Barschel) sich laut Angaben von MfS-Mitarbeitern mit dem Sektionsleiter für Physik, Dr. Sch. getroffen. B. wurde von Dr. Sch. direkt empfangen. Dafür soll es auch Zeugen geben. Zum damaligen Zeitpunkt war Dr. Sch. im Rahmen des SDI-Programmes mit der Erforschung der CO2-Laser beauftragt.“ Nur wenigen war damals bekannt, dass das Politbüro der SED ein knappes Jahr zuvor den Beschluss gefasst hatte, das Kombinat Carl Zeiss Jena „in Richtung Forschung, Entwicklung und Produktion strategisch bedeutsamer Waffensysteme“ zu profilieren. Bestandteil dieser Profilierung war das sogenannte Objekt 016, dessen Zielrichtung in der Schaffung moderner Waffensysteme auf Grundlage modernster Basistechnologien zur Abwehr der von Bedrohungen des sozialistischen Lagers bestand. Im Frühjahr 1985 wurde „016“ schrittweise in ein Anti-SDI-Programm, Codename „Heide“ übergeleitet und schrittweise umfunktioniert. In diesem Programm spielten nun CO2-Laser zum Abschuss anfliegender gegnerischer Atom-Raketen eine entscheidende Rolle. BStU-Unterlagen belegen, dass in der Sektion Physik der FSU Ende 1986 eine Forschungsgruppe zur Problematik CO2-Laser im Auftrag von Zeiss Grundlagenforschung ausführen sollte. Der Gruppe gehörte auch Dr. Sch. vom Wissenschaftsbereich Nichtlineare Optik an. Er war seit 1964 als IM „Günther“ für das MfS registriert und darüber hinaus 1987 als „Auswerter für wissenschaftlich-technische Unterlagen, die durch das MfS beschafft wurden“, von der Hauptverwaltung Aufklärung des MfS, Sektor Wissenschaft und Technik, bestätigt worden.

Undurchsichtige Embargo-Geschäfte

Etwa Mitte 1987 wurde der „unter strenger Geheimhaltung über Zeiss importierte Laser“ in besonders gesicherten Räumen des Physik-Institutes mit dem Ziel eines späteren Nachbaues getestet. „Bemerkenswert ist auch die kompakte Konstruktion, die erhebliche mechanische Belastungen aushält“, urteilte „Günther“ über die Eigenschaften des Lasers. Der vermutlich wie andere Hightech-Geräte unter Umgehung des damals geltenden Embargo-Bestimmungen gegen den Ostblock von der Firma Wild Leitz an Zeiss geliefert wurde. Dies ist insofern nahe liegend, da der Bruder von Uwe Barschel, Eike Barschel, im Vorstand der Firma saß, die für das SDI-Programm der USA unter anderem Parabolspiegel und CO2-Laserwaffen hergestellt haben soll, wie Christina Wilkening in Lübeck aussagte. Von Wild Leitz erhielt Zeiss unter anderem auch ein 1,5 Millionen DM teures CNC-Koordinatenmessgerät, genehmigt von Staatssekretär Alexander Schalck-Golodkowski, Leiter des Bereiches kommerzielle Koordinierung.

Die geheimen Geschäftsbeziehungen zwischen Carl Zeiss Jena und West-Firmen zum gegenseitigen Vorteil und über ideologische Grenzen hinweg bilden indes nur einen Puzzlestein in einem auch heute noch nur ansatzweise durchschaubaren Konglomerat von Rüstungsgeschäften, die über Uwe Barschel abgewickelt wurden.

Sicher ist, dass er sich drei Mal in Jena aufhielt, aber nur einmal mit seinem Großcousin Kontakt hatte. Bernd Barschel, der zur Beerdigung von Uwe Barschel in den Westen fahren durfte, verstarb unerwartet drei Jahre später am 14. Oktober 1990. Schnell wurde damals ein Stasi-Mord vermutet. Über 30 Jahre nach dem vergleichsweise gut dokumentierten Aufenthalt Barschels 1984 in Jena sind Zeitzeugen heute möglicherweise bereit, weitere Informationen, beizusteuern.

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