Ex-Grenzer: "Tannbach" nah an Realität

Die Handlung im "Tannbach"-Film des ZDF ist nah an der Realität. Dies haben ehemalige Grenzer aus Ost und West bestätigt, die sich in dieser Woche zu ihrem regelmäßigen Stammtisch trafen.

 Am so genannten Kolonnenweg war bis 1989 die Welt geteilt. Links ein Schild, wie es auf der Seite der Bundesrepublik Deutschland unmittelbar am Grenzverlauf stand, rechts das Schild vom Grenzgebiet auf DDR-Seite. Foto: Peter Hagen

Am so genannten Kolonnenweg war bis 1989 die Welt geteilt. Links ein Schild, wie es auf der Seite der Bundesrepublik Deutschland unmittelbar am Grenzverlauf stand, rechts das Schild vom Grenzgebiet auf DDR-Seite. Foto: Peter Hagen

Foto: zgt

Bad Steben/Seibis. Teil 3 des Anfang Januar erstmals ausgestrahlten Spielfilms reflektierte die Jahre der Grenzziehung mitten durch Deutschland und einen Ort, der stark an Mödlareuth erinnerte. Zudem war zu sehen, wie im Ostteil "Störenfriede" zwangsweise aus dem Grenzgebiet ausgesiedelt worden sind. Adolf Glaser aus Seibis, heute 75 Jahre, hat das in Realität erlebt.

"Ich hatte gerade Nachtschicht an der Pferdebahn, die zwischen der Papierfabrik Blankenberg und Blankenstein verkehrte und wegen der Grenznähe immer von einem Posten begleitet worden ist", erinnert sich Adolf Glaser, der 1958 bis 1962 als Grenzpolizist diente. "Ich war als Postenführer eingeteilt, als plötzlich mein Begleiter abgezogen worden ist." Als er nach Dienstschluss daheim ankam, erfuhr der junge Grenzpolizist, was passiert ist: "Aus unserem Ort war Alfred Lydke ausgesiedelt worden."

Lydke war damals der stellvertretende Bürgermeister im Ort gewesen und hatte - ähnlich wie auch handelnde Personen im "Tannbach"-Film - "nicht immer mit ins Horn der Parteifunktionäre geblasen". Somit war auch die kleine Grenzgemeinde Seibis im Jahr 1961 einer der Schauplätze gewesen, an denen im Zuge der generalstabsmäßig organisierten Zwangsaussiedlungsaktion mit dem Name "Kornblume" - das Ministerium für Staatssicherheit nutzte auch den Tarnname "Festigung" - unbequeme Bürger aus dem Grenzgebiet entfernt worden sind.

Am eigenen Leib hat Werner Krauß diese Zwangsaussiedlungen erlebt. Der heute 75-Jährige hatte Montagabend ebenfalls am "Grenzerstammtisch" in Bad Steben teilgenommen, obwohl er selbst nie als Grenzer tätig war. Doch auch interessierte Bürger sind dort immer gerne gesehen.

Bis 1952 wohnte Werner Krauß mit seiner Mutter in Harra. Bewirtschaftet wurden zwei Felder, im Haus gab es regelmäßig Sommergäste, erinnert er sich. "Eines Morgens kam die Polizei und teilte mit, dass wir abgeholt würden", berichtet er. Wenig später rollten Lastwagen vor und man wurde zum Bahnhof nach Lobenstein gebracht. "Dort wurden noch mehr Menschen gesammelt und dann in Waggons verladen", erzählt Werner Krauß, was er als zwölfjähriger Bub erlebte. "Keiner wusste, wohin es geht. Alle waren ziemlich ruhig." Am nächsten Morgen sei man in Weimar angekommen, dann wurden die Menschen verteilt. Er kam mit seiner Mutter schließlich in Mannstedt bei Buttstädt an, hat dort dann auch die Schule abgeschlossen. "1957 sind wir über Westberlin geflüchtet." Bis 2009 lebte er in Hamburg. Jetzt wohnt er in Bad Steben und somit ein ganzes Stück näher an der Heimat.

Gab es, wie im "Tannbach"-Film zu sehen, hin und wieder auch Kontakte zwischen den Grenzern von hüben und drüben? Durchaus, wie einigen Episoden zu entnehmen ist, die am "Grenzerstammtisch" erzählt werden. "Wir haben auch mal rübergerufen und gefragt, wie lange noch gedient werden muss", lacht Otto Oeder, der 1967 zur Bayerischen Grenzpolizeistation nach Bad Steben kam und einige seiner Erlebnisse in dem Buch "Grenzgänger: Auf Streife am Eisernen Vorhang" niedergeschrieben hat. Mancher DDR-Grenzer habe dann aus der Tasche ein Bandmaß gezogen und die verbleibende Dienstzeit angezeigt. Und wenn Oeder abends als Zivilist an der Selbitz bei Blankenstein seine Angel auswarf, habe er hin und wieder um Licht vom Scheinwerfer des nahen Beobachtungsturms gebeten und es auch bekommen, wie er sagt. "Doch mit den Jahren wurde es an der Grenze immer strenger und gerade von DDR-Seite aus ist möglichst jeder Kontakt vermieden worden", berichten die ehemaligen Grenzer.

Was es in den Anfangsjahren auch gab, war der Schmuggel über die Grenze, wie im Film zu sehen. "Wir wussten davon und mein Vater hat selbst geholfen, die Schmuggler zu schleusen. Dafür bekam er mal was auf die Hand", erzählt Adolf Glaser, "doch mit der Schaffung des Zehn-Meter-Streifens wurde das strenger kontrolliert. Und durch die Zwangsaussiedlungen wurden dann auch die Menschen eingeschüchtert und verängstigt, das weiter zu tun."