Feodora Prinzessin Reuß: „Es war herrlich bei den Großeltern in Gera“

Gera  Ihr Großvater Heinrich XXVII. war der letzte regierende Fürst in Gera. Feodora Prinzessin Reuß wird am Montag 100 Jahre alt. Zum Jubiläum veröffentlicht die OTZ ein Interview mit der Nachfahrin der Fürstenfamilie.

Prinzessin Feodora Reuß wird 100.

Prinzessin Feodora Reuß wird 100.

Foto: Ulrike Merkel

Feodora Prinzessin Reuß feiert am Montag, dem 17. Dezember, ihren 100. Geburtstag. Ihr Großvater Heinrich XXVII. war der letzte regierende Fürst in Gera. Sie verbrachte in ihrer Kindheit viel Zeit auf Schloss Osterstein und erlebte 1945 den Schlossbrand mit. Nach der Wende kehrte sie für 15 Jahre zurück nach Gera. Inzwischen lebt sie im Schwarzwald.

Wir sprachen mit der Prinzessin über ihre Kindheitserinnerungen an die Elsterstadt, den Maler Otto Dix, den Brand auf Schloss Osterstein, ihre Jahre in Hessen, die vorübergehende Rückkehr nach Gera und ihren beeindruckenden Lebensoptimismus. Das Interview erscheint in drei Teilen – heute, am Freitag und am Montag.

Prinzessin Reuß, Ihre Mutter Prinzessin Victoria Feodora starb am 18. Dezember 1918 nur wenige Stunden nach Ihrer Geburt. Wie und wo wuchsen Sie auf?

Bei meinem Vater, Herzog Adolf Friedrich zu Mecklenburg, in Bad Doberan. Es war natürlich ein großer Einschnitt, dass die Mutter so früh gestorben ist. Ich hatte meine ganze Kinder- und Jugendzeit große Sehnsucht nach ihr.

Besaß Ihr Vater in Bad Doberan ein Schloss?

Nein. Die Mecklenburger hatten viele Kinder. So viele Schlösser gab es gar nicht. (lacht) Wir haben in einem bequemen Privathaus gelebt. Es war ein Geschenk seines Schwiegervaters Fürst Heinrich XXVII. Reuß.

Sie haben als Kind aber auch viel Zeit in Gera bei Ihren Großeltern und Ihrem Onkel verbracht.

Ja, sehr viel. Als ich knapp ein Jahr alt war, habe ich vorübergehend mal zwölf Monate bei ihnen gewohnt, während mein Vater in Afrika war.

In Afrika?

Mein Vater hat Afrika oft besucht. Er hing sehr an dem Kontinent. Anfang des 20. Jahrhunderts war er mehrfach dort auf Forschungsreisen. Dort war noch vieles unerforscht, Tiere, Pflanzen... Im Busch haben er und sein Team sogar einen unbekannten Stamm entdeckt. Mein Vater hat über diese Expeditionen Bücher geschrieben, die sich noch immer sehr interessant lesen. In der Thronfolge stand er so weit zurück, dass er sein eigenes Leben führen konnte.

Im Jahr 1912 wurde er dann vom deutschen Kaiser sogar als Gouverneur von Togo und Ghana eingesetzt. Als der Krieg zwei Jahre später ausbrach, wurde er aber zurückbeordert, um ihn vor der Internierung zu bewahren. Auch später hat er Afrika weiterhin besucht.

Wenn Sie die Geraer Großeltern, Fürst Heinrich XXVII. und Fürstin Elise, besucht haben, wie kann man sich das Leben auf Schloss Osterstein vorstellen?

Im Grunde war es ein ganz normales Leben, allerdings sehr diszipliniert. Pünktlichkeit bei den Mahlzeiten, um ein Chaos in der Küche zu vermeiden, war Pflicht. Die Angestellten hatten ihre festen Dienst- und Freizeiten, die strikt eingehalten wurden. Die beste Erziehung für ein Kind, um Rücksichtnahme auf andere frühzeitig zu erlernen. Es war im Prinzip wie ein Betrieb mit vielen Angestellten.

Trotz der Abdankung 1918 waren viele Tätigkeiten meiner Großeltern erhalten geblieben. Sie kümmerten sich zum Beispiel um die von ihnen ins Leben gerufenen karitativen Einrichtungen. Meine Großmutter hat mit einer Blindenschriftmaschine Bücher für Kriegsblinde abgeschrieben. Außerdem strickte sie sehr viele Jacken und Pullover für die Kriegswaisenkinder des Geraer Waisenhauses, in dem heute das Stadtmuseum untergebracht ist. Das kam alles von Herzen, ob sie nun regierten oder nicht. Mein Onkel, Heinrich XLV., kümmerte sich zudem um das Geraer Theater, das damals noch Reußisches Theater hieß. Er war sogar kurze Zeit Intendant. Auch ich kenne das Haus noch aus Kindertagen.

Waren Sie eine treue Theatergängerin?

