Leutenberg: Neue Galerie samt Rückzugs- und Schöpfungsort

Leutenberg  Mit „Art.Xandria“ öffnet in Leutenberg eine Galerie – Gernhardts haben hier ihren neuen Lebensmittelpunkt gefunden

Maler, Fotograf und Musiker Udo von Gelden in den Räumen der künftigen Galerie „Artxandria". Rund zweieinhalb Jahre nach Erwerb des Hauses sowie einigermaßen abgeschlossener Sanierung soll in vier Wochen die Galerie in Leutenberg eröffnet werden.

Maler, Fotograf und Musiker Udo von Gelden in den Räumen der künftigen Galerie „Artxandria". Rund zweieinhalb Jahre nach Erwerb des Hauses sowie einigermaßen abgeschlossener Sanierung soll in vier Wochen die Galerie in Leutenberg eröffnet werden.

Foto: Jens Voigt

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Künstlerboheme, kreativer Austausch, kunstsinnige Flaneure mit lockerem Geldbeutel – all dies verbindet man eher nicht mit Leutenberg. Erst recht nicht Linien, die bis zu den Globalkunst-Tempeln von Venedig, Basel oder Los Angeles führen. Doch es bahnt sich etwas an. Trotz Leutenbergs Hinterwaldesruhe. Oder gerade deswegen.

Udo Gernhardt mustert die Blumen im Hof, die teils unverputzten Wände in den Fachwerk-Gevierten. Es ist sein Ruhe- und sein Ankerplatz, Refugium des Nachdenkens, des Formens an Ideen, Konturen, Farben und Sounds. „Hier passt einfach alles“, sagt Gernhardt, „das positive Umfeld, die reine Luft, die durch die sieben Täler gefiltert wird, die Energie“. Ein Bekannter aus Bayern habe per Wünschelrute das Haus und den Hof auf Energiefelder ausgepunktet: „Hier läuft alles zusammen, die absolute Harmonie.“

Autodidaktisch das Rüstzeug angeeignet

Gernhardt, aus Saalfeld stammend, hat zu DDR-Zeiten Keramik-Formenherstellung gelernt, ging später zur Konsum-Werbung und in die Messegestaltung. Nach dem NVA-Dienst entfleuchten DDR und Konsum, er gründete seine eigene Werbefirma, wurde Geschäftsführer von Gutenberg-Druck in der Saalfelder Dürerstraße: Verpackungen, Werbezeug, Etiketten für Brauereien. Bald zu begrenzt für den kreativen Geist, der sich autodidaktisch das Rüstzeug als Grafiker und Maler angeeignet hatte: Im Jahr 2000 ließ Gernhardt Druck und Geschäft sein, wurde freischaffender Künstler und „Udo von Gelden“. Mit Atelier in der ehemaligen Zeitungsdruckerei.

Sein Werk schillert in vielen Facetten. Er arbeitet in Öl und mit Kreide, Aquarelle stehen neben Zeichnungen und getuschter Grafik. Die Außenwelt, gespiegelt über die innere Befindlichkeit, ausgeschält, verschoben, verfremdet. Mal nur eine surrealistische Phasenverschiebung, mal herausgeköchelte, strenge Abstraktion. Im Mittelpunkt fast immer der Mensch, umtanzt, umsponnen von Möglichkeiten, Begrenzungen, Zumutungen. Auffällig die Dynamik der Bildsprache, fast immer sind da ein Treiben, Rhythmus, Kadenzen zu spüren. Musik sei häufig seine Inspiration, bestätigt Gernhardt respektive Udo von Gelden, der als Gitarrist und Bassist in diversen Gruppierungen spielte und spielt, als Studiomusiker und Produzent wirkt, etwa für die tschechische Frauen-Rockband „The Apples“ oder den Ex-Renft-Musiker Thomas „Monster“ Schoppe. Im Oktober sollen zwölf eigene Titel auf CD erscheinen. Name des Projekts: „Volkswacht“.

Aus deren ehemaliger Druckerei freilich hat sich Udo Gernhardt ebenso verabschiedet wie vom Lebensmittelpunkt Saalfeld. „Zu laut, zu anstrengend“ sei ihm die Stadt geworden, sagt er. Drum also Leutenberg, „dass man als Saalfelder ja kennt“. Nicht zuletzt die Haut-Fachklinik im Schloss mit dem langjährigen Spiritus Rector Ilja Lazaroff, der Gernhardts bzw. von Geldens Kunst schätzt, Kontakte zu Galerien in seiner Heimat Bulgarien vermittelt. Noch eine bulgarische Linie führt in die Hauptstraße 2: Hier, wo früher einmal ein Modegeschäft und später ein Reisebüro unter den Wohnungen firmierte, hatte sich ein Musiker niedergelassen, von dem Gernhardt nur noch den Vornamen Vlado weiß. Nach dessen Tod erwerben Gernhardt und seine Frau Angela das Haus. Zweieinhalb Jahre währen Ausräumen, Entkernen, Sanieren; fast alles erledigt Gernhardt selbst. Als Sohn eines Tischlers sei ihm das Handwerkliche sozusagen eingeprägt, meint er. Drei Wohnungen sind fertig, die Ausstellungsräume der Galerie „Art.Xandria“, für den Eingangsbereich fehlen nur noch Anrichte und Tresen, in vier Wochen soll Eröffnung sein. Natürlich mit Musik von Geldens und befreundeten Künstlern wie Kristian Körting und Christian Müller. Bis dahin wird auch Angela Gernhardt ihre Saalfelder Leinen lösen, statt als Feengrotten-Führerin in der Aufnahme der Leutenberger Klinik arbeiten und nebenher die Galerie führen. Die mit der Keramik von Renate Neils schon jetzt eines ihrer Charakteristika andeutet: Schaufenster auch für andere Künstler aus der Region zu sein. Und gegebenenfalls Rückzugs- und Schöpfungsort – im Seitengebäude sollen Gästewohnungen entstehen, von Geldens Atelier wird ihnen offenstehen.

Noch gibt es vieles zu tun am Haus und im Hof für Udo Gernhardt. Derweil scharrt mehr und mehr der Künstler Udo von Gelden mit den Füßen. Mit zehn Bildern wird er ab August gemeinsam mit 280 weiteren Künstlern die Biennale-Bilderschau in Venedig bestücken, Spielwiese der globalen bildenden Kunst und Pflicht-Besuchsziel der Macher von Art Basel oder Art Los Angeles, größte und teuerste Kunstmessen der Welt. Außerdem muss er noch „minimum 30 Stück“ neue Foto-Kunstwerke für eine Ausstellung des bulgarischen Tourismusverbands liefern, Thema „Menschen“. Seit er im letzten Oktober „Künstler des Monats“ auf einem Fachportal der Branche wurde, läuft es für von Gelden – zumindest bei den Anfragen.

Über diese Portale, über Internet, Facebook und Instagram laufe das Geschäft, erklärt der 52-Jährige, die Galerie sei eher Wohn- und Schauzimmer, vielleicht ja auch für ein paar Schlossgäste beim Spaziergang. Schon jetzt und trotz Haus-Umbau sei er „viel entspannter“, sagt Gernhardt respektive von Gelden. Und Leutenberg also gut für seine Kunst.

Mehr Informationen unter www.vongelden.info Jens Voigt über Leutenbergs neue Kunst-Gefühle

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