Kahla mit „Stolpersteinen“ für jüdische Mitbürger

Kahla  Fünf „Stolpersteine“ zur Erinnerung an jüdische Mitbürger, die in der NS-Zeit deportiert wurden, hat der Bildhauer Gunter Demnig am Sonnabend in Kahla verlegt. Ehrengast war der Vize-Bürgermeister der italienischen Partnerstadt Castelnovo ne‘ Monti, Emanuele Ferrari.

Gunter Demnig am Sonnabend in Kahla bei der Aktion „Stolpersteine“. Foto: Thomas Stridde

Gunter Demnig am Sonnabend in Kahla bei der Aktion „Stolpersteine“. Foto: Thomas Stridde

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Jetzt verfügt auch Kahla über seine ersten „Stolpersteine“. Der Kölner Bildhauer Gunter Demnig, der mit diesen im Straßen- oder Wegegrund eingelassenen Mahnmalen berühmt geworden ist, hat am Sonnabend fünf solcher Steine verlegt. Sie erinnern nun dank der Namen auf den oberseitigen Messingplatten an jüdische Mitbürger, die in der Zeit des Nationalsozialismus deportiert wurden oder den Tod fanden.

Wie zuvor bereits an 1100 Orten in Deutschland und in weiteren 20 Ländern praktiziert, hat Demnig auch in Kahla die „Stolpersteine“ vor jenen Häusern eingepflastert, die von den jüdischen Mitbürgern bis zum Tag ihrer Deportation bewohnt worden waren: Das ist die Familie Adolf, Lotte und Clothilde Jacobsthal, die in der Roßstraße 28 einen so genannten Volksbasar für Haushaltswaren und Textilien betrieb.

Und das sind Flora Cohn und ihre Tochter Erna Tittel, die in der heutigen Rudolf-Breitscheid-Straße 16 ein Bekleidungsgeschäft führten. Adolf Jacobsthals Spur verlor sich nach der Deportation im Ghetto Belzyce; seine Frau nahm sich auf die Nachricht von der Deportation hin das Leben, indessen Tochter Lotte mit einem Kindertransport nach Schweden gelangte. Flora Cohn wurde im KZ Theresienstadt ermordet; ihre Tochter erlebte die Befreiung des Konzentrationslagers.

Kahlas Bürgermeisterin Claudia Nissen-Roth (parteilos) sprach von den „häufig verwischten Spuren des Leidens“. Umso mehr erfülle es sie mit Genugtuung, dass nun ein im Juni gefasster Stadtratsbeschluss zu den Stolpersteinen in die Tat umgesetzt wurde.

Zur Identifikation mit der Heimatstadt gehöre es auch, mit ihrer Geschichte vertraut zu sein. Und das Erinnern an die Familien Jacobsthal und Cohn/Tittel könne helfen, „das Bewusstsein zu schärfen, dass solche Verbrechen nie wieder vorkommen“.

Die Stolpersteine seien „kleine Orte des Innehaltens“, sagte Bundestagsabgeordneter Albert Weiler (CDU); sie machten bewusst, „dass Verbrechen nicht nur abstrakt“ waren für Kahla, „sondern mitten unter uns in dieser Stadt“ geschehen konnten. Deshalb sprach Weiler auch eine ganz heutige „scheindemokratische Partei“ an (ohne das Kürzel AfD in den Mund zu nehmen), die doch gerade empfohlen habe, das Nazi-Wort „völkisch“ wieder „neu und positiv zu besetzen“.

„Ich stehe mit Schülern still vorm Walpersberg“

Gemeinsam auf den Weg gebracht hätten das „Stolperstein“-Projekt der Partnerschaftsverein Kahla, die Stadt, das Bildungswerk Blitz, die Evangelische Kirche und der Geschichts- und Forschungsverein Walpersberg, berichtete dessen stellvertretender Vorsitzender Markus Gleichmann. Die Schicksale der Familien Jakobsthal und Cohn/Tittel seien die bislang einzigen in Kahla, die mit der „Stolperstein“-Maßgabe recherchiert wurden.

Finanziell konnte das Projekt geschultert werden dank Lottomitteln, die die Thüringer Staatskanzlei bewilligte, und mit Spenden des Vereins Alternative 54 der Thüringer Linken-Landtagsfraktion.

Vor den Gästen stellte Gleichmann in seiner Rede fest: „Ein Mensch ist erst dann vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“

Bewegende Abrundung fand die Feier zur „Stolperstein“-Einweihung mit der Anwesenheit des stellvertretenden Bürgermeisters von Castelnovo ne‘ Monti, Emanuele Ferrari.

Etwa 60 Menschen aus der heutigen Partnerstadt gehörten zu den 452 Italienern, die vor Kriegsende nach Kahla deportiert worden waren, um als Zwangsarbeiter das NS-Rüstungswerk Reimahg im Walpersberg in Großeutersdorf mitzubauen. Von den 60 Arbeitern aus Castelnovo ne‘ Monti seien 22 nicht nach Hause zurückgekehrt, berichtete Markus Gleichmann.

„Erinnerung ist permanente und anstrengende Arbeit“, sagte Emanuele Ferrari, der das auch auf den Besuchsaustausch beider Städte bezog: „Ich werde mit Schülern still vorm Walpersberg stehen.“ In Castelnovo ne‘ Monto, so berichtete der Vize-Bürgermeister, erinnern Stolpersteine an das Walpersberg-Schicksal von vier italienischen Mitbürgern.