Oh ja. Wenn ich meinen Onkel besucht habe, waren wir fast jeden Abend im Theater. Damals war ich so 12, 13 Jahre alt. Die Großeltern lebten schon nicht mehr. Er erklärte mir auch vieles auf dem Gebiet der Musik. Meine Musikliebe wurde durch ihn geprägt. Ich erinnere mich noch gut an die gemeinsamen Schallplattenabende mit ihm. Er gab einzelne Musikstücke vor, und ich sollte Konzertprogramme zusammenstellen. Danach saßen wir da und lauschten dem zusammengestellten Schallplatten-Konzert. Manchmal gefiel es ihm, manchmal nicht. Danach hat er mir erklärt, warum. Mein Onkel spielte auch sehr gut Klavier. Wenn er ein Stockwerk über meinem Kinderzimmer spielte, ging ich oft in den Ahnensaal, wo rechts und links an den Wänden lauter lebensgroße Ahnenbilder hingen.

Lauter Heinriche?

Genau. Das Zimmer hatte einen Plafond, ein Deckengemälde, mit Wolken und Vögelchen. Ganz zart war das gemalt. Und immer wenn mein Onkel spielte, habe ich mich auf den Fußboden gelegt, die Vögel im Blick, und zugehört.

Auch Ihre fünf Söhne heißen alle der Tradition Ihres Hauses gemäß Heinrich. Wie rufen Sie sie, um sie zu unterscheiden?

Jeder hat seinen Spitznamen.

In der Geschichte Ihrer Familie gab es Hunderte Heinrichs. In jedem Jahrhundert wird mit dem Zählen von vorn begonnen. Blicken Sie da noch durch?

Ich muss gestehen, dass ich auch oft nachschauen muss. Mein Mann war übrigens Heinrich I., weil er 1910 der erste war, der im 20. Jahrhundert geboren wurde.

Es heißt, Ihre Familie in Gera hat den jungen Otto Dix finanziell unterstützt.

Es war mein Großvater, der ihm das Kunststudium in Dresden ermöglicht hat.

Sind Sie Dix auch persönlich begegnet?

Ja, ich habe ihn in jungen Jahren kennen gelernt. Er war bei uns nachmittags zum Tee und hat uns ein wunderschönes Bild gebracht, das er extra für uns gemalt hatte. Es ist leider verschollen. Wahrscheinlich ist es dem Schlossbrand 1945 zum Opfer gefallen – wie auch die anderen.

Welche anderen?

Mein Mann und ich hatten Dix während des Krieges mit einem Bild beauftragt. Er malte uns „Die heilige Familie auf der Flucht“. Im Hintergrund war eine Berglandschaft zu sehen im Abendlicht, rechts und links Wald. Und auf der einen Seite des Waldes saß die heilige Familie. Auf der anderen Seite hatte er unser Wappentier, den Kranich, eingearbeitet – mit einem Stein im Fang – als Wächter der Wachsamkeit. Das alles vor einem blutroten Himmel. Ein sehr eindrucksvolles Bild. Beim Schlossbrand habe ich es einem ungarischen Soldaten in die Hand gedrückt. Und per Handzeichen gezeigt, dass er es hinausschaffen soll. Doch es ist nie wieder aufgetaucht. Er hat sich sicher gedacht: Das ganze Anwesen brennt, und ich soll so ein blödes Bild retten. Es ist wahrscheinlich verbrannt. Und auch mein Onkel hatte weitere Dix-Gemälde erworben, die seither verschollen sind. Nur ein Dix-Bild konnte gerettet werden. Es befindet sich heute als Dauerleihgabe im Museum in Gera. Es zeigt das Riesengebirge, die Heimat meines Mannes.

Haben Sie die Zeit in Gera genossen?

Absolut. Es war herrlich bei den Großeltern. Meine Großmutter Elise hat sich sehr um mich gekümmert. Auch sie hat mich frühzeitig an die Musik herangeführt. Sie spielte auf dem Klavier Kinderlieder, und wir sangen gemeinsam dazu. Und sie besuchte uns auch oft in Bad Doberan. Sie war auch da, als Emmi Roß, mein Kindermädchen, zu uns kam. Emmi blieb ihr ganzes Leben bei uns. Sie wurde meine beste Freundin.

Sie soll 106 Jahre alt geworden sein und auch Ihre Kinder mit großgezogen haben und sich selbst noch um Ihre Enkel hin und wieder gekümmert haben.

Ja, Emmi Roß war einmalig. Sie war Mecklenburgerin und kam mit 19 zu uns, als ich ein halbes Jahr alt war. Meine Großmutter war von Emmi Roß sehr begeistert. Denn trotz ihrer Jugend war sie bereits eine Persönlichkeit, unglaublich gebildet, taktvoll, sensibel und sie hatte ein sehr großes Herz.

Am Freitag lesen Sie, wie die Prinzessin den Schlossbrand erlebte. Veranstaltungen zum Jubiläum Am Donnerstag, dem 20. Dezember, 14 Uhr wird es zu Ehren von Prinzessin Feodora Reuß einen Festakt im Konzertsaal der Bühnen der Stadt Gera geben. Interessenten an Restkarten können vor Konzertbeginn noch einmal ihr Glück versuchen. Das Programm gestalten das Reußische Kammerorchester, der Chor des Rutheniums und an der Orgel Benjamin Stielau. Tags darauf, am Donnerstag, 21. Dezember, wird zudem ein Friedensdenkmal in unmittelbarer Nähe der Geraer Prinzenhäuser eingeweiht. Die Adelsfamilie Habsburg initiiert weltweit „Flame of Peace“-Denkmäler als Symbol des Friedens. Das Geraer Exemplar einer hölzernen Flamme schuf Marcus Malik. Es wird um 11 Uhr am Hofwiesenpark 8 der Öffentlichkeit präsentiert.

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