Landesfunkhaus-Direktor Boris Lochthofen: „Deutsche Schlager sind ein Abschaltgrund“

Gera  Im OTZ-Interview erläutert Landesfunkhaus-Direktor Boris Lochthofen, warum der Radiosender MDR Thüringen nur wenige deutschsprachige Titel im Programm hat.

Boris Lochthofen leitet seit 1. Februar 2016 als Direktor das MDR-Landesfunkhaus Thüringen. Zuvor führte er die Geschäfte bei den Privatradiosendern PSR und R.SA in Sachsen.

Boris Lochthofen leitet seit 1. Februar 2016 als Direktor das MDR-Landesfunkhaus Thüringen. Zuvor führte er die Geschäfte bei den Privatradiosendern PSR und R.SA in Sachsen.

Foto: Sascha Fromm

Nach dem offenen Brief der Geraer Senioren, die sich über das MDR-Programm beschweren, und den vielfältigen Reaktionen unserer Leser darauf haben wir ein Interview mit Boris Lochthofen geführt. Er ist seit 1. Februar 2016 Direktor des Landesfunkhauses Thüringen.

Die Geraer Senioren haben einen Brief geschrieben, weil der Radiosender MDR Thüringen kaum noch deutschsprachige Musik spielt. Wie reagieren Sie darauf?

Wir laden die Senioren natürlich zu uns ins Landesfunkhaus ein. Wir möchten mit ihnen über die Musikauswahl diskutieren und zeigen, wie komplex die Entscheidungen sind, welche Musik wir spielen.

Warum haben Sie überhaupt die Musikauswahl verändert?

MDR Thüringen hat sein Musikprogramm seit 2012 Stück für Stück modernisiert. Unsere Musikfarbe ist jünger geworden, aber wir bleiben ein Oldie-basiertes Format. Die Motivation liegt in unserem Grundversorgungsauftrag, wonach wir möglichst viele Menschen erreichen sollen. Die Reichweiten­entwicklung gibt uns Recht.

Wieviele Hörer haben Sie?

MDR Thüringen ist so erfolgreich wie nie in seiner Geschichte. Wir zählen über 250.000 Hörer pro Stunde und sind damit so stark wie alle anderen Thüringer Radioprogramme zusammen.

Warum senden Sie keine deutschsprachigen Schlager mehr?

Über die Marktforschung ergründet unsere Musikredaktion regelmäßig, wie einzelne Titel ankommen. Dabei spüren wir Vorlieben, registrieren für einzelne Titel aber auch große Ablehnung. Lieder, die gut ankommen, nehmen wir in unsere Musikrotation auf. Unsere Marktforschung hat jedoch gezeigt, dass deutsche Schlager für neunzig Prozent unserer Hörerinnen und Hörer ein Grund zum Abschalten sind.

Stört ein Lied zur Abwechslung wirklich so sehr?

Im Herbst hatten wir die Aktion MDR Jukebox im Programm, in der wir auch ausgefallene Stücke gespielt haben wie zum Beispiel „Hey Joe“ von Jimi Hendrix. Das führte gleich zu deutlichen Reaktionen: positiv und negativ. Massenprogramme sind Kompromisse. Wer eine sehr spezielle Musikrichtung mag, ist bei einem klassischen regionalen Radiosender nicht gut aufgehoben, sondern wird besser über einen Streamingdienst oder seine CD-Sammlung versorgt.

Unsere Leser kritisieren, dass häufig dieselben Titel laufen. Wie viele Lieder enthält Ihre Musikrotation?

Wir haben eine umfangreiche Rotation mit einer vierstelligen Anzahl Liedern. Zum Vergleich: Bei anderen Sendern ist die Rotation nur 300 bis 400 Titel stark, bei jungen Sendern mit brandaktueller Chartmusik sind gar nur 150 bis 200 Titel drin. Aber klar ist: Auch wir können nicht permanent die Lieblings-B-Seiten eines Musikredakteurs spielen. Wir haben immer den Auftrag, einen Kompromiss zu finden, indem wir Musik spielen, die möglichst viele Menschen kennen.

