In drei Wochen brannte Schloss Osterstein aus

Gera  Feodora Prinzessin Reuß über den Bombenangriff 1945 aufs Geraer Schloss. Teil 2 des OTZ-Interviews anlässlich ihres 100. Geburtstages.

Luftaufnahme des Geraer Schlosses.

Luftaufnahme des Geraer Schlosses.

Foto: Stadtmuseum Gera

Feodora Prinzessin Reuß wird am Montag 100 Jahre alt. Zum Jubiläum veröffentlicht die OTZ ein dreiteiliges Interview mit der Nachfahrin des letzten regierenden Fürsten von Gera. In Teil zwei erinnert sie sich an den Schlossbrand Ende des Zweiten Weltkrieges.

Prinzessin Reuß, Schloss Osterstein ging am 6. April 1945 in Flammen auf. Sie waren beim Bombenangriff vor Ort.

Ja, das war schrecklich. An diesem Tag war die Beerdigung des alten Kammerdieners meines Großvaters. Mein Mann war mit dem Pferdewagen zur Beisetzung gefahren. Währenddessen setzte Fliegeralarm ein. Als die Trauerfeier zu Ende war, ist er in großer Eile durch die Stadt zum Schloss hochgefahren. Dort brannte es bereits. Als er zu uns in den Schutzkeller kam, war er ganz ruhig. Er konnte so viel Ruhe ausstrahlen. Er sagte nur: „Es brennt etwas im Schloss.“

Wir hatten dort unten ein Wasserfass und tauchten die Windeln meines Sohnes hinein, um uns damit gegen Rauch und Hitze zu schützen. Wir haben uns dann erst einmal auf die Preußenwiese beim Schloss geflüchtet. Das Gebäudeensemble des oberen Hofes stand ja teilweise in Flammen. Auf der Wiese gab es eine Höhle, in der früher Eisblöcke aufbewahrt worden waren. Darin saßen meine Schwiegermutter aus Schlesien und eine ehemalige Erzieherin von mir aus Ostpreußen und hüteten meine beiden kleinen Kinder. Stunden später, nach Einbruch der Dunkelheit, sind wir dann ins Kammergut Ernsee gegangen, wo wir übernachtet haben. Man muss noch wissen: Zu dieser Zeit wohnten im ganzen Schloss und in den Nebengebäuden Flüchtlinge.

Gab es Tote?

Nein. Die meisten sind, Gott sei Dank, gerade noch vor dem Angriff weitergezogen. Es ist wie durch ein Wunder keinem Menschen nur das Leiseste passiert. Nur der Schlossverwalter und mein Mann hatten, nachdem sie die Nacht hindurch Brandwache gehalten hatten, eine leichte Rauchvergiftung. Das wurde mit Milch bekämpft.

Haben Sie Ihr ganzes Hab und Gut beim Brand verloren?

Einiges konnte gerettet werden, das meiste aber nicht. Wir hatten aber glücklicherweise weise kolossale Helfer. Kurz vorher war ein Zug mit ungarischen Soldaten in Gera angekommen, die in deutschen Uniformen steckten. Sie wurden zum Schloss abkommandiert.

Haben die Soldaten den Brand gelöscht?

Nein. Das war unmöglich. Die Feuerwehr konnte ja nicht kommen, da die Stadt ebenfalls brannte. Letztlich ist das Schloss bis auf die Grundmauern abgebrannt. Drei Wochen lang soll es immer mal wieder in irgendeiner Ecke aufgeflammt sein. Die Ungarn jedenfalls haben sehr viele Möbel aus dem Schloss geholt. Und sie haben Emmi Roß (ehemaliges Kindermädchen) gerettet. Das war ein weiteres Wunder.

Wie das?

Emmi Roß wollte in der Wohnung meiner Tante, die schon in Ebersdorf war, etwas retten. Hinzu kamen ein paar ungarische Soldaten. Und plötzlich waren alle vom Feuer eingeschlossen. Die Soldaten haben mit der Kraft ihrer Arme die Gitterstreben vor dem Schlossfenster so weit aufgebogen, dass man hindurchschlüpfen konnte. Unglaublich! Unten vor dem Fenster hatten Leute die brenzlige Situation erkannt und einen Teppich als Sprungtuch aufgespannt. Emmi Roß ist als erste gesprungen, die Soldaten hinterher.

Wohin sind Sie nach dem Brand gegangen?

Ins Schloss Ebersdorf, dem Sommersitz meiner Großeltern. Mein Onkel war schon mit seiner behinderten Schwester dort. Nach der Nachricht von Brand eilte er nach Gera, um zu sehen, was genau geschehen war. Mein Onkel und der Schlossverwalter sind sich weinend in die Arme gefallen.

