Gewaltschutzwohnung für Männer in Gera vor dem Aus

Gera  Noch finden von Gewalt betroffene Männer Unterschlupf, doch jetzt erhielt Gleichmaß e.V. die Finanzierungsabsage

Tristan Rosenkranz in der Gewaltschutzwohnung in Gera. Foto: Peter Michaelis

Tristan Rosenkranz in der Gewaltschutzwohnung in Gera. Foto: Peter Michaelis

Foto: zgt

Seit Juli 2016 betreibt der Verein Gleichmaß e.V. für Männer, die unter häuslicher Gewalt leiden, eine Gewaltschutzwohnung in Gera. Doch nun steht dieses Hilfsangebot vor dem Aus: Der Verein erhielt von der Landesregierung eine Finanzierungsabsage. Ein Gespräch mit Tristan Rosenkranz, Gründer des Gleichmaß e.V.

Mit seiner Gewaltschutzwohnung ist der Verein Gleichmaß e.V. thüringenweit Vorreiter. Finanziert wird das Projekt bisher auf Ehrenamts- und Spendenbasis. Das ist aber keine Lösung auf Dauer?

Nein, denn die Betreuung des Projektes ist aufwendig und kann langfristig nicht ehrenamtlich geleistet werden. Das war uns von Anfang an klar. Zumal für diese Arbeit dann auch die Wertschätzung fehlt. Momentan hat unser Verein einen Jahresvertrag mit der WBG Aufbau, die die Wohnung zur Verfügung stellte und uns auch mietmäßig sehr entgegen kam.

Die Finanzierung sollte also auf eine solide, zukunftssichere Basis gestellt werden. Die Signale dafür standen gut?

Vor der Landtagswahl in Thüringen gab es zahlreiche Gespräche mit Fraktionsvertretern der Linken, Grünen, SPD und CDU. Dabei sicherten explizit Vertreter sowohl der Linken als auch der SPD zu, das Finanzierungsproblem in den Ausschüssen zur Diskussion für den Landeshaushalt zu stellen. Dies erfolgte in beiden Fällen nicht.

Wie hat der Verein versucht, die Politiker an ihr Versprechen zu erinnern und auf Einhaltung zu drängen?

2015 haben wir bei Arbeitsministerin Heike Werner, die Linke, vorgesprochen. Die Thüringer Gleichstellungsbeauftragte Katrin Christ-Eisenwinder war ebenfalls anwesend. Bei beiden war Wohlwollen erkennbar. Dann kam die schriftliche Finanzierungsabsage. Eine Kernaussage, die sich bis heute durch jede Argumentation zieht, ist, dass erst einmal erforscht werden müsse, inwieweit für eine Gewaltschutzwohnung überhaupt Bedarf besteht.

Ist dieser Bedarf nicht schon längst bewiesen?

Natürlich. Vor unserer Konzeption für die Einrichtung haben wir als Verein lange recherchiert. Wir haben gleichfalls bei der Polizei in Thüringen angefragt und Studien im deutschsprachigen Raum verfolgt. Auch in Thüringen liegen über mehrere Jahre behördlich nachgewiesene Zahlen zu Betroffenen vor. Bei der Datenerhebung der Thüringer Polizei von 2012 bis 2014 ist in einem Jahr von über 600, in zwei Jahren von über 800 hilfesuchenden, von häuslicher Gewalt betroffenen Männern die Rede. Wenn jetzt die Gleichstellungsbeauftragte erst einen Nachweis fordert, ist das für uns nicht nachvollziehbar. Selbst unsere eigene Wohnungsauslastung belegt den Bedarf.

Wie groß war bisher die Nachfrage nach der Wohnung?

Seit Bestehen hatten wir drei Belegungen. Eine erstreckte sich über neun Wochen, eine andere über sechs Wochen. Die dritte war eine Kurzbelegung. Während all dieser Zeit nahmen wir außerdem mehrere Anrufe von hilfesuchenden Männern entgegen, die wir dann aber abweisen mussten, weil die Wohnung bereits belegt war. Es ist ein anderthalb-Zimmer-Quartier.

Wie hoch sind etwa die Kosten für die Geraer Wohnung?

Gerechnet mit kompletter Neueinrichtung und Fachkräften wäre eine Erstinvestition von 10 000 bis 20 000 Euro nötig. Die Möbel für den Geraer Unterschlupf bekamen wir allerdings gespendet. Monatlich stünden ohne Erlass etwa 400 Euro an Warmmiete zu Buche.

Ist der Geraer Unterschlupf belegt, bleibt dem Verein nur, Betroffene nach Sachsen zu vermitteln. In Dresden und Leipzig gibt es gleichfalls solche Wohnungen. Ist deren Finanzierung besser geregelt?

Mit den Betreibern der Wohnungen besteht ein sehr enger Kontakt, allein durch das von uns aufgebaute Männerberatungsnetzwerk. Die sächsische Regierung hat sich klar für eine Finanzierung ausgesprochen, es zählt als Pilotprojekt, wofür Mittel in Höhe von etwa 100 000 Euro bereit gestellt wurden. Ein klares Bekenntnis, verbunden mit Wertschätzung. Übrigens wird derzeit eine weitere Wohnung in Chemnitz eingerichtet.

In Thüringen steht der Verein mit seinem Hilfsangebot in weiter Flur allein da. Enttäuschung auf ganzer Linie?

Ja. Zudem wir bei unserer diesjährigen Nachfrage zur Finanzierungsbereitschaft auch mitgeteilt haben, dass die Trägerschaft der Wohnung nicht unbedingt in den Händen des Vereins liegen muss. Hauptsache, die Wohnung besteht fort. Trotzdem bleibt es bei der Absage. Für uns klarer Wortbruch – und ein Armutszeugnis für Thüringen.

Wie geht es mit der Wohnung weiter? Sehen Sie noch eine Alternative für weiteres Geld?

Nein. Fundraising als Option beispielsweise ist sehr auf­wendig und ehrenamtlich nicht leistbar. Die WBG Aufbau zwar äußerte ausdrücklich den Wunsch, das Projekt auch künftig zu unterstützen. Sollte jedoch mit der Finanzierung Schluss sein, wird die Wohnung im Juli aufgelöst. Als Projektverantwortlicher bin ich müde geworden, habe mir viel zu viele Zusagen angehört, die nicht eingehalten wurden. Von Gewalt betroffene Männer werden sich künftig selbst kümmern und privat irgendwo unterkommen müssen. Wir können dann für sie weder eine Wohnung noch Ämtergänge noch eine therapeutische Hilfe organisieren. Natürlich wird unser Verein sie darauf hinweisen, wo die Ursache dafür liegt.

Zu den Kommentaren