Geraer Stadtarchiv vor 100 Jahren gegründet

Gera  Am 1. Dezember 1915, heute vor 100 Jahren, wurde der Geraer Lehrer Ernst Paul Kretschmer nebenamtlich zum Stadtarchivar in Gera berufen. Damit begann die Geschichte des öffentlich nutzbaren Stadtarchivs von Gera.

Carla Römer , Sachbearbeiterin im Stadtarchiv Gera im Hauptmagazin. Foto: Klaus Brodale

Carla Römer , Sachbearbeiterin im Stadtarchiv Gera im Hauptmagazin. Foto: Klaus Brodale

Foto: zgt

Wie viel der Türmer des Geraer Rathausturmes verdiente, wo es Flussbäder in der Weißen Elster gab oder wann genau für die Geraer 1945 der Zweite Weltkrieg endete, das alles kann man im Geraer Stadtarchiv herausfinden.

Jeder, der ganz leise in alten Folianten blättert, Zeitungsbände durchstöbert, sich in heimatkundlichen Büchern mit historischen Fotos festliest, hat dabei einen stillen Beobachter. Das große Gemälde von Rudolf Schäfer aus dem Jahr 1949 zeigt das Porträt von Ernst Paul Kretschmer, den ersten Stadtarchivar von Gera. Ein schmaler Mann mit klaren Gesichtszügen, klugen Augen. Sein Bildnis hat hier seinen Ehrenplatz gefunden.

Heute vor 100 Jahren begann der Lehrer seine Archivarbeit. Es existierte zwar ein Stadtarchiv, doch das war den Geraer Bürgern nicht öffentlich zugänglich. Noch zu Anfang des 20. Jahrhunderts, heißt es in einem Beitrag des Stadtarchivs, wurden die aus dem Geschäftsgang ausgesonderten Registraturen der Stadtverwaltung weder geordnet, noch sicher untergebracht. 1915 lagerte das Archivgut der Stadt Gera in einem Keller unter der Küche des Ratskellers. Später wurden auf Betreiben Kretschmers ein angrenzender Weinkeller sowie Keller und Boden des Rathauses als Archiv genutzt.

Das heutige Geraer Stadtarchiv in der Gagarinstraße 99 ist vor Bränden und Hochwasser gesichert und steht auf der Liste des Notfallverbundes. In Notfallboxen findet sich die Ausrüstung, um Archiv- und Sammlungsmaterial zu retten.

Vor über 100 Jahren richtete sich der Informationsbedarf der städtischen Ämter meist nur auf einige wenige Aktengruppen. Um die öffentliche Nutzung des Archivmaterials zu ermöglichen, bemühte sich die Stadt Gera damals um einen Archivar, der das Schriftgut der Stadtverwaltung zentralisieren, ordnen und nutzbar machen sollte. Der Jenaer Professor Mentz schlug dafür Ernst Paul Kretschmer vor. Eine gute Wahl, wie sich bis heute herausstellen sollte.

Hingabe an den Beruf sichert Geras Geschichte

Dr Sohn eines Geraer Schuhmachermeisters, der in Jena und Leipzig Experimentelle Psychologie und Pädagogik, Geschichte und Naturwissenschaften studierte, zeichnete sich nicht nur durch großen Wissensumfang, sondern auch durch enormen Fleiß und Genauigkeit aus.

Den Auftrag, künftig Stadtarchivar zu sein, verstand er als Profession.

Der heutige Leiter des Geraer Stadtarchivs, Klaus Brodale, schenkt dem Amtskollegen aus Anlass des 100-jährigen „Dienstjubiläums“ folgende Laudatio: „Als Begründer des öffentlichen Stadtarchivs hatte Ernst Paul Kretschmer oft gegen Widerstände und fehlende Einsichten zu kämpfen. Ihm gebührt das Verdienst, die alte Registratur des Stadtarchivs gesichert und Ordnung hineingebracht zu haben.“ Da Kretschmer von der Stadt nur als Archivar berufen und nicht angestellt wurde, leistete er diese Arbeit ehrenamtlich, neben dem Lehrerberuf. Klaus Brodale: „Er erstellte Findkarteien, leistete Auskunft für städtische Dienststellen, Wissenschaftler, Vereine, Privatpersonen und baute selbst Sammlungen auf. So die zeitgeschichtliche Sammlung, die Material-, Bild und Kartensammlung, er erfasste die Ratsbibliothek und legte den Grundstein für einen lückenlosen Zeitungsbestand ab 1795, erforschte Regionalgeschichte.“

Im April 1945, als Bomben über Gera niedergingen, die Stadt brannte und jeder versuchte, irgendwie das Chaos des Zusammenbruchs zu überleben, blieb der vierfache Familienvater Kretschmer ein pflichtbewusster Archivar. Klaus Brodale erinnert: „Er zog mit dem Handwagen los, requirierte Fahrzeuge, um aus dem herrenlosen Schloss Osterstein und seinen Trümmern sowie aus verlassenen Rittergütern Unterlagen zu sichern. Ohne ihn wären viele historische Dokumente unwiederbringlich verloren gewesen. Das ist Berufsethos.“

Der Jenaer Friedrich Schneider schreibt im Gutachten über Kretschmers Sammlungen: „Seine Hingabe an die Arbeit verdient jede Anerkennung. Die Lebensarbeit Kretschmers wird kaum je wieder erreicht werden.“

Dazu Kommentar Gespür für die Zeit

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