Gera 2025 begraben und wiedererweckt

Gera  Zu viel negatives Feedback führt zum Projektabbruch. Eine Bürgergruppe führt die Kulturhauptstadtbewerbung weiter.

Auch wenn der Berliner Konzeptkünstler Maurice de Martin und die Schweizer Künstlerin Tanja Schwarz ihr Projekt „Gera 2025“ aufgegeben haben, eine Gruppe von Bürgern will die Bewerbung Geras als Kulturhauptstadt nicht ad acta legen. Im Gegenteil, sie bleiben dran, jetzt erst recht.

Auch wenn der Berliner Konzeptkünstler Maurice de Martin und die Schweizer Künstlerin Tanja Schwarz ihr Projekt „Gera 2025“ aufgegeben haben, eine Gruppe von Bürgern will die Bewerbung Geras als Kulturhauptstadt nicht ad acta legen. Im Gegenteil, sie bleiben dran, jetzt erst recht.

Foto: Peter Michaelis

Anfang August hatten die Prozesskünstler Maurice de Martin und Tanja Schwarz sich zum Ziel gesetzt, gemeinsam mit den Bürgern die Idee Gera als Kulturhauptstadt für 2025 ins Gespräch zu bringen. Mit dem Slogan „Make Gera Great Again“ (Gera wieder groß machen) lockten sie etliche Geraer in das auf dem Kornmarkt eröffnete Kulturhauptstadtbüro – in der Hoffnung, Ideen der Geraer zu sammeln und sie auf dem Weg hin zur ernst gemeinten Kulturhauptstadt-Bewerbung zu begleiten. Nicht wenige waren neugierig, beäugten die aus Berlin und der Schweiz stammenden Künstler zwar noch etwas skeptisch, waren aber irgendwie auch erleichtert, dass es jemand ernst meint mit ihren Meinungen und gespannt ist auf ihre Ideen. Bis zum 20. August plante das Büro „Gera 2025“ seine Öffnungszeiten, sogar mit der Option zu verlängern.

Nun ist diese Aufbruchstimmung, die von Maurice de Martin und Tanja Schwarz ausging, abrupt auf dem Boden der Tatsachen angekommen.

Die beiden Künstler, die mit ihrem Wirken Gera und den Geraern einen Impuls geben wollten, haben sich zurückgezogen. „Nach reichlicher Überlegung haben wir entschieden, das Projekt Gera 2025 vorzeitig abzubrechen. Die Chronik der Ereignisse ist lang und bedarf erst einer sorgfältigen Reflexion“, heißt es in ihrem offenen Brief und weiter: „Wir wollten nach dem Unbekannten forschen und im Prozess realistisch-durchdachte, aber auch verrückt-utopische Ideen, Visionen und Modelle einer künftigen Stadt entwickeln.“ Erhofft hatten sich beide einen lebendigen Dialog. Sie wollten eine Plattform bieten, auf der die Stadt mit sich selbst ins Gespräch kommt und ungeahnte Möglichkeiten und Potenziale entdeckt.

Ungern den Nörglern Recht geben

Jetzt konstatierten sie, mit diesem Vorhaben gescheitert zu sein. Zwar hätten einzelne Bürger zu ihnen gefunden, um ihre Meinung kund zu tun, „leider haben wir dabei aber lediglich erfahren, was die Geraer an ihrer Stadt als problematisch wahrnehmen. Die geplante Ideenabgabestelle ist zur Meinungsmülldeponie für Klagen und Frustration, Nörgeleien und Nöte geworden“, schreibt das Künstlerduo und fragt „Wohin jetzt damit?“

Auch von den positiven Stimmen zufriedener Bürger ließ sich in ihren Augen kein konstruktiver Dialog entwickeln. „Sie knüpften ausschließlich an das Positiv-Mantra an: Wir haben doch Otto Dix, den Hofwiesenpark, die Höhler und unser schönes Theater. Wir fragen uns nun: Sind das wirklich die Grundmauern einer intakten Stadt? Wir erhofften uns als Prozesskünstler, dass der Dialog bei diesen Fakten erst anfängt und nicht schon aufhört“, bedauern Martin und Schwarz.

Da sie nicht angetreten seien, um der Stadt einen weiteren düsteren Spiegel vorzuhalten, hätten sie sich schweren Herzens für den Abbruch des Projektes entschlossen – auch trotz der Gefahr, dass die Öffentlichkeit und die Kritiker des Projektes das nicht als angemessenen Umgang werten. Ungern wolle man die Leute, die sich ernsthaft engagiert hätten – und davon habe es auch einige gegeben – vor den Kopf stoßen. Auch die Geraer hätten das nicht verdient. Ihnen bliebe jedoch einzig der Rückzug, um das Erlebte in angemessener Weise zu reflektieren und die nötige Distanz zu gewinnen.

Bürgergruppe will Bewerbung forcieren

„Zwar sehen wir unser Projekt Gera 2025 als abgeschlossen an, doch das gilt nicht für unser Engagement in und für Gera. Wir sind auch weiterhin sehr interessiert am Input der Bürger“, sagt Maurice de Martin, bevor er nach Berlin abreist. Er wird wiederkommen, meint er. Das soll keine Eintagsfliege gewesen sein, dafür sei ihm die Stadt auch im Privaten mittlerweile viel zu wichtig geworden.

Der Abbruch des Vorhabens hat bei einer Gruppe von Geraern zwar Bestürzung hervorgerufen. Im zweiten Atemzug kündigen sie jedoch die Wieder- und Weiterbelebung der Idee an. „Jetzt erst recht! Wir wollen uns kreativ mit der Idee Kulturhauptstadt auseinandersetzen und eine Bewerbung ernsthaft vorantreiben“, kündigte Thomas Laubert an. Am Dienstag habe sich eine Gruppe zusammengefunden, die das Büro am Kornmarkt wieder öffnen möchte, um eine Kontaktstelle für Bürger bereit zu stellen. „Die Bewerbung als Kulturhauptstadt soll völlig anders aussehen, wie man es von anderen Städten gewohnt ist“, macht er neugierig auf das unbeirrbare Engagement seiner Mitstreiter. Ein erster Schritt sei die Ausschreibung und Finanzierung eines Stadtschreibers, den man beauftragen will, über drei Monate in der Stadt die Wünsche und Visionen der Geraer einzusammeln – als Basis für konstruktive Ideen.

Der Offene Brief von Maurice de Martin und Tanja Schwarz

Downloads

oder unter www.gera2025.org zu finden. Kontakt zu den Künstlern ist über die E-Mail info@gera2025.org möglich. Die Bürgergruppe ist über das Büro am Kornmarkt 6 zu kontaktieren.

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