In Ebersdorf haben wir dann unter amerikanischer Besatzung gelebt. Sie haben uns gut behandelt.

Warum sind Sie mit Ihrem Mann und den beiden kleinen Kindern nach Hessen geflüchtet?

Uns blieb ja keine andere Wahl. Die Schwester meines Mannes lebte in Hessen, und sie hat uns angeboten, zu ihr zu kommen. Als die Amerikaner eines Nachts plötzlich lautstark in Thüringen abzogen, sind wir mit unseren längst gepackten Treckwagen auch aufgebrochen. Wir sind vor den sowjetischen Soldaten geflüchtet.

Und der Onkel blieb in Ebersdorf?

Ja, er wollte bei seiner behinderten Schwester und seinen Angestellten bleiben.

Er gilt seit August 1945 als vermisst. Er wurde vom sowjetischen Militär verschleppt. Wie und wo er gestorben ist, ist bis heute nicht geklärt. Er war Mitglied der NSDAP. War er auch ein überzeugter Nazi?

Nein. Er hat wie viele Großgrundbesitzer gehandelt, die ihren Besitz retten wollten. Das war die Verpflichtung des Besitzers seinen Angestellten und den nächsten Generationen seiner Familie gegenüber. Da musste man in die Partei eintreten. Es gibt eine Anekdote, die seine Distanz zum Hitler-Regime unterstreicht. Er war bei der 96. Infanterie-Division in Gera. Dort hing im Casino ein großes Ölbild von Adolf Hitler. Es war schon zu später Stunde, man hatte bereits einiges getrunken: Plötzlich stand mein Onkel auf, stellte sich auf den Tisch, zog sein Messer und führte drei Schnitte aus – oben, rechts und links –, sodass Adolf nach vorn aus dem Bild fiel. Das war eine Katastrophe. Adolf war entehrt und baumelte aus dem Gemälde. Aber weder die Kameraden noch das Personal haben ein Wort über die Geschichte verlauten lassen. Sie haben alle dicht gehalten. Das Bild wurde schnell notdürftig repariert.

Ihr neuer Lebensmittelpunkt wurde Büdingen, nordöstlich von Frankfurt am Main.

Heimisch bin ich aber nie geworden. Ich habe mich immer nach Gera gesehnt.

Warum ist Ihnen Ihre Geburtsstadt Bad Doberan nicht so stark ans Herz gewachsen?

Mein Vater hat später, als ich fünf war, noch einmal geheiratet. Das passte mir, muss ich gestehen, gar nicht. Zuvor hatte ich meinen gestrengen, aber sehr gütigen Vater für mich. Und nun plötzlich sollte ich zu einer Frau, die ich als Tante kannte, Mama sagen. Sie und ich haben uns aber später, als wir beide Flüchtlinge waren, sehr gut verstanden.

Wie haben Sie in Büdingen Ihren Lebensunterhalt bestritten? Sie bekamen ja noch vier weitere Kinder.

Mein Mann wurde Generalbevollmächtigter seines Schwagers, Fürst Otto Friedrich zu Ysenburg und Büdingen. Wir kamen dort in einem Ysenburgischen Haus unter. Die Schwester meines Mannes, Felizitas, hat uns mit Möbeln, Geschirr und Hausrat ausgeholfen.

Mein Mann hatte aber auch immer wieder Probleme mit seinem Bein. Das hatte er sich im Krieg verletzt.

Was genau war passiert?

Es war ein schwerer Unfall. Er diente 1941 im Panzerregiment. Er wurde, als er auf einer Verkehrsinsel stand, von einem Panzer überfahren. Später stellte sich heraus, dass der Fahrer betrunken war. Das rechte Bein meines Mannes war schwer verletzt. Er verlor sehr viel Blut und musste sofort ins Lazarett nach Lübeck gebracht werden. Dort blieb er fast zehn Monate. Es stand auf Messers Schneide. Ich konnte glücklicherweise bei ihm sein. Dank eines brillanten Professors wurde das Bein gerettet. Danach war mein Mann kriegsuntauglich, er lahmte. So zogen wir nach Gera aufs Schloss Osterstein. Er hat dort in der reußischen Verwaltung gearbeitet.

In Lübeck hatte ich auch Klavierunterricht bei einem renommierten bulgarischen Pianisten, Sava Savof, erhalten. Er hat mich musikalisch einen großen Schritt voran gebracht.

Teil 1: Feodora Prinzessin Reuß: „Es war herrlich bei den Großeltern in Gera“

Im letzten Interview-Teil spricht Feodora Reuß am Montag über ihren ersten Besuch in Ostthüringen nach der Wende und ihre Rückkehr nach Gera.

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