Wer entscheidet, wann welcher Titel läuft?

Den groben Musik-Programmplan stellt ein Computerprogramm aus den getesteten Titeln zusammen. Unsere Musikredakteure bearbeiten diese Vorschläge, schauen auf die Übergänge oder beispielsweise auf das erste Lied, mit dem wir in eine Programmstunde starten.

Macht es von den Lizenz­gebühren einen Unterschied, ob Sie englischsprachige oder deutsche Titel spielen?

Da gibt es keinen Unterschied. Ein Titel von Rod Steward ist nicht teurer oder günstiger als einer von Helene Fischer. Wir zahlen Pauschalbeträge an die Verwertungsgesellschaften, die wiederum die Gelder an die Künstler ausschütten.

Ihre Sendung „100 Prozent deutsch“ hatte viele Fans. Warum haben Sie diese aus dem Programm genommen?

Das ist eine Konsequenz aus der Programmumstellung. Wir haben die MDR-Schlagerwelt im digitalen Radio DAB+ etabliert und damit ein komplett eigenes Angebot geschaffen. Wer Schlager mag, hat auf diesem Sender die Chance, 100 Prozent Schlager rund um die Uhr zu hören und trotzdem die Thüringer Nachrichten zu erhalten.

Am Abend schalten sowieso weniger Menschen das Radio ein. Warum musste die Sendung unbedingt wegfallen?

Weil es die Gewohnheiten der meisten Hörer von MDR Thüringen bricht. Wir schließen aber nicht aus, bei besonderen Ereignissen oder Thementagen die Schlager ins Programm zu rücken. Aber in der Regelmäßigkeit planen wir die Sendung nicht mehr.

Müssen Sie so sehr auf die Quote schauen als öffentlich-rechtlicher Sender – oder gehört es nicht auch zum Auftrag, in Randzeiten speziellere Interessen zu bedienen?

Das Konzert der Radioprogramme des MDR reicht von aktueller Information und Kultur über Pop, Klassik bis hin zur MDR Schlagerwelt. Da ist für alle Interessen etwas dabei. Der Hauptauftrag von uns bei MDR Thüringen ist aber vor allem, die Korrespondentenberichte und Nachrichten aus den Thüringer Regionen zu so vielen Menschen wie möglich zu bringen. Die gute Quote ist für uns also eher eine Bestätigung, dass diese in der Produktion teuren Inhalte auch wirklich gehört werden.

Wenn schon keine Schlager, warum spielen Sie dann nicht wenigstens mehr andere deutsche Titel?

Einige der beliebtesten Titel aus unserer Musikfarborientierung sind deutsche Titel. „Cello“, „Ein Herz kann man nicht reparieren“ oder „Hinterm Horizont geht‘s weiter“ von Udo Lindenberg zum Beispiel sind absolute Lieblingsstücke unserer Hörer. Natürlich spielen wir Klaus Lage, Peter Maffay und Heinz Rudolf Kunze. Aber für die nötige Abwechslung brauchen wir die englischsprachigen Hits, von denen es nun mal viel mehr gibt, die bei allen ankommen.

Unsere Leser merkten an, Sie sollten auch regionalen Bands eine Chance geben. Sicherlich ist Heaven Shall Burn eine Metalcore-Band, aber planen Sie ein Format, in dem auch Thüringer Künstler zum Zuge kommen?

Wir haben ja mit „Cello“ einen Titel dabei, der von unserem Thüringer Ausnahme-Star Clueso und von Udo Lindenberg stammt. Sicherlich spielen die regionalen Künstler eine Rolle in Spezialsendungen. Unser breiter Auftrag spricht aber dagegen, sie in die tägliche Rotation aufzunehmen. Wir sollen möglichst viele Menschen erreichen, entsprechend stellen wir das Programm zusammen.

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